Mittwoch, 25.04.2018

Foto: danielvfung/Thinkstock/Getty Images

Markt in Hongkong: Oft nehmen es die Händler nicht so genau, ob es sich bei den verkauften Waren um eine Fälschung handelt.

Recht & Steuern
Produktpiraterie

„Renommierte Markenprodukte stehen immer im Fokus“

Der Schaden, den Plagiate anrichten, befindet sich seit Jahren auf einem sehr hohen Niveau. Jedes mittelständische Unternehmen, dessen Produkte heute international vertreten und erfolgreich sind, werde von Plagiatoren ins Visier genommen, erklärt Christine Lacroix von der Aktion Plagiarius.

Frau Lacroix, gibt es heute mehr Produktplagiate als früher?
Seit 1977 hat das Problem der Produkt- und Markenpiraterie extrem stark zugenommen, besonders in den vergangenen 20 Jahren. Unter anderem bedingt durch die Globalisierung, den generellen technischen Fortschritt und die Digitalisierung. Vor allem der Internethandel, etwa über Amazon, Alibaba & Co. hat dazu beigetragen, dass sich Fälschungen seitdem viel schneller verbreiten können.

 

Info

Aktion Plagiarius
Der Negativpreis „Plagiarius“ wurde 1977 von dem Designer Rido Busse ins Leben gerufen und wird seitdem jährlich an Hersteller und Händler besonders dreister Nachahmungen aus aller Welt verliehen. Über die Preisträger wird international berichtet. Ziel ist es, Industrie, Politik und Verbraucher für das Problem der Produkt- und Markenpiraterie zu sensibilisieren und daraus entstehende wirtschaftliche Schäden sowie Sicherheitsrisiken in den öffentlichen Fokus zu rücken. Das Museum Plagiarius wurde 2007 eröffnet und zeigt mehr als 350 Beispielpaare von Originalprodukt und Fälschung.

Die „Aktion Plagiarius“ gibt es seit mehr als 40 Jahren. Wie vielen Plagiaten haben Sie seitdem den Schmähpreis verliehen?
In dieser Zeit wurden zum Plagiarius-Wettbewerb mehr als 1.600 Plagiatsfälle erfolgreicher Produkte eingereicht, von denen rund ein Viertel prämiert wurde. Pro Jahr gibt es zwischen 25 und 60 Einreichungen.

Foto: Aktion Plagiarius

Christine Lacroix ist bei der Aktion Plagiarius hauptverantwortlich für die Organisation der jährlichen Plagiarius-Verleihung.

Aus welchen Ländern kommen die Plagiate, die in Deutschland auf dem Markt landen?
Rund 80 Prozent der Plagiate und Fälschungen kommen aus China. Wir machen aber auch immer öfter die Erfahrung, dass auch so manch europäische Firma keine Skrupel hat zu plagiieren. Häufig stammen der Originalhersteller und der Plagiator sogar aus demselben Land, auch in Deutschland gibt es regelmäßig solche Fälle.

Sind das dann auch kleine Hinterhofwerkstätten, wie man sie aus Asien kennt?

Keineswegs. Teils sind es einfach ideenlose Mitbewerber. Oft handelt es sich aber auch um ehemalige Vertriebs- oder Produktionspartner. Manche prüfen gezielt, ob gewerbliche Schutzrechte eingetragen sind. Ist dies nicht der Fall, rechtfertigen sie die plumpe Kopie mit einer lapidaren Aussage: „Wir machen nichts Illegales“. Solche Fälle sind dann schon die Oberdreistigkeit.

Wie Mittelständler gegen Plagiate Ihrer Produkte vorgehen können, klären wir in einem eigenen Artikel gemeinsam mit der Fachanwältin Aliki Busse.

Wie hoch ist der volkswirtschaftliche Schaden, der durch Plagiate für die deutsche Wirtschaft entsteht?

An den EU-Außengrenzen hat der Zoll 2016 gut 40 Millionen rechtsverletzende Produkte beschlagnahmt. Das entspricht einem volkswirtschaftlichen Schaden von 670 Millionen Euro; allein der deutsche Zoll hat 2016 Waren im Wert von 180 Millionen Euro beschlagnahmt. Diese Zahlen bewegen sich auf einem konstant hohen Niveau. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Zahl beinhaltet noch nicht den Schaden, der innereuropäisch beziehungsweise innerdeutsch verursacht wird.

