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Technologie > ESG & Reporting

Frankfurter Startup Right° misst Klimaziele in Grad statt CO₂

| Midia Nuri | Lesezeit: 5 Min.

Das Frankfurter Startup Right° verwandelt Klimaziele in messbare Gradzahlen – und wird zum Liebling von Porsche, Dürr & Co.

Hannah Helmke (r.) und Sebastian Müller
Macher: Hannah Helmke und Sebastian Müller macht ESG-Ziele sichtbar – in Grad statt in Emissionen. (Foto: Right°)

Aus einer vagen Idee haben Hannah Helmke und Sebastian Müller eine Software entwickelt, die Unternehmern wie ein Tacho beim Erreichen von Klimazielen hilft. 

von Midia Nuri für Markt und Mittelstand 

 

Dieses Jahr haben sie es in gleich mehrere Jahresberichte auf einmal geschafft. „Porsche, Dürr, Redcare und die Deutsche Pfandbriefbank erwähnen uns als Tool, mit dem sie ihre Ziele wissenschaftlich bestätigt haben“, berichten Hannah Helmke und Sebastian Müller. Die beiden haben 2016 gemeinsam die Frankfurter Klimatechnologiefirma Right° gegründet. Die Software berechnet aus Kennzahlen eines Unternehmens eine Gradzahl in Celsius. Sie zeigt an, um wie viel sich die Erde erwärmen würde, handelten alle Unternehmen so, wie das, dessen Daten eingegeben wurden. Mit der Software lassen sich auch die Klimafolgen verschiedener unternehmerischer Entscheidungen durchprobieren. 

Unternehmen müssen klimatechnisch rechnen. „Wir sind seit vier Jahren im Krisenmodus, und die Krisen haben alle etwas mit Klima zu tun“, sagt Helmke. Auch wenn die EU mit ihrer Omnibus-Verordnung Mittelständlern nun Aufschub verschafft, Klimaziele einzuhalten und zu messen, achten Banken und öffentliche Auftraggeber zunehmend darauf, dass Unternehmen Standards zu Umwelt, Sozialem und guter Unternehmensführung (ESG) einhalten. „Dabei rechnen alle in Tonnen CO2“, sagt Müller. Nicht unbedingt die richtige Zahl, schließlich unterscheiden sich zum Beispiel Technologiefirmen und rohstoffintensive Konzerne. Warum also nicht gleich eine Gradzahl ermitteln? Das ist schließlich der Eckwert des Pariser Klimaabkommens. Darin haben sich mehr als 190 Staaten verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, idealerweise auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, zu begrenzen. 

Den Anstoß für ihre Softwarelösung gaben Berichte über die CO2-Blase. „Eine Finanzblase“, sagt Helmke. Die These: Bis 2050 darf nur ein kleiner Teil der fossilen Energiereserven verbrannt werden, weil mehr mit dem vereinbarten Klimaziel unvereinbar wäre. Wenn das so ist, sind Unternehmen, die sich mit fossilen Brennstoffen beschäftigen, an den Börsen höchst überbewertet –  
eine Gefahr für Anleger. Es betrifft einen großen Teil der weltweit wertvollsten Unternehmen und geschätzt bis zu 80 Prozent ihrer Werte. Das Carbon-Tracker-&-Grantham-Institute rechnet damit, dass fossile Reserven mit 27 Billionen Dollar überbewertet sind. Dafür wollten sie etwas anbieten, erinnert sich Helmke.  

Die Software, die die Gradzahl errechnet, ist aus frei verfügbaren, wissenschaftlichen Komponenten zusammengesetzt und nennt sich X-Degree-Compatibility-Modell. Mit einigen Klicks ermitteln Unternehmer, Anleger oder Immobilienbesitzer, wo sie klimatechnisch stehen. „Anhand von Kennzahlen, die im Unternehmen sowieso vorliegen“, sagt Müller. Für Unternehmen, einzelne Aktien, Anleihen und Kredite sind das neben der Bruttowertschöpfung auch direkte und indirekte Treibhausgas-Emissionen aus dem gleichen Basisjahr. Für Immobilien rechnet die Software mit Nutzfläche, Emissionen, Gebäudenutzung sowie Land und Basisjahr. Auch für Portfolios von Aktien, Anleihen oder Krediten können Anleger ihren Grad-Celsius-Wert aus den Wertpapiernummern (ISIN) der Produkte im Portfolio und deren Anteilen am Portfolio errechnen. „Ein Unternehmer meinte in einer Schulung, diese Gradzahl zu erfahren, sei wie zum ersten Mal mit Tacho Auto zu fahren“, sagt Helmke. 

