Dienstag, 28.06.2022
Technologie
Gasreserven in Deutschland

Dann machen wir es doch selber? Wie Deutschland eigene fossile Energiereserven anzapfen kann

Im deutschen Nordwesten lagern eingeschlossen in Schiefergestein große Mengen Gas, die sich mit Hilfe der Frackíng-Methode fördern ließen. Auch in der Nordsee gibt es noch unerschlossene Vorkommen. Ließe sich damit der Energiekrise Herr werden? Experten sind skeptisch.
Die Gasvorkommen sind überschaubar groß: Fracking Gas

Die Gasvorkommen sind überschaubar groß: Fracking Gas

Bild: Shutterstock

Der eigne Energiehunger, die Folgen der Golfkriege, viel Platz und erhebliche Reserven haben in den USA vor mehr als zwei Jahrzehnten dazu geführt, dass eine damals neue, aufwendige Methode Gas zu fördern, plötzlich von sich reden machte. Es geht ums Fracking, bei dem Gas, das in hartem Schiefergestein eingeschlossen ist, aus der Erde gepresst wird. Dazu wird ein Chemiecocktail ins Gestein gedrückt, es entstehen Risse, durch die das Gas ausströmt und eingefangen werden kann. In den USA gibt es hunderttausende Bohrlöcher, die dem Fracking dienen. Angesichts hoher Energiepreise ist die Methode, die ursprünglich zu teuer war, inzwischen hochrentabel und die USA exportieren ihr so gewonnenes Gas nach Europa.

Muss das sein? Geht so etwas nicht auch hierzulande? Wie steht es um die heimischen Quellen fossiler Energie, die mit einmal so knapp geworden ist und doch noch dringend gebraucht wird, weil noch längst nicht genügend nachhaltig erzeugte Energie zur Verfügung steht?

Vor allem im Nordwesten Deutschlands gibt es große Mengen Schiefergesteins. Darin befindet sich theoretisch genug Erdgas, um bis zu 20 Prozent des deutschen Bedarfs zu sichern. Die Hälfte davon ist nach Einschätzung des Branchenverbands der Förderindustrie, BVEG, wirklich wirtschaftlich nutzbar. Schon vor mehr als zehn Jahren gab es deswegen Pläne, in Deutschland Gas auf diese Weise zu fördern. Aber der Widerstand war groß. Kritiker sorgten sich ums Trinkwasser. Damit das zum Fracking nötige Gemisch aus Sand und Wasser seine erwünschte Wirkung hat, müssen Chemikalien beigemischt werden. Das Gebräu strömt am Ende durch die Bohrlöcher wieder nach oben. Dabei werden auch im Gestein vorhandene Stoffe herausgelöst, die allesamt nicht sehr verträglich sind: Arsen, Brom, radioaktives Strontium. In den USA, wo die Bohrlöcher oft in Wüsten zu finden sind, macht das wenig. Im dichtbesiedelten Deutschland wird es ruckzuck zum Problem, weswegen die Methode nach heftigen öffentlichen Protesten 2017 in Deutschland verboten wurde.

Neben der Umweltbelastung gibt es ein weiteres Thema: Die Gasvorkommen sind überschaubar groß, die Gasfelder schnell erschöpft, und es muss die nächste Lagerstätte angebohrt werden. In unbesiedelten Gebieten ist das ein kleineres Problem, im dichtbesiedelten Deutschland wird es ein Thema: Auch hier verweist der Verband BVEG auf Verbesserungsmöglichkeiten. Man könnte von einem Bohrplatz aus mehrere Kilometer zur Seite bohren, von einem Punkt aus Hunderte Fracks erzeugen und den Flächenbedarf an der Oberfläche erträglich halten. Allerdings, so erklärte der Verband in einem Beitrag für die ARD, seien genaue Angaben für jedes Fördergebiet erst möglich, wenn man dort Probebohrungen gemacht und die Situation untersucht habe. Daraus ergibt sich das vermutlich größte Problem: Der Aufwand, der in Deutschland betrieben werden müsste, ist enorm.

Selbst wenn die Entscheidung fiele, Fracking doch wieder zu erlauben, und wenn der Widerstand dagegen abflaute, dauerte es lange bis das erste Gas fließen könnte. Mit drei Jahren rechnen die Experten. Relevante Fördermengen wären erst in zehn Jahren zu erwarten sein. So lange dauert es, bis eine ganze Industrie neu aufgebaut ist, bis Bohrtürme, stehen und die Fracking-Chemie weiterentwickelt ist. Da Erdgas aber eine Brückentechnologie sein sollte, die nur noch so lange genutzt wird, bis die Energiewende hin zu Sonne und Wind vorangekommen ist und Erdas durch Wasserstoff ersetzt werden kann, sind der Aufwand und die Folgekosten unverhältnismäßig hoch.

