Mittwoch, 11.05.2022
zwei Kühlturme eines Atomkraftwerkes
Technologie

Der Reaktor im eigenen Keller? Wie die Welt – außer Deutschland – die Atomenergie vorantreibt

In Estland soll der erste EU-weite Minireaktor in zehn Jahren ans Netz gehen. Großbritannien will schneller sein. Bill Gates ist mit seinem Unternehmen Terra Power ganz vorn dabei. Weltweit wird an neuen Generationen von Atomkraftwerken geforscht. Nur Deutschland ist in der atomaren Steinzeit stehen geblieben.

Es könnte sein, dass die Revolution in Estland beginnt. Denn dort soll EU-Europas erster kleiner modularer Reaktor wirklich gebaut werden. Solche Kraftwerke können serienmäßig in der Fabrik hergestellt und per Lieferwagen an den Aufstellungsort gebracht werden. Weil sie klein sind und darum selbst bei einem Unfall wenig Radioaktivität verstrahlen, können sie in der Nähe von Städten operieren. Sie produzieren wenig Abfall, einige Versuchs-Modelle integrieren den Müll sogar wieder in den Brennstoffkreislauf. Sie eignen sich vor allem dazu, Strom zu liefern, wenn der Wind nicht bläst und die Sonne nicht scheint. Werden sie nicht mehr gebraucht, holt sie ein Lastwagen zur Entsorgung ab. Ein jahrelanger Rückbau ist überflüssig. Sieht so die Zukunft der Energieversorgung aus? Und: Haben solche Modelle in Deutschland eine Chance?


Greta Thunberg macht auf Facebook gewöhnlich nicht viele Worte. Die Mehrzahl ihrer Posts besteht aus Fotos von Schülerdemos und kurzen Sätzen aus ihren Reden. Doch vor anderthalb Jahren holte die Fridays-for-Future Ikone einmal weiter aus. 4000 Zeichen verwendete sie, die in der Öffentlichkeit schnell auf einen Halbsatz reduziert wurden: Atomenergie, schrieb Thunberg, „kann ein kleiner Teil in einer sehr großen, neuen CO2-freien Energielösung sein“.


Die Wörter „Atomenergie“ und „Lösung“ reichten, um einen Großteil der Umweltbewegung in Rage zu versetzen. Ausgerechnet die Galionsfigur der Klimabewegung outete sich als Befürworterin einer Technologie, die vor allem im deutschsprachigen Raum als mit den drei Gs versehen gilt: gefährlich, gestrig, Geschichte.


Thunberg verwies darauf, dass sie lediglich eine Einschätzung des Weltklimarats IPCC zitiert habe. Dieses wissenschaftliche Beratergremium in Klimafragen hatte in einem Sonderbericht Dutzende von Szenarien untersucht, um zu klären, wie sich das in Paris beschlossene Ziel erreichen lässt, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu beschränken. Atomenergie, die heute weniger als drei Prozent des weltweiten Energiebedarfs deckt, spielt in vielen dieser Szenarien eine Rolle. Zwar verweist der IPCC in demselben Bericht auch auf Risiken der Technologie: hohe Kosten, ungelöste Entsorgungsfrage, hoher Ressourcenverbrauch. Dennoch war die Diskussion damit in der Welt.


Beziehungsweise in der Welt minus Deutschland. Hier galt lange: Seit dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima vor elf Jahren lautete der energiepolitische Glaubenssatz: Atomkraft? Nein danke. Das war die Regierungspolitik von den Grünen über die SPD bis hin zu CDU und CSU, selbst in der FDP hielt man das Thema klein. Und auch in der deutschen Wirtschaft geht es öffentlich vielen so. Energiemanager verkünden, dass es nie mehr Nuklearenergie in Deutschland gebe. Die Argumente sind einleuchtend: Die Atomenergie ist seit Tschernobyl und Fukushima die gefährlichste Energietechnologie der Welt, gleichzeitig war sie wirtschaftlich nie rentabel, wurde immer staatlich subventioniert. Und eine Lösung für die Entsorgung des nuklearen Mülls in Deutschland gibt es auch bis heute nicht. Die will man frühestens Mitte der 30er-Jahre finden, wenn alle deutschen Atomkraftwerke längst abgeschaltet sein werden.


Allerdings ist die Diskussion nicht nur wegen Greta Thunbergs Tweet wieder aufgeflammt. Vor allem der Ukraine-Krieg und die fatal sichtbar gewordene Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen entfacht die Debatte. Manager wie der Baywa-Chef Klaus-Josef Lutz fordern dazu auf, den endgültigen Ausstieg Ende dieses Jahres zu überdenken. Und die bayerische Landesregierung stellt sich offiziell dagegen. In München hat man gemerkt: Deutschland ist mit Österreich und der Schweiz der einzige relevante regionale Block in der Welt, der die Atomenergie für ein Auslaufmodell hält. Längst arbeiten Forscherinnen und Forscher nicht nur in Estland an Technologien, die deutlich weniger gefährlich als die bisher bekannten Atomkraftwerke sind. Es gibt geradezu einen Boom.


