Donnerstag, 07.06.2018
Konzentration, bitte: Auch der private Livestream auf dem Smartphone oder Arbeits-PC kann vom Chef verboten werden.

Illustration: Bplanet/Thinkstock/Getty Images

Konzentration, bitte: Auch der private Livestream auf dem Smartphone oder Arbeits-PC kann vom Chef verboten werden.

Recht & Steuern
Rechtliche und steuerliche Fragen

Was Chefs zur Fußball-WM wissen müssen

Public Viewing, früher Feierabend und Trikot statt Anzug: Von Mitte Juni bis Mitte Juli könnte in zahlreichen Unternehmen Ausnahmezustand herrschen. Doch Chefs müssen – und sollten – nicht jede Eskapade der Mitarbeiter dulden.

Ab dem 14. Juni dürfte bei etlichen deutschen Mittelständlern die Arbeit nicht mehr im Fokus jedes Mitarbeiters stehen. Denn an diesem Nachmittag starten 32 Fußball-Nationalmannschaften in das WM-Turnier, das bis zum 15. Juli in Russland ausgetragen wird. Aufgrund der Zeitverschiebung beginnen einige Spiele bereits am Nachmittag deutscher Sommerzeit. Gerade in sehr internationalen Unternehmen könnten nicht nur diejenigen Tage zu einem Interessenkonflikt führen, an denen das deutsche Team zu Spielen antritt. Denn auch die Auswahlmannschaften zum Beispiel aus Serbien, Marokko und der Iran sind bei dem Turnier dabei. Und Mitarbeiter aus diesen Ländern wollen auch mit „ihrer“ Mannschaft fiebern.

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Unternehmen gehen mit dem Großereignis Fußball- Weltmeisterschaft unterschiedlich um: Der eine Chef lässt seine Mitarbeiter früher Feierabend machen und schenkt ihnen die verlorene Arbeitszeit (oder lässt sie nacharbeiten), der andere bleibt hart und verbietet das Fußballschauen am Arbeitsplatz und erlaubt auch keine Sonderregeln für den Feierabend. Wiederum andere Firmen nutzen die Spiele der deutschen Mannschaft als Incentive für ihre Mitarbeiter und veranstalten ein großes Public Viewing für die Belegschaft. Positiver Nebeneffekt: Teambuilding und Motivation der Mitarbeiter werden gesteigert.

Arbeits- und steuerrechtlich gesehen, ist vieles möglich und erlaubt. Was Mittelständler im Einzelnen beachten sollten, haben wir mit dem Rechtsanwalt Andreas Hintermayer und dem Steuerberater Erwin Reicholf geklärt.

Kein Recht auf Fußball

„Grundsätzlich muss der Arbeitgeber es seinen Mitarbeitern nicht erlauben, dass sie sich während der Arbeitszeit Fußballspiele ansehen“, sagt Rechtsanwalt Andreas Hintermayer von der Kanzlei Ecovis in München – und zwar unabhängig vom Übertragungsweg. Auch der Liveticker auf dem Smartphone oder Arbeits-PC kann verboten werden.

Um Probleme zu vermeiden, rät Hintermayer zu klaren Anweisungen: „Der Chef muss eindeutig regeln, ob und wann die Kollegen die Spiele während der Arbeit mitverfolgen oder früher nach Hause gehen dürfen“, sagt er. Auch ob und in welcher Form die Zeit nachoder vorzuarbeiten ist, sollte eindeutig geregelt sein. Wie das passiert, steht jedem Unternehmer frei. Allerdings weist Hintermayer auf den arbeitsrechtlichen Grundsatz der Gleichbehandlung aller Mitarbeiter hin. Demnach dürfen einzelne Abteilungen oder Mitarbeiter nur anders behandelt werden, wenn dafür ein sachlicher Grund besteht – so müssen Servicemitarbeiter unter Umständen auch während der Weltmeisterschaftsspiele für Kunden erreichbar sein, aber nicht unbedingt jeder Mitarbeiter in der Finanzabteilung.

Außerdem gilt: Wer Fußball schaut, sollte Rücksicht nehmen. „Wenn Kollegen so laut herumgrölen, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, dann stört das den Betriebsablauf“, sagt Hintermayer. „Und es macht bei Kunden keinen guten Eindruck.“ Wer sich nicht an die Regeln hält, kann verwarnt oder bei gröberen Verstößen abgemahnt werden. Eine Kündigung ohne vorherige Abmahnung ist laut Hintermayer nur auf ganz extreme Ausnahmefälle beschränkt.

