Mittwoch, 13.07.2022
Technologie
Corona-Pandemie

Das große Warten nimmt kein Ende: Wo Deutschland derzeit überall im Stau steckt

Nichts geht mehr. Wer verreisen will, weiß nicht, ob er ankommt. Wer einen Handwerker sucht, kann lange warten. Wer etwas bestellt, muss Geduld haben. Und wer es wagt, die eigene Stadtverwaltung um einen Dienst zu bitten, braucht starke Nerven. Material, das nicht da, ist, Fachkräfte, die fehlen, und krankes Personal machen das Land fußlahm.
Warteschlangen im Terminal auf dem Flughafen Düsseldorf

Warteschlangen im Terminal auf dem Flughafen Düsseldorf

Bildnachweis: picture alliance / SvenSimon | Malte Ossowski/SVEN SIMON


In Deutschland klemmt es. Jene Westdeutschen, die einst Jahrzehnte lang die DDR als das Land des Wartens abgespeichert hatten, erleben nun, dass sie selbst Schlange stehen müssen: Wenn sie von einem Ort zum anderen wollen, wenn sie am Haus etwas repariert haben möchten, oder wenn sie auch nur bei der Stadt, in der sie leben, einen neuen Ausweis beantragen. Das große Warten hat inzwischen historische Dimensionen angenommen. Noch niemals ging es so langsam voran, melden die verschiedene Branchen.
Die Gründe der langen Wartezeit sind unterschiedlich, allerdings greift eins ins andere: die Pandemiefolgen, der Krieg in der Ukraine und der Mangel an geeigneten Arbeitskräften sind die Hauptprobleme. In diesen sechs Bereichen steckt am meisten Sand im Getriebe:

  • Handwerker sind nicht zu finden

Inhaber von Handwerksfirmen schließen altersbedingt den Betrieb, weil die keinen Nachfolger oder keine Nachfolgerin gefunden haben. Viele suchen darüber hinaus vergeblich nach Auszubildenden, doch Schulabgänger bevorzugen inzwischen lieber eine akademische Laufbahn. Deswegen fehlen Gesellen. Gleichzeitig ist  Nachfrage nach Baumaterialien gestiegen, seit die Corona-Pandemie abgeflaut ist. Allerdings sind die Lieferketten noch immer nicht intakt, weswegen Materialien nicht dann kommen, wann sie sollen. Gebaut wird allerdings trotzdem, schon allein, weil der Gesetzgeber immer schärfere Energiesparvorschriften erlässt. Ein Mangel an Handwerkern, knappe Materialien und steigende Preise treffen auf eine vergleichsweise hohe Nachfrage, was zu extremen Wartezeiten führt. Ein Maurer lässt nach Einschätzung von Handwerksverbänden bis zu neun Monate auf sich warten, der Dachdecker fünf Monate, der Fliesenleger vier Monate. Die begehrten Wärmepumpen kommen nicht an, hier fehlen Installateure genauso wie die Geräte.

  • An den Flughäfen herrscht Wartechaos

Zwei Jahre sind die Deutschen nicht verreist, Corona zwang sie zum Daheimbleiben. Mit dem Abflauen der Pandemie nach dem Winter brach das große Reisefieber aus, die Buchungen stiegen rasant, aber, sowohl Flughäfen wie die großen Fluggesellschaften verpassten es aber, rechtzeitig nach genügend Personal für den Boom zu suchen. Laut einer aktuellen Auswertung der Index-Gruppe, einem Personaldienstleister, haben beispielsweise Sicherheitsfirmen erst im April begonnen, neues Personal für Flughäfen zu suchen. „Der viel zu späte Start der Recruiting-Aktivitäten der Flughafenbetreiber ist ein wesentlicher Grund für die momentanen Zustände an den Airports“, meint Jürgen Grenz, Chef der Index-Gruppe. Es fehlen mehr als 7000 Mitarbeiter am Boden, die Crews in der Luft sind ausgedünnt. Lufthansa Chef Carsten Spohr gibt sich zerknirscht gegenüber den Kunden und räumte sogar eigene Fehler im Personalmanagement ein. Die Folge sind chaotische Zustände bis hin zu Handgreiflichkeiten an Flughäfen wie in Düsseldorf, wo aufgebrachte Urlauber ihre Ferienflieger zu verpassen drohen.

