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Technologie > Die Zukunft der Softwareentwicklung durch KI

Bald kann jeder programmieren

Philosophie und Sprache sollen Computercodes ersetzen. Die schöne neue Softwarewelt soll mithilfe von künstlicher Intelligenz erschaffen werden.

Nvidia-Chef Jensen Huang
Halbgott in Leder: Nvidia-Chef Jensen Huang erklärte der Welt bei der Entwicklerkonferenz des Chipherstellers im April, dass KI die Zukunft ist. Ein kleiner Roboter unterstützte ihn, was er vorhersah, ist nicht überliefert.Bildquelle: © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Eric Risberg

Jensen Huang ist für ikonische Lederjacken ebenso berühmt wie für markige Sprüche. Während Eltern seit Jahrzehnten mit erhobenem Zeigefinger geraten wird, die Kinder programmieren lernen zu lassen, um im Leben weit zu kommen, merkte der CEO des Tech-Giganten Nvidia auf dem World Government Summit 2024 in Dubai lapidar an: „Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht mehr damit, coden (also programmieren) zu lernen.“ Das übernehme bald vollständig künstliche Intelligenz. Stattdessen empfiehlt er unter anderem Philosophie als Studienfach. Das werde helfen, komplexe Ergebnisse richtig zu interpretieren, die eine KI vorlegen werde.

Man wird, so die Hoffnung, im KI-Schlaraffenland der Zukunft nur ein paar gesprochene Textbrocken hinwerfen und die kluge Software erkennt den Sinn der Frage und den Wunsch des Menschen – und ruckzuck ist die passende App fehlerfrei fertig programmiert. Der Albtraum jeder IT-Abteilung. Und der Wunschtraum jedes mittelständischen Unternehmers, der seit Jahren keine IT-Spezialisten zu bezahlbaren Preisen mehr auf einem leergefegten Arbeitsmarkt finden kann.

Denn der Druck auf die Firmen ist erheblich. Nach einer Umfrage des Small Business Entrepreneurship Council aus Washington haben bereits 41 Prozent der US-Kleinunternehmer KI genutzt, um ihre Zeit und die ihrer Mitarbeitenden auf Tätigkeiten umzulenken, die höhere Wertschöpfung versprechen als tausende Zeilen Programmcode zu schreiben. Gut 37 Prozent der Unternehmen geben an, durch KI gespartes Geld in andere neue Technologien zu investieren.

Ohne Zweifel macht die Automatisierung von Softwareerstellung und Businessplanung große Fortschritte. Das beweisen Plattformen wie die Microsoft-Tochter Github, sozusagen das Schweizer Taschenmesser der IT-Industrie. Hier kann man eigene Softwarekomponenten einstellen, sich im Gegenzug Arbeiten von anderen „ausleihen“ und in eigene Projekte integrieren oder für eine genau definierte Aufgabe eine temporäre Arbeitsgruppe von Spezialisten aus aller Welt anheuern. Github-Copilot ist der KI-Assistent der Wahl zur Programmierung. Alles das findet in der Cloud statt, auf Google Cloud, bei Amazons AWS, IBM und Salesforces Einstein oder Microsofts Azure. Da gibt es Computerpower und hilfreiche Apps jeder Couleur.
Doch der Traum, dass jedermann einfach so Programme schreibt, egal was er oder sie gelernt oder studiert hat, ist noch fern. Diesen letzten Schritt will zum Beispiel Devin von Cognition Labs jetzt gegangen sein. Devin ist ein sogenannter KI-Agent, der eigenständig wie ein professioneller Softwareentwickler ein ganzes IT-Projekt konzipieren, aufziehen, umsetzen und abarbeiten können soll. Das Problem dabei: Die beeindruckenden Demos, die im Internet kursieren, waren offenbar teilweise nachbearbeitet, wie Marktbeobachter aus der Entwicklerszene bemängeln. Und reichlich menschlicher Input sei auch noch nötig, um Ergebnisse zu erzielen und Fehler zu beheben.

Was derzeit für gestandene Mittelständler deutlich besser funktioniert als so ein KI-für-alles-Ansatz ist der Einsatz genau spezifizierter Apps für genau definierte Problemstellungen im Unternehmen, um repetitive Arbeiten zu automatisieren. Oder gleich auf die Komplettpakete der großen Anbieter setzen.

Von Beginn an hat etwa Microsoft auf KI gesetzt, Milliarden von Dollar in die Entwicklung gepumpt und sich so einen Vorsprung verschaffen können. Das gilt in erster Linie für Microsofts Cloud Azure und den KI-Assistenten Copilot. Wer heute seinen PC im Büro anmacht, bekommt automatisch die Möglichkeit, KI über den Internetbrowser Edge zu aktivieren. Angeboten wird eine kostenlose und eine kostenpflichtige Pro-Version. Wer, wie die meisten Kleinunternehmen, eine Windows-Umgebung betreibt, sollte diese Möglichkeit definitiv in Betracht ziehen. ChatGPT und Designer sind enthalten und immer stärker werden Excel, Powerpoint und Outlook umgebaut, um mit KI zu funktionieren. Ein KI-Assistent ist in Microsoft 365 bereits integriert.