Rentabler, wenn es um heimische Energievorkommen geht, ist der Ausbau der Erdgasförderung in der Nordsee. Hier hat sich im April auch etwas bewegt: Die geplante Erdgasförderung vor der Insel Borkum ist ein Stück näher gerückt. Das Wirtschaftsministerium in Hannover und das niederländische Unternehmen One-Dyas haben sich auf Eckpunkte des Vorhabens verständigt.  „In der Nordsee 20 Kilometer vor Borkum befindet sich das offensichtlich größte Erdgasfeld seit 25 Jahren, dass die Niederlande dort erschließen wollen mit etwa 60 Milliarden Kubikmeter vermutetem Gesamtvolumen“, sagt der niedersächsische Wirtschaftsminister Bernd Althusmann.

Das Feld liegt im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, ganz in Nähe des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Es soll von einer von Borkum aus sichtbaren Förderplattform über Horizontalbohrungen erschlossen werden, die den Nationalpark schonen. Falls alles genehmigt wird, könnten ab 2024 pro Jahr fünf Milliarden Kubikmeter Gas fließen – etwa so viel, wie Deutschland bisher selbst pro Jahr fördert. Zum Vergleich: Der Bedarf hierzulande liegt derzeit bei jährlich 90 Milliarden Kubikmetern im Jahr. Insofern sei es ein Mosaikstein in der Gesamtfrage der Energieversorgungssicherheit. Die Entscheidung für eine Förderung von Erdgas müsse vor dem Hintergrund der neuen geostrategischen Lage neu bewertet werden, meint der Minister. Sein Kollege, Umweltminister Olaf Lies ergänzt: „Wir brauchen eigentlich mehr Gas aus den Niederlanden. Dann wird es schon schwierig, wenn wir auf der einen Seite sagen: ‚Liebe Niederländer, bitte liefert uns mehr Gas‘ und auf der anderen Seite sagen, ‚Liebe Niederländer, aber bitte fördert das nicht in der Nordsee‘, nur weil es eine Abgrenzung zum deutschen Hoheitsgebiet gibt. Das hat uns dazu veranlasst zu sagen: Lasst uns miteinander reden.“

Noch vor 20 Jahren stammte rund ein Fünftel des in Deutschland verbrauchten Gases aus heimischer Förderung. Inzwischen liegt die Selbstversorgungsquote bei fünf Prozent, Tendenz abnehmend, weil sich die erschlossenen Vorkommen dem Ende zuneigen. Die heimische Erdölförderung deckt zwei Prozent des Verbrauchs. Neue Gasfelder wurden gar nicht mehr gesucht, schließlich wollte man weg vom Gas und solange genügte der Import billigen Gases aus Russland. Das bestätigt auch ein Sprecher des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie in Hannover in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk „Momentan ruht still der See“, sagt er. Binnen weniger Wochen die gesamte Energiewirtschaft umkrempeln, das funktioniere nicht. Zumal größere neue Lagerstätten wohl nicht an Land, sondern am ehesten unter der Nordsee zu finden wären.

Aber ob Deutschland dort jetzt selbst suchen sollte? Landesumweltminister Olaf Lies ist skeptisch: „Wenn man mal an ganz neue Felder denkt, die man erschließen muss, dann redet man auch über relativ lange Zeiträume. Und das Ziel ist ja für Niedersachsen, so steht's auch im Gesetz, dass 2040 die gesamte Energieversorgung auf Erneuerbare umgestellt ist. Da wird es wenig Sinn machen, in acht Jahren oder in zehn Jahren mit einer Förderung zu beginnen, die man dann nur acht oder zehn Jahre vorhalten kann.“

Diese pragmatischen Einwände dürften auch Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) nachdenklich machen. Er will Erdgas und -öl in der Nordsee fördern. Dem Debattenmagazin The European sagte er, er halte „die Festlegung des Koalitionsvertrages, dass wir in der Nordsee nicht mehr Öl und Gas fördern wollen und keine neuen Felder explorieren wollen“, für aus der Zeit gefallen.“ In die gleiche Richtung argumentiert der Chef des Energieversorgers Eon aus Essen Leonhard Birnbaum: „Wir müssen uns die Frage stellen: Können wir in Deutschland zusätzliche Felder erschließen?“, sagte er der Wirtschaftswoche und fügte hinzu: „Wir müssen jetzt ohne Tabus nach allen Lösungen suchen, die uns helfen, unsere Situation zu verbessern. Eine Erhöhung der inländischen Produktion in bescheidenem Ausmaß wäre nicht die Lösung, aber ein kleiner Baustein, der auch helfen kann.“

oli

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