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KI und Bibelübersetzung: Wie Sprachmodelle das Wort Gottes globalisieren

| The Economist | Lesezeit: 3 Min.

KI beschleunigt die Bibelübersetzung dramatisch. Missionare, Linguisten und Algorithmen arbeiten am Ziel: 7.000 Sprachen bis 2033.

Jesus
(Foto: Ki-generiert by chatgpt)

aus: The Economist

In dieser Zeit des Jahres betreten Abermillionen Menschen kirchliche Räume. Selbst jene, die sich lange von der religiösen Praxis entfernt haben, finden an Weihnachten nicht selten den Weg zurück. Sie kommen, um einer Urszene christlicher Erzählung zu lauschen: Maria und Josef, das neugeborene Kind, die Krippe als Notbehelf – eine Geschichte von Ausschluss, Demut und Verheißung.

Missionarische Organisationen gehen davon aus, dass die Reichweite dieser Erzählung noch längst nicht ausgeschöpft ist. Zwar gilt die Bibel bereits als das am weitesten verbreitete und übersetzte Buch der Menschheitsgeschichte – vollständig liegt sie in mehr als 750 Sprachen vor. Doch der Anspruch ist umfassender: Sie soll in sämtlichen der rund 7.000 heute existierenden Sprachen zugänglich werden. Zur Verwirklichung dieses Vorhabens greifen christliche Akteure nun auf ein Instrument zurück, das bislang vor allem als säkular-technologisches Projekt galt: Künstliche Intelligenz.

Übersetzen ist eine mühselige Angelegenheit. Das Alte Testament umfasst rund 600.000 Wörter; der Überlieferung zufolge waren im 3. Jahrhundert v. Chr. siebzig Gelehrte nötig, um es vollständig zu übertragen. Das Neue Testament ist zudem in einem oft sperrigen, uneinheitlichen Griechisch verfasst, was die Arbeit zusätzlich erschwert. Viele Passagen sind mehrdeutig. Niemand weiß mit Sicherheit, was epiousion in der Bitte „unser tägliches Brot gib uns heute“ genau bedeutet – dennoch entschieden sich Übersetzer für „täglich“. Solche Wortentscheidungen hatten teils erhebliche theologische Konsequenzen. Eine Bibelübersetzung beschreibt Maria als junge Frau, eine andere als Jungfrau – zwei Begriffe mit grundverschiedener Bedeutung.

Übersetzen war lange Zeit nicht nur mühsam, sondern lebensgefährlich. Im europäischen Mittelalter galten Bibelübersetzer als Häretiker; nicht wenige bezahlten ihre Arbeit mit dem Leben. Zwar hat die Reformation diese Praxis entschärft, doch der Prozess blieb langwierig. Noch 1999 ging die Missionsorganisation Wycliffe davon aus, dass es rund 150 Jahre dauern würde, um Übersetzungsprojekte für alle verbleibenden Sprachen überhaupt zu initiieren. Das klassische Modell – Missionare lernen vor Ort die Sprache und übertragen den Text – erforderte Jahrzehnte. Auch der spätere Einsatz lokaler Linguisten reduzierte den Zeitaufwand nur begrenzt: Eine vollständige Bibelübersetzung beanspruchte weiterhin rund 15 Jahre.

Große Sprachmodelle verändern diese Zeitrechnung grundlegend. Mit ihrer Hilfe, so Schätzungen, lässt sich eine belastbare Übersetzung des Neuen Testaments innerhalb von zwei Jahren erstellen, das Alte Testament innerhalb von sechs. Das strategische Ziel vieler Missionswerke lautet daher, bis 2033 zumindest Teile der Bibel in jede bekannte Sprache zu übertragen. Die Initiative IllumiNations, ein Zusammenschluss internationaler Übersetzungsorganisationen, geht davon aus, dieses Ziel bereits zur Hälfte erreicht zu haben. In den vergangenen zehn Jahren flossen nahezu 500 Millionen Dollar in dieses Projekt.

Was wie ein technisches Wunder erscheint, beruht auf einer profanen Entwicklung. Im Jahr 2022 veröffentlichte Meta, der Konzern hinter Facebook und Instagram, ein KI-gestütztes Übersetzungsmodell unter offener Lizenz. Gedacht war es zur Verbesserung digitaler Angebote in rund 200 Sprachen, insbesondere in Afrika und Asien. Für Missionsorganisationen jedoch erwies sich diese Veröffentlichung als glückliche Konstellation: Ein säkulares Instrument ließ sich für sakrale Zwecke umfunktionieren.

Gerade sogenannte Minderheitensprachen stellen erhebliche Herausforderungen dar. „Man kann eine solche Sprache nicht einfach in ein System wie ChatGPT einspeisen und auf brauchbare Ergebnisse hoffen“, erklärt der Datenwissenschaftler Daniel Whitenack. Sprachmodelle sind auf Trainingsdaten angewiesen – fehlen diese, bleibt auch die KI stumm. Die Branche spricht von „Low-Resource-Sprachen“. In solchen Fällen müssen Übersetzer zunächst selbst sprachliches Material erzeugen, etwa durch manuelle Vorübersetzungen. „Wir suchen nach der minimalen Datenmenge, die notwendig ist, um ein Modell sinnvoll zu kalibrieren“, sagt Jeff Webster von der Organisation Seed Company – eine Art algorithmischer Gralssuche.

Der Einsatz von KI ruft jedoch auch Skepsis hervor. Manche Gläubige befürchten, der maschinelle Zugriff könne den spirituellen Charakter eines genuin heiligen Aktes unterminieren und den Heiligen Geist funktional ersetzen. Befürworter widersprechen: KI liefere lediglich Rohfassungen. Redaktionelle Überarbeitung, sprachliche Feinjustierung und theologische Prüfung blieben menschliche Aufgaben.

Zudem zwingt die Übersetzung zu kreativen Eingriffen. Eigennamen, Metaphern und abstrakte Konzepte entziehen sich oft maschineller Logik. Begriffe wie „Rammbock“ existieren in vielen Kulturen nicht; Übersetzer greifen daher zu funktionalen Umschreibungen wie „Kriegsgerät“ oder „Holzpfahl zum Durchbrechen von Toren“.

Noch gravierender sind kulturelle Divergenzen. Metaphern, die im westlichen Denken selbstverständlich erscheinen, können andernorts unverständlich sein. Die Aufforderung, „Jesus ins Herz aufzunehmen“, setzt ein bestimmtes Körper- und Gefühlsverständnis voraus. Bei den Awa in Papua-Neuguinea gilt die Leber als Zentrum des Selbst, bei den Rawa der Magen. Religiöse Bedeutung muss daher in kulturell anschlussfähige Bilder übersetzt werden.

Ein Teil der Dringlichkeit dieses Projekts ist eschatologischer Natur: Manche Christen glauben, dass Christus erst dann wiederkehrt, wenn die Bibel in jeder Sprache verfügbar ist. Andere sehen darin schlicht ihre missionarische Pflicht. Die Missionare bringen nicht nur die Bibel in neue Weltregionen – sondern auch neue Sprachmodelle. Der Einsatz könnte sich bereits im Diesseits auszahlen. Und vielleicht auch darüber hinaus.

© 2025 The Economist Newspaper Limited. All rights reserved.

Aus The Economist, übersetzt von der Markt & Mittelstand Redaktion, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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