Kampf der Tech-Riesen

Die preiswerte Büroumgebung Workspace von Google experimentiert seit 2018 mit KI, zunächst als „Smart Compose“ im E-Mail-Programm Gmail und im Textverarbeitungsprogramm Docs. Seit März 2023 ist die KI in Google Workspace vertreten. Man will Microsoft in diesem Bereich auf keinen Fall die Oberhand gewinnen lassen. Denn die gesamte Bürowelt wird gerade komplett neu aufgeteilt. Für Kunden hat das Vorteile: Der Kampf und das KI-Büro der Zukunft halten die Preise relativ moderat.

Cloud-Marktführer AWS von Amazon hat Anfang Mai die allgemeine Verfügbarkeit von Amazon Q verkündet. Q, im November 2023 erstmals vorgestellt, ist nach Firmenangaben der bislang mächtigste KI-gesteuerte Assistent für beschleunigte Softwareentwicklung auch unter Einbeziehung unternehmenseigener Datenbestände. Q soll eigenständig den gesamten Code entwickeln, auf Fehler überprüfen, bereinigen und auch die Plausibilität testen. Solche Fähigkeiten helfen vor allem, wenn vorhandene Software und Apps in alten Programmiersprachen wie Java auf moderne Sprachen übertragen werden sollen. Swami Sivasubramanin, Vice President für KI und Daten bei AWS, sagt, erste Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Produktivität der IT-Mitarbeiter um bis zu 80 Prozent gestiegen sei.

Branchenweit wird geschätzt, dass heute nur rund 30 Prozent der Arbeitszeit von IT-Entwicklern auf Programmieren verwendet werden. Der Rest entfällt auf notwendige Nebenarbeiten wie Testen, Fehlerbereinigung, Sicherheitsprüfungen, Dokumentationen und anderes. Vor allem dabei soll die KI helfen. Amazons Q gibt Empfehlungen zur Programmierung AWS zufolge praktisch in Echtzeit. Sogenannte Developer Agents sollen die Einbindung von zusätzlichen Features in bestehende Anwendungen erleichtern. Q untersuche das bereits vorhandene Material und erstelle eigene Vorschläge zur Zielerreichung. Im Endeffekt wird zuallererst Arbeitszeit gespart, bei gleichzeitiger Fehlerminimierung.

Auch Businessspezialist Salesforce ist mit der Dachmarke Einstein in der KI-gestützten Businessplanung und -überwachung speziell im Marketingbereich und bei Customer Relations Management (CRM) aktiv. Seit Mitte 2023 ist die generative KI Einstein GPT für CRM auf dem Markt. Und Apple? Zu KI war es beim Techkonzern lange still, bis CEO Tim Cook jetzt einstieg. „Wir glauben an die transformative Kraft und die Versprechen der KI“, sagt er und verspricht eine nahtlose Kombination aus Hardware, Software und Diensten, zusammen mit einem „unerschütterlichen“ Fokus auf den Schutz der Privatsphäre. Das Ganze werde sich deutlich von den Angeboten der Konkurrenz abheben. Auf der kommenden jährlichen Entwicklerkonferenz WWDC werden weitere Einzelheiten erwartet.

Das alles zeigt, dass es natürlich nicht so ist, dass Programmieren verschwinden wird. Es wird nur völlig in den Hintergrund gedrängt und aus den Augen der Anwender in den Unternehmen verschwinden. Eine neue Generation von Programmierern wird entstehen, die diese neue und komplexe KI-Infrastrukturwelt programmieren muss. Nvidia-Chef und KI-Guru Huang präzisiert: „Es ist jetzt unser Job, Computertechnik zu bauen, in der niemand mehr programmieren muss.“ Um das zu erreichen, müsse die neue KI-Programmiersprache wirklich eine Sprache sein. Nämlich die menschliche Sprache. „Jeder Mensch wird dann ein Programmierer sein. Das ist das Wunder der künstlichen Intelligenz.“

Aber diese Welt muss jetzt erst einmal erschaffen werden. Mithilfe von KI natürlich. KI-Ingenieure haben dem Sender CNBC in den USA von einem regelrechten Rennen unter den Top-Technologieunternehmen berichtet, in halsbrecherischer Geschwindigkeit immer neue KI-Werkzeuge auf den Markt zu bringen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Burnout und Überstunden sei das neue Normal.

Niemand will den Anschluss in einer Technologie verlieren, die Huang zufolge ihren iPhone-Moment erreicht hat. Die KI-Spezialisten, die CNBC zufolge nur anonym sprechen wollten, berichteten von vorgezogenen Abgabefristen und Vorgaben, andere von der Konkurrenz angekündigte Projekte unbedingt zeitlich zu schlagen. Die sorgenfreie, programmierfreie Zukunft ist jedenfalls erst einmal auf Wiedervorlage gelegt.

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