Mittwoch, 25.11.2020

picture alliance / SZ Photo | Rainer Unkel

Das Weiß des Weißen Hauses stammt aus einer 10.000-Einwohner-Gemeinde in Bayern.

Technologie
Bayerischer Malerbetrieb

Biden muss nicht neu streichen

Ein neuer Präsident zieht ins Weiße Haus. Die Farbe an der Fassade hält bereits seit Bushs Zeiten. Dafür sorgt ein bayerischer Malerbetrieb. 

Anfang November hat wieder die ganze Welt gebannt verfolgt, wer den Kampf um den Einzug ins Weiße Haus für sich entscheidet: Amtsinhaber Donald Trump oder sein Herausforderer Joe Biden. Und wer in Washington vor dem Regierungssitz des US-Präsidenten steht, der denkt vielleicht jetzt daran und er denkt an Macht, an die bewegende politische Geschichte der USA oder die Twitter-Tiraden Trumps. Woran aber bestimmt niemand denkt, ist die bayrische Marktgemeinde Diedorf. Dabei stammt die Farbe, in der das Weiße Haus so weiß erstrahlt, genau aus diesem 10.000 Einwohner kleinen Ort westlich von Augsburg. Hier hat der Mittelständler Keimfarben seinen Sitz. Buckingham Palace, Teile der Kremlmauer am Grabmal des unbekannten Soldaten oder eben das Weiße Haus sind nur ein kurzer Auszug aus der Liste der Bauwerke, die mit Farben der Firma gestrichen wurden.

 

„Unsere Farbe hält länger als die der gesamten Konkurrenz“, gibt sich Rüdiger Lugert, Geschäftsführer des Unternehmens, selbstbewusst. Anfang der 2000er entstand über ein Washingtoner Architekturbüro, das Keim mit Farbe beliefert, der Kontakt zum Architekten des Weißen Hauses. In der Amtszeit von Präsident George W. Bush wurde der Regierungssitz dann mit Keimfarben gestrichen. Bis heute musste der Anstrich der Fassade nicht mehr erneuert werden. Als zuvor noch eine amerikanische Firma die Farbe lieferte, rückten die Maler alle vier Jahre nach der Wahl an. „30 bis 40 Jahre sollte unsere Farbe schon halten“, sagt Lugert.

 

Andere Bauwerke halten noch deutlich länger durch. Das Rathaus in der Schweizer Gemeinde Schwyz wurde 1891 mit Farben von Keim angestrichen – und danach nie wieder. Die Langlebigkeit erreicht der Mittelständler durch die Rezeptur. Bei den meisten Anstrichen handelt es sich um Dispersionsfarbe. Nach dem Streichen vertrocknet das Wasser und die Farbe legt sich dadurch auf die Oberfläche, verbindet sich aber nicht mit ihr. Die Folge: nach einigen Jahren beginnt sie abzublättern, ein neuer Anstrich muss her. Keimfarben setzt hingegen auf sogenannte Silikatfarben, bei denen mineralische Bindemittel zum Einsatz kommen. Die Farbe nimmt dadurch Kohlenstoffdioxid aus der Luft auf, was zu einer Gelbildung, der Verkieselung führt. „Somit erreichen wir eine Versteinerung der Farbe auf der Oberfläche“, sagt Lugert. Statt Jahre hält die Farbe Jahrzehnte. Da der Mittelständler zudem ausschließlich nicht-organische Farbpigmente verwendet, verbleicht der Anstrich auch nicht.

 

Lange Firmenhistorie

 

Keimfarben ist nicht nur der weltweit führende Hersteller dieser Silikatfarben, sondern auch der Erfinder der Methode. Ende des 19. Jahrhundert kehrte der bayrische König Ludwig I. von einer Reise aus Norditalien zurück. Ihm gefielen die farbenprächtigen Fresken, die er dort gesehen hatte. Für das Wetter in Bayern waren die italienischen Farben jedoch nicht robust genug. Daher ließ der Monarch nach einer Lösung forschen, die nördlich der Alpen zum Einsatz kommen konnte. Dem Handwerker Adolf Wilhelm Keim gelang dieses Kunststück schließlich. 1878 ließ er sich seine Rezeptur patentieren und gründete das Unternehmen Keimfarben. Genau 100 Jahre später übernahm die Unternehmensgruppe Leonhard Moll 1978 Keimfarben. Zu der auf die Baubranche spezialisierten Aktiengesellschaft, gehört der Mittelständler, der einen Jahresumsatz von circa 100 Millionen Euro erzielt, bis heute.

 

Die Langlebigkeit der Farben ist das Aushängeschild der Firma, führt aber auch regelmäßig zu Kritik. „Immer wieder fragen mich Handwerker, wie sie Geld verdienen sollen, wenn der Anstrich so lange hält“, erzählt Lugert. „Wenn ich sie dann aber frage, wie oft sie dasselbe Haus mehrfach angestrichen haben, nachdem Farbe nur kurzzeitig gehalten hat, herrscht Stille.“ Die unzufriedenen Kunden würden dann zur Konkurrenz wechseln. Keimfarben setzt daher auf die positive Mund-zu-Mund-Propaganda von zufriedenen Abnehmern. So sichere sich sowohl der Farbhersteller als auch der Handwerker Neukunden.