  • Die Bahn steht auf dem toten Gleis

Wer sich auf die Bahn verlässt, ist oft verlassen. Selbst nach eigener Erkenntnis muss die Deutsche Bahn einräumen, dass sie erneut unpünktlicher geworden ist. Etwa einer von drei Fernzügen kommt nicht innerhalb von maximal fünf Minuten nach der im Fahrplan angegebenen Zeit an. Reisende verpassen dadurch Anschlusszüge, wodurch sich ihre Verspätungen vervielfachen. Der Regionalverkehr taucht in der Rechnung gar nicht auf, genauso wenig wie die ganz ausgefallenen Züge. Seit Jahresbeginn ist der Anteil pünktlicher Fernverkehrszüge immer weiter gesunken. Dabei stieg auch die Quote der ICE- und IC-Züge, die ihre vorgesehenen Bahnhöfe mit mehr als 15 Minuten Verspätung erreichten. Ein Bahnsprecher begründete die abermalige Verschlechterung vor allem mit den bestehenden Baustellen. Demnach ist die Bahn ein Opfer ihrer eigenen Ambitionen. In diesem Jahr soll die Rekordsumme von 13,6 Milliarden Euro verbaut werden. Und überall, wo gebaut wird, fährt nichts nach Plan.

  • Autofahrer hängen im Stau

Das Jahr 2018 konnte bislang mit einem Rekord aufwarten: Rund 1,5 Millionen Kilometer Stau zählten die Statistiker auf deutschen Autobahnen. Danach nahm die Staulänge ab. Corona ließ die Menschen zu Hause bleiben. Seit 2021 geht es wieder aufwärts mit der Staulänge, 850 000 Kilometer wurden im vergangenen Jahr gezählt. Dabei liegt die Staulänge oft nicht an einer aktuellen Überlastung der Fahrstrecken, sondern oft an chronisch kaputter Straßen, wie beispielsweise das Desaster um die marode Talbrücke Rahmede im Sauerland auf der Autobahn 45 zeigt. Es wäre wohl vermeidbar gewesen. Das Land Nordrhein-Westfalen hatte schon 2015 einen „Planungsauftrag für einen Ersatzneubau“ der Brücke vergeben. Das Projekt wurde jedoch 2017 „wegen einer geänderten Priorisierung“ verschoben. Andere Maßnahmen an anderen Brücken waren dringlicher, wie das Verkehrsministerium auf eine parlamentarische Anfrage hin mitteilte. Dann wurden plötzlich schwere Schäden an der Rahmede-Brücke entdeckt und sie ist seit dem vergangenen Dezember gesperrt. Anfangs gab es Hoffnung, sie zu reparieren oder sie zumindest so schnell wie die zusammengestürzte Brücke bei Genau wieder aufzubauen. Die Italiener hatten zwei Jahre gebraucht. Beides entpuppte sich als unrealistisch. Im Dezember soll nun die kaputte Brücke gesprengt werden, in fünf Jahren eine neue stehen. Umweltschützer haben sich bereits gegen einen Bau ohne vorherige Umweltverträglichkeitsprüfung ausgesprochen und in diesem Fall eine Klage nicht ausgeschlossen. Die Autobahn GmbH ist in der Abstimmung mit Naturschützern und Umweltbehörden zur Schaffung von Ersatzquartieren für Fleder- und Haselmäuse sowie Wanderfalken, die in oder unter der Brücke leben.

