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Technologie > Digitaler Wandel

Zero-Google: Wie KI das Internet neu sortiert – und Unternehmen unter Zugzwang setzt

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 2 Min.

Wie KI die klassische Websuche ablöst, das Internet neu formt und Unternehmen zwingt, ihre digitalen Strategien radikal umzubauen.

Virtuelle Projektion des Gehirns in Verbindung mit digitalen Daten
Künstliche Intelligenz verschiebt die Spielregeln der digitalen Wirtschaft – klassische Suchmechanismen verlieren rasant an Wirkung. (Foto: shutterstock)

Künstliche Intelligenz wird Gewohnheiten und Marktmechanismen dramatisch verändern.Das ist nicht schlimm. Die neue Technologie birgt Chancen, auch wenn sie zu sehr gelobt wird.  

Vielleicht haben Sie von diesem Video über den Hund gehört, der auf dem Mount Everest starb. Es wurde mehrere Millionen Mal angesehen und umfangreich kommentiert. Hunderttausende regten sich auf, sei es aus Mitleid über den armen Hund oder aus Ärger darüber, dass die Herrchen ihn mit auf diesen 8000er-Berg nahmen. Die dritte Gruppe brachte ihre Wut darüber zum Ausdruck, dass das Video nicht echt war, sondern von künstlicher Intelligenz generiert wurde. So wurden Millionen Minuten Zeit verschwendet und negative Emotionen erzeugt – mit etwas, das überhaupt nicht passiert war. Und wer glaubt, dass all das in der Freizeit passierte und nicht auch während der Arbeitszeit, ist ein Träumer. Willkommen im neuen Zeitalter. Willkommen in der neuen Realität. 

Als dieses Jahrhundert – in dem Fall auch ein neues Jahrtausend – begann, zerlegte sich die junge Internetbranche scheinbar in ihre Einzelteile. Die Dotcom-Blase platzte. Wer zu dem Zeitpunkt, wie der Autor dieses Kommentars, ins Berufsleben einstieg, konnte in vielen Branchen mit Volldampf loslegen. „Kommen die anderen noch?“ fragte ich damals 2002 bei n-tv an meinem ersten Tag als Volontär, als ich die vielen leeren Schreibtische sah, und erntete betretenes Kopfschütteln.  

Ich hörte von rauschenden Betriebsfeiern der vergangenen Jahre und dem großen Kater danach. Die Dotcom-Blase platzte im März 2020, als der US-Technologieindex Nasdaq Composite mit 5048 Punkten seinen damaligen Höchststand erreichte und danach rapide fiel. Es dauerte einige Quartale, bis die Folgen auch in weiten Teilen der Realwirtschaft einsetzten. Derzeit sehen viele Parallelen zum Hype rund um hoch bewertete Firmen, die irgendetwas mit künstlicher Intelligenz machen. Diese Vergleiche sind weitgehend Nonsens. Der entscheidende Punkt ist ein anderer. 

Das Internet stirbt – zumindest in der Form, wie wir es heute kennen und nutzen.

25 Jahre später wissen wir: Es blieb viel Gutes aus der Dotcom-Ära, sehr viel sogar. Das Internet hat die Welt verändert, unser aller Leben – spätestens, als 2007 die Smartphones dazukamen. Wenn nun das zweite Viertel des 21. Jahrhunderts beginnt, sollten wir uns fragen: Geht das mit dem Internet so weiter? Die Antwort kann nur lauten: Nein. Es stirbt, zumindest in der Form, wie wir es heute kennen und nutzen. Und die Verantwortlichen in Unternehmen müssen darauf schnell reagieren. 

Das beginnt bei der Google-Suche, die immer mehr KI-Ergebnisse anzeigt als Links. Wer früher ein Kochrezept suchte, bekam Seiten zu sehen, die rund um das Rezept lange Texte über die Kochkünste der Oma präsentierten und die Geschichte des Gerichts, weil der Crawler nach Kontext und Keywords verlangte, statt die Info direkt nach vorne zu stellen. Heerscharen von Search-Engine-Optimierern frisierten Webseiten, weil ein hohes Ranking in den Suchmaschinen viel Verkehr auf der eigenen Seite bedeutete und damit wesentlich für den Gewinn des Unternehmens war. Tempi passati. Im KI-Zeitalter geben die Menschen ihrem Chatbot bestenfalls zwei Sekunden. 

Zugegeben: Die Betreiber von KI-Dienstleistungen, allen voran Google, OpenAI, Meta oder Anthropic, stehen vor der großen Herausforderung, ihren Maschinen beizubringen, bei der Suche nach Daten im Internet den glaubwürdigen, menschengemachten, überprüften Inhalt für ihre Antworten in Chats zu verwenden, statt des KI-generierten Schrotts, der gerade alles überdeckt. Aber man darf annehmen, dass ihnen das gelingen wird. 

Die KI wird vermutlich gute Inhalte finden, ­Quellen honorieren – und die Websites dahinter idealerweise sogar verlinken. Aber es wird diesen Websites kaum noch Besucher bringen. „Zero-Google“ ist zum geflügelten Begriff dieser Zeit geworden: Der Traffic, der über Suchmaschinen zu meinem Produkt führte, nimmt dramatisch ab. Wir Medien merkten es, wie so oft, als erste. Aber längst ist das Phänomen in der Breite angekommen. 

Es gibt Maßnahmen dagegen. Und Alternativen, um Geschäft zu machen. Messen haben nach der Corona-Delle an Bedeutung gewonnen, zumindest die Leitmessen. Für Veranstaltungen gilt Ähnliches. Das persönliche Treffen vor Ort wird wichtiger. Wo Win-win-Situationen schlummern, an die man bisher kaum denken konnte, erklärt einem nicht die künstliche Intelligenz. Das ergibt sich in guten Gesprächen. Und macht Mut in Zeiten, in denen es wieder leere Schreibtische geben wird, weil KI-Agenten Teil des Teams sind. 

Vor 25 Jahren gab es die Dotcom-Blase, das hier ist anders,  

findet Thorsten Giersch. 

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