Im Trikot am Schreibtisch

Grundsätzlich kann der Arbeitgeber das Tragen bestimmter Dienstkleidung anordnen. Also könne er auch verbieten, dass die Mitarbeiter im Trikot ihrer Lieblingsnationalmannschaft bei der Arbeit erscheinen, sagt Rechtsanwalt Andreas Hintermayer und ergänzt: „Die Regelungen müssen aber angemessen sein.“ Das heißt: Wer üblicherweise einen Anzug tragen muss, zum Beispiel als Vertriebsmitarbeiter, der wird dies auch während der Fußball-Weltmeisterschaft tun müssen. „Auch das Tragen bestimmter Sicherheitskleidung kann aus Gründen der Fürsorgepflicht geboten sein“, sagt Hintermayer. Beim ITler hingegen, der nur inhouse eingesetzt ist und sonst im T-Shirt zur Arbeit kommt, dürfte das Tragen eines Fußballtrikots während der WM hingegen weniger ein Problem sein.

Gemeinsam anfeuern

Was zu Zeiten, als noch nicht in jedem Wohnzimmer ein TV-Gerät stand, normal war, hat nach der Jahrtausendwende als „Public Viewing“ eine Wiederauferstehung gefeiert: Man schaut wieder gemeinsam Fußball. Auch manche Unternehmen versuchen, mit solchen Events zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Mitarbeiter können bis kurz vor Anpfiff noch arbeiten, zugleich steigen die Moral und der Zusammenhalt unter den Angestellten.

Unternehmen müssen steuerrechtlich allerdings einiges beachten, sagt Erwin Reicholf, Steuerberater bei Ecovis: „Lohnsteuerlich gibt es keine Nachteile, solange die Arbeitnehmer das Fußballschauen selbst organisieren, eigenes Essen und Getränke mitbringen und der Arbeitgeber nur die Räumlichkeiten sowie den Fernsehapparat zur Verfügung stellt.“ Anders sieht es aus, wenn – wie es der Normalfall sein dürfte – der Arbeitgeber Getränke und Verpflegung spendiert. Dann kommen die Mitarbeiter in den Genuss eines lohnsteuerpflichtigen Vorteils – der allerdings bis zu 110 Euro pro Person und Jahr steuerfrei ist. Diese Freigrenze gilt auch, wenn die Familien der Arbeitnehmer an der Veranstaltung teilnehmen. Richtig kompliziert wird es, wenn das Unternehmen auch Kunden einlädt. „In diesen Fällen kann es zum Beispiel Probleme beim Betriebsausgabenabzug geben“, sagt Reicholf, „und auch die Besteuerung bei Arbeitnehmern und Geschäftspartnern ist genauestens zu prüfen.“ Im Zweifel sollten die Unternehmer ihren Steuerberater schon im Vorfeld fragen.

Auch bei der Beurteilung von Haftungs- und Versicherungsfragen kann es eine Rolle spielen, ob das Rudelgucken von der Betriebsleitung getragen – also organisiert oder finanziert – wird. Denn nur dann und wenn es allen Beschäftigten offensteht und auch ein wesentlicher Teil der Belegschaft daran teilnimmt, handelt es sich laut Rechtsanwalt Andreas Hintermayer um eine Betriebs- und keine Privatveranstaltung – und nur dann besteht Versicherungsschutz durch die gesetzliche Unfallversicherung. Wenn sich allerdings etwa der deutsche Lagerarbeiter und der brasilianische ITler streiten und gegenseitig verletzen, sind sie dafür selbst verantwortlich. Ob Alkohol und Grillen auf einer solchen Veranstaltung erlaubt sind (oder vorsichtshalber untersagt werden sollten), lässt sich pauschal nicht beantworten. Ein generelles Alkoholverbot kennt das deutsche Arbeitsrecht jedenfalls nicht.

Tippen und Wetten

Zum Fußball gehört für den einen das Bier, für den anderen das Wetten – und für manche auch beides. Und genau wie Alkohol am Arbeitsplatz nicht grundsätzlich verboten ist, sind auch Wetten in Unternehmen nicht grundsätzlich verboten. Allerdings, betont Experte Andreas Hintermayer, sollten sich die Mitarbeiter beim Frönen des Glückspiels auf die Pausen beschränken: „Arbeitnehmer schulden ihren Chefs ihre Arbeitsleistung, das sollten sie immer beachten, wenn sie sich mit dem Tippen beschäftigen.“ Gerade in der spielintensiven Vorrundenzeit könnte das Tippen sonst zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Im Grunde dürfe auch das Unternehmen ein zentrales Tippspiel für die Mitarbeiter veranstalten – das sei letztlich nichts anderes als eine Tombola bei der Weihnachtsfeier.


Dieser Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 06/2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.