  • Lieferzeiten ziehen sich in die Länge

Wer dennoch das Auto bevorzugt und vielleicht ein neues Modell erwerben will, braucht neben Geld vor allem Geduld. Zum einen machen sich bei den Herstellern noch immer die Nachwirkungen der Corona-Pandemie bemerkbar, die nachhaltig zu Lieferengpässen bei notwendigen Teilen wie Halbleitern führt. Zum anderen kommt der russische Überfall auf die Ukraine hinzu. Die Ukraine ist ein wichtiger Lieferant unter anderem für Kabelbäume, an denen es nun fehlt. Die Folge: Einige Autos gibt es vielleicht in der Werbung, aber nicht in Wirklichkeit. Wer beispielsweise einen elektrischen Fiat 500 haben möchte, den raten Händler davon am Telefon ab, weil sie gar keinen Liefertermin nennen können. Wer ein Smart Cabrio bestellt, darf im Herbst nächsten Jahres auf die Lieferung hoffen und den Maybach kann man sich zu Weihnachten wünschen. 2023. Bei VW in Hannover, wo die Nutzfahrzeuge entstehen, klang die Bilanz nach dem ersten Quartal so: „Gegenüber Vorjahr fielen die Auslieferungen um 14,5 Prozent auf 81 900 Fahrzeuge.“ Vertriebsvorstand Lars Krause sagt dazu: „Die Nachfrage nach unseren Produkten ist weiterhin hoch und unsere Auftragsbücher sind gut gefüllt. Wir hoffen auf eine Entspannung der Versorgungslage, um unsere Kunden mit den gewünschten und bestellten Fahrzeugen zu beliefern.“

  • Die Verwaltung lahmt

Wer dem Standesamt in Düsseldorf im Februar eine Mail schickte, erhielt im Mai eine Antwort. Telefonisch ging gar nichts, und die Traubehörde war bis vor kurzem für den Publikumsverkehr geschlossen. Allerorten schreien Stadtverwaltungen Alarm. Corona und Home Office hat sie gründlich durcheinandergewirbelt und jetzt steigen die Krankheitszahlen erneut. Andere, wie das Düsseldorfer Standesamt, stecken in Digitalisierungsprozessen, bei denen am Anfang alles schlechter geht, bevor es anfängt besser zu gehen. Die Stadt Bonn verschickte deswegen bereits im April eine Mitteilung an ihre Bürger, in der sie vor dem eigenen Zusammenbruch warnte: Die große Zahl von Geflüchteten aus der Ukraine, die Bewältigung der Corona-Pandemie und erhebliche Personalausfälle „stellen die Stadtverwaltung aktuell vor große Herausforderungen“. Die Stadtspitze bitte die Bonner deshalb um Geduld. Laut Stadtdirektor Wolfgang Fuchs ist die personelle Situation eng: Neben unbesetzten Stellen wirkt sich weiterhin die Corona-Pandemie auf die Beschäftigtensituation aus. Hinzu kommen die die Folgen der Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine. „Die Stadtverwaltung befindet sich seit gut zwei Jahren in permanentem Krisenmodus“, sagt Oberbürgermeisterin Katja Dörner. Allein im Jahr 2022 gab es bis April in der Bonner Stadtverwaltung etwa 900 Quarantänefälle unter städtischen Mitarbeitenden, die im Krankheitsfall jeweils bis zu zehn Tage und mehr ausgefallen sind.

Andere raten mehr oder weniger unverblümt ihren Bürgern davon ab, sie mit ihren Anliegen zu behelligen. Das Örtchen Eschwege gab Ende Juni eine Mitteilung heraus, in dem es mitteilte, dass das Rathaus erstmals seit Ausbruch der Pandemie wieder für „Laufkundschaft“ offenstehe – für insgesamt siebeneinhalb Stunden pro Woche. „Bei spontanen Besuchen kann es leider zu langen Wartezeiten kommen“, heißt es vorbeugend von der Stadtverwaltung.

oli

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