 

Dies scheint zu funktionieren. Viele historische Bauwerke, die unter Denkmalschutz stehen, werden mit Keimfarben gestrichen. Auch das Pentagon, Hauptsitz des amerikanischen Verteidigungsministeriums, sollte nach den Schäden durch die Terror-Anschläge vom 11. September 2001 mit Farbe aus Diedorf gestrichen werden. Doch dazu kam es nicht. Der republikanische Kongressabgeordnete Steven LaTourette wetterte damals gegen den Auftrag. Er kritisierte die deutsche Haltung im Irak-Krieg. Dass ausgerechnet das Verteidigungsministerium mit Farben eines deutschen Unternehmens gestrichen werden solle, käme nicht infrage. Am Ende setzte sich der Politiker durch, der Auftrag ging an ein Unternehmen aus Ohio. Ob tatsächlich die Verteidigungspolitik Deutschlands der Grund für die Aufregung war, oder nur ein willkommenes Argument, darüber lässt sich streiten. Denn nicht nur der amerikanische Farbhersteller kam aus Ohio, sondern auch LaTourette selbst.

 

Zwischen den Fronten

 

„Wir geraten hin und wieder mal ins Visier der Politik“, sagt Geschäftsführer Lugert. Vor einigen Jahren strich der Kreml einen Teil seiner Mauer mit Produkten von Keim. Inzwischen ist dies nicht mehr der Fall. Der Unternehmer führt das auf die Spannungen zwischen Deutschland und Russland zurück, die nach der russischen Annexion der Krim entstanden sind. Die aktuell belasteten transatlantischen Beziehungen hätten sich hingegen nicht negativ auf die Geschäfte des Mittelständlers ausgewirkt. Beim Weißen Haus gibt es ohnehin nach wie vor keinen Bedarf für einem neuen Anstrich. „Ich war vor zwei Jahren in Washington und habe mir bei der Gelegenheit auch das Weiße Haus angeschaut“, berichtet Lugert. „Ich war überrascht, wie gut der Zustand nach wie vor ist. Die einzige Verschmutzung, die ich erkennen konnte, war an der Stelle, an der die Journalisten immer vor Pressekonferenzen warten und sich wie Schuljungen mit ihren Schuhen an der Wand abstützen.“

 

Neue Geschäftsfelder

 

Keimfarben mischt jedoch nicht nur bei öffentlichen Bauten mit. Auch private Häuser werden mit der Farbe des Mittelständlers gestrichen. Hier beobachtet Lugert einen Trend, von dem sein Unternehmen profitieren soll. „Immer mehr Einfamilienhäuser haben aus ökologischen Gründen eine verputzte Holzfassade“, sagt der Geschäftsführer. Diese kann der Betrieb allerdings nicht mit dergleichen Farbe bemalen lassen wie etwa das Weiße Haus. Da die Silikatfarbe mit der Oberfläche eine Einheit bilden soll, um eine sehr lange Haltbarkeitszeit zu haben, muss der Hersteller für jeden Untergrund eine neue Rezeptur entwickeln. Über zwanzig Jahre lang arbeiten die Entwickler von Keimfarben an einem entsprechenden Produkt. 2013 gelang ihnen dann die Herstellung der weltweit ersten Silikatfarbe, die auf Holz hält. Das Elefantenhaus im Augsburger Zoo und der Firmensitz des Bio-Lebensmittelherstellers Alnatura sind damit bestrichen.

 

Ein anderes Wachstumsfeld sieht Lugert bei Betonanstrichen. Gerade im Ausland gäbe es hier viel Bedarf. Das Unternehmen macht insgesamt die Hälfte seines Umsatzes außerhalb Deutschlands, vor allem in Europa und Nordamerika. Doch auch in den anderen Teilen dieser Welt ist Keimfarben, das zwölf Auslandsniederlassungen hat und mit zahlreichen Vertriebspartnern im Ausland zusammenarbeitet, aktiv. „Je höher das BIP ist, desto höher ist auch der Anteil an Gebäuden, die mit Farbe gestrichen werden“, sagt Lugert. Daher liegt der Fokus des Mittelständlers nicht auf Entwicklungsländern. Auch der Preis der Farbe dürfte für solche Regionen eher abschreckend sein. Je nach Produkt, kann ein Liter schon mal fast 20 Euro kosten. 

 

Auch ohne großen Absatz in Entwicklungsländern kann Lugert optimistisch in die Zukunft blicken. „Wir gehören wie die gesamte Farbbranche zu den wirtschaftlichen Gewinnern der Corona-Krise“, sagt Lugert. Die zusätzliche Freizeit, die die Pandemie manchen Arbeitnehmern unfreiwillig verschafft hat, nutzen einige, um die eigenen vier Wände auf Vordermann zu bringen – inklusive neuem Anstrich. 

 

Wichtiger dürfte für das Unternehmen jedoch ein anderer Trend sein: das zunehmende Nachhaltigkeitsbewusstsein der Kunden. „Und was könnte nachhaltiger sein, als ein Anstrich, der die Jahrhunderte überdauert“, sagt Lugert.

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