Welche Produkte und Unternehmen sind von Plagiaten besonders betroffen?

Renommierte Markenprodukte stehen immer im Fokus der Nachahmer. Ebenso viele andere Produkte „Made in Germany“ aufgrund des weltweiten Renommees. Grundsätzlich läuft aber jedes Produkt, das erfolgreich und massentauglich ist, Gefahr, plagiiert zu werden. Den „Plagiarius“ haben wir in fast allen Branchen verliehen. Und je mehr sich ein Unternehmen auf internationalem Parkett bewegt, desto größer ist auch das Risiko, kopiert zu werden.


Wo finden Plagiatoren ihre „Opfer“?
Viele fahren gezielt auf Fachmessen, um nach neuen Produkten Ausschau zu halten.

Unter den Einreichern zum Plagiarius-Wettbewerb sind auffällig viele mittelständische Unternehmen. Wie erklären Sie sich das?

Viele große Unternehmen fürchten – unserer Meinung nach zu Unrecht – um ihren Ruf und wollen deshalb lieber kein großes Aufsehen erregen. Und tatsächlich ist gerade der innovative Mittelstand, der oft ebenso global agiert, stark von Produktpiraterie betroffen. Kleine und mittelständische Unternehmen wollen mit der Teilnahme an unserem Wettbewerb auf unfaires Wettbewerbsverhalten und Risiken teils minderwertiger Plagiate öffentlich aufmerksam machen.

Welches war in den vergangenen 40 Jahren die dreisteste Fälschung, die Ihnen untergekommen ist?
Da gibt es leider viele. Bei einer gefälschten Autofelge hat der TÜV-Belastungstest ergeben, dass schon nach kurzer Zeit Risse aufgetreten sind und sie auseinander gebrochen ist. Es gibt sogar gefälschte Malaria- oder Krebsmedikamente, die keine oder falsche Wirkstoffe enthalten – das kann nicht einmal der Fachmann gleich erkennen. Solche Beispiele sind ethisch-moralisch nicht mehr zu rechtfertigen, sondern einfach nur skrupellos und kriminell.

Was hat die „Aktion Plagiarius“ in den vergangenen Jahren für die Betroffenen erreicht?

Bereits in den achtziger und neunziger Jahren haben wir mit dazu beigetragen, dass es einen verbesserten gesetzlichen Designschutz gibt und dass auch der Handel mit Plagiaten strafbar ist. Darüber hinaus freut es uns, dass der hohe Bekanntheitsgrad des „Plagiarius“ regelmäßig seine abschreckende Wirkung zeigt.

Inwiefern?

Rund 10 Prozent der Nachahmer suchen aus Angst vor öffentlicher Blamage eine Einigung mit dem Originalhersteller oder haben Restbestände der Plagiate vom Markt genommen, Unterlassungserklärungen unterschrieben oder aber Lieferanten preisgegeben. Gleichzeitig versuchen wir bei den Unternehmen das Bewusstsein für Bedeutung und Wirksamkeit von gewerblichen Schutzrechten zu steigern.

Tun auch die Regierungen in Asien etwas dafür, um das Problem einzudämmen?

Die Erfahrungen betroffener Firmen zeigen, dass sich auch bei der Durchsetzung einiges Positives tut. Peking hat sich ja sehr ehrgeizige Zukunftsziele gesetzt – China will weg vom negativen Image eines Herstellers von billig produzierten und gefälschten Waren. Übrigens sehen auch erfolgreiche chinesische Hersteller Plagiate keineswegs als Kavalierdelikt an – die fackeln nicht lange. Wenn eines ihrer Produkte gefälscht wird, gehen sie konsequent juristisch dagegen vor.

Info

Zur Person
Christine Lacroix ist bei der „Aktion Plagiarius“ hauptverantwortlich für die Organisation der jährlichen Plagiarius-Verleihung. Darüber hinaus ist sie zweite Vorsitzende des Museum Plagiarius in Solingen.