Kein Risikokapital

Mit Technologie hat das Gründerpaar ursprünglich wenig zu tun. Helmke ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Psychologin, Müller Rechtsanwalt. Es zeigte sich, dass Reden hilft. Unter anderem mit der Frankfurter Rundschau, die vor ein paar Jahren berichtete. „Kurz danach stand ein Herr vor unserer Tür und sagte ‚Ich könnte mir vorstellen, ihr braucht einen Mathematiker‘“, erinnert sich Helmke. „Er hat gesagt, er könne es programmieren.“ Ähnlich kam Right° anfangs auch an seine Wissenschaftlerinnen und Entwickler, die die Software gestalteten. 

Auch Investoren interessierten sich, das Geld floss ins Team. „Keine VC-Gesellschaften“, sagt Helmke. Für die sei Right° nicht interessant, „weil zu explorativ“. Außerdem wollten die beiden Gründer lieber an ihrem Produkt arbeiten und nicht daran, eine Investmentgeschichte zu erzählen. Die erste Zeit war eng. Zwei Jahre lang finanzierte das Paar das Unternehmen vor allem aus Vermietungseinkünften. „Wir waren sogar mal im Spiegel in einer Geschichte über die schönsten Coworking-Spaces“, sagt Helmke. Dann stieg ein Privatinvestor ein. Der Leiter seines Family Offices hatte Helmke nach einem Vortrag angesprochen. Als Nächstes investierte die GLS-Bank, einer der ersten Kunden. „Gerade solche Banken brauchen wir, die verstehen, dass es beim Klima nicht um Ob geht, sondern um Wie“, sagt Müller. Der Frankfurter Indexanbieter Solactive investierte 2020. „Unsere Vision sind Indexprodukte, mit denen Anleger in 1,5-Grad-Unternehmen investieren können“, sagt Helmke. 

„Das sind keine Hilfen“, betont Müller. „Wir haben immer geliefert.“ Nämlich browserbasierte oder einbindbare Software, mit der Unternehmen nicht nur herausfinden, wie weit sie auf dem Weg zur 1,5-Grad-Celsius-Kompatibilität bereits sind, sondern auch Maßnahmen, Strategien und auch Wachstumsszenarien auf ihre Klimawirkung hin testen können. Sie wollten einen Standard setzen, wie man die Transformation misst und gestaltet, sagt Helmke. Right° berät die heute mehr als 150 Kunden zudem, wie sie mit den Ergebnissen und Szenarien umgehen. „Heute machen wir das nicht mehr intern, sondern arbeiten eng mit Beratungsgesellschaften zusammen, die unsere Kunden bei der Umsetzung ihrer Strategie begleiten“, sagt Helmke. Das hält das Unternehmen schlank. 15 Beschäftigte arbeiten bei Right°. 

Vor allem 2020 gab es zahlreiche Preise, etwa den Next Economy Award. Dabei sind Helmke und Müller 2016 nicht nur ohne Produkt gestartet, sondern ganz zu Beginn auch ohne Idee. Nur den Namen hatten sie schon vorher: Right im Sinne von etwas richtig machen und nicht halbgar. Und den Wunsch, gemeinsam ein Unternehmen zu führen, um an interessanten Dingen zu arbeiten, Erfolg zu teilen, zu reisen. 

Die Omnibus-Verordnung hat das Unternehmen kalt erwischt und gebremst. „Es war schon eine Überraschung, dass es in der Härte kommt“, sagt Helmke. Andererseits war Right° von der Gewinnschwelle 2024 nur einen dreistelligen Euro-Betrag entfernt. „Also unter 1000 Euro Verlust“, sagt Prokurist Müller. „Ich hätte mir gewünscht, dass der Steuerberater noch etwas findet, das uns auf null oder darüber bringt“, sagt er. Derzeit arbeiten Helmke und Müller an einem Bericht über die Unternehmen der ersten Börsenliga, den Durchbruch auf dem 1,5 Grad-Celsius-Pfad fest im Blick.

 

Faktenbox: Right° – Klimaziele in Grad messen

  • Gründung: 2016 in Frankfurt am Main
  • Gründer: Hannah Helmke & Sebastian Müller

  • Geschäftsmodell: Software misst Klimaziele in Grad Celsius statt in CO₂-Tonnen

  • Kunden: u.a. Porsche, Dürr, Redcare, Deutsche Pfandbriefbank

  • Technologie: X-Degree-Compatibility-Modell; nutzt Unternehmenskennzahlen (u.a. Wertschöpfung, direkte/indirekte Emissionen)

  • Mitarbeiter: ~15

  • Besonderheit: Kein klassisches VC-Fundraising, Fokus auf wissenschaftliche Validität und Produktentwicklung

  • Auszeichnungen: Next Economy Award (2020)

Der Beitrag erschien in der November-Ausgabe von Markt und Mittelstand 2025

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