Einer der entschiedensten Befürworter ist Frankreich. Für Staatspräsident Emmanuel Macron steht fest: „Unsere ökologische und energetische Zukunft hängt auch von der Kernenergie ab.“ Er sei nie ein Befürworter der Kernkraft gewesen, gehe aber davon aus, dass diese in den kommenden Jahrzehnten eine Säule des Energiemixes sein müsse. Frankreich erzielt rund 80 Prozent seiner benötigten Stromproduktion aus der Atomkraft. Auch Großbritannien setzt auf Kernenergie. Der „Aktionsplan zur Entkarbonisierung“, der das Ziel hat, den Ausstoß von Treibhausgasen im Land bis 2050 komplett zu beenden, sieht den Bau neuer Mini-Atomreaktoren vor. 15 dieser von Rolls-Royce geplanten Reaktoren mit einer Kapazität von 440 Megawatt – genug, um eine 500.000-Einwohner-Stadt zu versorgen – sollen in den kommenden acht Jahren ans Netz gehen.


Auf der anderen Seite des Atlantiks setzt US-Präsident Joe Biden ebenfalls auf Kernenergie. Im Wahlkampf hatte er sich für den Bau von kleineren und mobilen Mini-Reaktoren ausgesprochen. Das von Bill Gates gegründete Unternehmen TerraPower will Atomkraftwerke mit einer Leistung von je 345 Megawatt errichten. Dabei ist TerraPower nicht allein. In Kalifornien arbeiten derzeit gut 50 Start-ups an der Entwicklung neuer Nukleartechnologien. Aus dem Silicon wird das Nuclear Valley. Dabei experimentieren die Ingenieure mit neuartigen Kühlmethoden wie dem Einsatz von flüssigem Natrium.

Auf die alte Technik, dafür neue Dimensionen setzt Rolls-Royce. Der Tech-Konzern aus Großbritannien, der nichts mehr mit der Automarke zu tun hat, plant die Mini-Nuklearkraftwerke, die Großbritannien 2029 in Betrieb nehmen möchte. Diese Anlagen werden in einer Fabrik gebaut und sind so „mini“, dass die Reaktoren auf der Straße zum Bestimmungsort transportiert werden können. Es gibt bereits zwei Standorte in Wales und einen im Nordwesten Englands. 15 sollen es insgesamt werden. Die Mini-Reaktoren werden in Serie produziert – dadurch erwartet man eine enorme Kostenersparnis. Der Trick besteht darin, vorgefertigte Teile sowie fortschrittliche digitale Schweißverfahren und eine robotergestützte Montage zu nutzen. Diese Teile werden an die Baustelle geliefert und dort zusammengeschraubt. Small Modular Reactors – SMR – heißt die Technik. Die Serienfertigung hat aber einen Haken Es muss eine ganze Reihe von Kunden gefunden werden, denn nur eine größere Stückzahl macht den Bau wirtschaftlich attraktiv. Hinzu kommt das Sicherheitsdilemma: Die kleinen Reaktoren benötigen die gleiche Schutztechnik und die gleichen Sicherheitsvorkehrungen etwa vor terroristischen Anschlägen wie ihre großen Brüder. Das treibt die Kosten pro Megawatt nach oben.


Die größte Hoffnung für unbegrenzte Energie ohne Klimaemissionen bleiben daher große Fusionsreaktoren. Sie wären eine gänzlich neue Generation an Atomkraft – und versuchen, die Mechanismen der Sonne nachzubilden. Auch dort entsteht schließlich ständig Energie. Dabei muss man den Plasmastrom im Reaktor mit seinen extrem hohen Temperaturen beherrschen. Die Vorteile des Fusionsreaktors sind bestechend. Das System ist schon im Konzept „sicher“: Sollte es zu Störungen kommen, würde das Plasma nicht weiter komprimiert werden, die Fusion der Atome würde sofort stoppen. Die Anlage könnte zwar beschädigt werden, aber es gäbe keinen Atom-Gau. Außerdem würde kaum radioaktiver Abfall entstehen. Allerdings ist die Technologie so unglaublich komplex, dass es keinen verlässlichen Zeitplan für ihren Einsatz gibt. Die EU fördert seit 2010 den ITER-Reaktor in Südfrankreich. Es ist die erste Anlage in Europa, die nach diesem Prinzip Energie erzeugen soll. Laut „MIT Technology Review“ ist General Fusion aus Vancouver mit einem einfacheren Fusionssystem weiter. Dort hofft man, dass die Fusionsreaktoren in 10 bis 15 Jahren einsatzbereit sein könnten. TAE Technologies aus Kalifornien verspricht sogar, einen Fusionsreaktor innerhalb von fünf Jahren zur kommerziellen Reife zu bringen.


Estland dauert das zu lange. Das Land hat die höchsten CO2-Emissionen pro Kilowattstunde in der EU. Zur Erreichung seiner Klimaziele wollen die Esten alle Ölschiefer-Kraftwerke bis 2035 abschalten. Ersatz muss schnell her. Darum soll das erste von der estnischen Firma Fermi Energia gebaute Mini-AKW in zehn Jahren ans Netz gehen.


Und Deutschland? Hier hat der politische Beschluss aus der Kernenergie auszusteigen dafür gesorgt, dass das Land, was die Atomforschung anbelangt, in der Steinzeit stehen geblieben ist.
Es gibt keine Firma, die moderne Anlagen liefern könnte. Dafür nehmen sich von amerikanischen, chinesischen und russischen Firmen ganz abgesehen eben die estnische Fermi Energia, Vattenfall in Schweden oder Rolls Royce aus England gern des wachsenden Marktes an.

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