Mittwoch, 31.10.2018

Foto: bearacreative/iStock/Getty Images

Ökonomischer Erfolg durch Networking: Immer mehr Produktionsmaschinen sind über das Internet miteinander verbunden.

Technologie
Vernetzte Maschinen

Industrie 4.0: Mittelständler nutzen IIoT-Plattformen bislang nur wenig

Anbieter von IIoT-Plattformen versprechen ihren Kunden einen Produktionszuwachs und sinkende Herstellungskosten. Doch noch halten sich viele Mittelständler beim Einsatz von IIoT zurück. Was sind die Gründe dafür?

Beim Maschinenbauer und Automobil­zulieferer Felss aus Königsbach-Stein östlich von Karlsruhe kommt es auf Präzision an. Der Mittel­ständler produziert unter anderem Lenkwellen für die Automobilindustrie. Das Rohmaterial bringen Rundknetmaschinen in die gewünschte Form. Um Ausschuss zu vermeiden, messen Sensoren per­manent die Maße der produzierten Fahrzeugteile. Die Daten werden zum Teil in einer firmeneigenen Cloud gespeichert und zum Teil an die Plattform Axoom übermittelt. Axoom gehört zur gleichna­migen Tochter des Maschinenbauers Trumpf. Lie­gen die übermittelten Daten außerhalb der Toleranz oder verschlechtern sich die Produktionsergebnisse schleichend, schickt Axoom dem Maschinenführer auf dem Bildschirm der Anlage einen Hinweis, wie er die Einstellungen der Maschine verändern soll, damit die Resultate wieder passen. Akzeptiert der Mitarbeiter den Vorschlag, stellt sich die Maschine automatisch auf die gewünschten Einstellungen um. 

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„Das Potential solcher Anwendungen ist enorm“, sagt Wolfgang Haggenmüller, Gesamtleiter Indus­trie 4.0 bei Felss. „Wir produzieren effektiver und verbessern dadurch die Qualität unserer Produkte.“ Zuvor hatte Felss die Produktionsergebnisse nur stichprobenartig erfasst. Dank Axoom kann Felss die Produktion der Lenkwellen ohne großen Auf­wand permanent und in Echtzeit überwachen. 

Bereits seit drei Jahren experimentiert Felss mit den verschiedenen Möglichkeiten des Indus­trial Internet of Things (IIoT), wie die Vernetzung von Produktionsmaschinen und das Sammeln und Auswerten der dadurch entstehenden Daten genannt werden. Plattformen wie Axoom bieten auf Grundlage der Daten verschiedene Applikationen an, mit denen sich Maschinen effektiver steuern las­sen sollen. Bei der Entwicklung der Angebote profi­tiert Axoom von den Erfahrungswerten des Mutter­konzerns Trumpf und der Vielzahl an aggregierten Daten, die durch Künstliche Intelligenz ausgewertet werden können.

Verbreitung ist noch gering

Noch nut­zen relativ wenige Mittelständler das IIoT, doch der Markt wächst. Laut einer Studie des Verbands der Internetwirtschaft, Eco, steigt der Umsatz der IIoT-Branche in Deutschland jährlich um etwa 20 Prozent und wird im Jahr 2022 circa 17 Milliar­den Euro betragen – doppelt so viel wie aktuell. „Die Bedeutung des IIoT für den Mittel­stand wird in Zukunft steigen“, sagt Holger Kett, Lei­ter Digital Business Services beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). „Der Kostendruck in der Industrie ist enorm, und mit einigen IIoT-Ansätzen lassen sich die Produkti­onskosten deutlich senken.“ Der Interessenverband für die digitale Wirtschaft, Bitkom, beziffert das Ein­sparpotential bei den Fertigungskosten auf 10 bis 20 Prozent, bei den Bestandskosten, die durch den Transport von Gütern im Lager entstehen, könnten es gar 30 bis 40 Prozent sein.

Doch trotz der Vorteile, die das IIoT bietet, ver­zichten viele Mittelständler bisher auf den Einsatz. Bei einer Umfrage von Bitkom gaben 58 Prozent der Nichtnutzer an, dass sie Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit und -integrität hätten. Kein Wunder: Die Maschi­nendaten geben Aufschluss über die Auslastung der Produktion und erlauben so Rückschlüsse auf die Auftragslage des Unternehmens. Viele Mittelständ­ler möchten diese Informationen nicht mit Drit­ten teilen. Die Anbieter der IIoT-Plattformen ver­sichern, dass die Daten bei ihnen in guten Händen seien. „Ohne Zustimmung des Kunden haben wir keinen Zugriff auf dessen Daten“, sagt Ralf-Michael Wagner, Leiter des Geschäftsbereichs Plant Data Services bei Siemens. Siemens betreibt mit Mindsphere eine eigene IIoT-Plattform, die ebenfalls Anwendungen wie Predictive Maintenance anbie­tet. „Wir nutzen vergleichbare Technologien bei der Datensicherheit, wie sie beim Onlinebanking zum Einsatz kommen.“ Tho­mas Brand, Innovationsexperte bei der Beratung PA Consulting, hält die Sicherheitsbedenken der Mittelständler ebenfalls für unbegründet: „Die Daten sind bei den Plattformbetreibern in der Regel deut­lich besser geschützt als bei den Unternehmen selbst.“

Der Markt für IIoT-Entwicklungen ist dynamisch. Viele neue Anbieter buhlen um Kunden und suchen nach neuen Anwendungsmöglichkeiten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht insgesamt noch viel Entwick­lungspotential. „Derzeit gibt es noch kaum IIoT-Plattform-Angebote mit Blockchain“, sagt Ste­ven Heckler, Referent Digitalisierung und Innova­tion beim BDI. „Das könnte sich in Zukunft ändern.“ Innovationsexperte Brand rät Unternehmen, nicht auf kommende Entwicklungen zu warten, sondern sofort auf IIoT zu setzen. „Wer bereits jetzt einsteigt, wird vielleicht an der einen oder anderen Stelle nachbessern müs­sen, weil wegen der Kinderkrankheiten nicht alles sofort läuft. Langfristig aber sichern sich Unterneh­men, die im IIoT als Early Adopter agieren, einen deutlichen Wettbewerbsvorteil.“


Welchen Nutzen IIoT-Plattformen für den Mittelstand haben, und worauf Unternehmen beim Einsatz der neuen Technologien in der Produktion achten sollten, lesen Sie in der Titelgeschichte der „Markt und Mittelstand“-Ausgabe November 2018, die am 2. November erscheint. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.