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Technologie > Innovation

Unabhängig von Seltenen Erden: Wie Ziehl-Abegg den Aufzug neu denkt

| Midia Nuri | Lesezeit: 5 Min.

Ziehl-Abegg entwickelt einen weltweit einzigartigen Aufzugsmotor ohne Seltene Erden – dank Ferritmagneten und bionischer Expertise.

Macher: Joachim Ley
Einfaches Material: Ziehl-Abegg-Chef Joachim Ley zeigt das Material, mit dem der neuartige Aufzugsmotor ausgestattet ist und das Seltene Erden ersetzt. (Foto:) Ziehl-Abegg

von Midia Nuri 

Auch kleine Geschäftsbereiche können sehr groß rauskommen. Zum Beispiel die Aufzugsmotorensparte von Ziehl-Abegg aus dem baden-württembergischen Künzelsau. Sie steht für etwa zehn Prozent des Umsatzes, hat aber gerade revolutioniert, wie Aufzüge hoch und runter befördert werden. Der neuartige Motor braucht keine Magneten aus Seltenen Erden mehr, sondern nutzt Ferritmagneten auf Eisenbasis. Weltweit einmalig, sichert sich das Familienunternehmen so Unabhängigkeit und Lieferfähigkeit trotz Rohstoffkrise und drohender Ausfuhrstopps. Die Motorenserie heißt ZAtop – ZA für Ziehl-Abegg. Top erklärt sich selbst. 

„Motoren mit Ferritmagneten sind an sich nichts Neues“, sagt Geschäftsführer Joachim Ley. „Im Bereich der Lufttechnik gibt es solche Antriebe seit Jahrzehnten.“ Doch ein Aufzugsmotor muss andere Anforderungen erfüllen als beispielsweise der Antrieb für die Kühlung eines Serverraumes oder eines Tiefseefahrzeugs oder auch etwa der Ringmotor eines Computertomografen. Ventilatoren und Lufttechnik machen den größten Bereich des Unternehmens aus. Dazu kommt noch die entsprechende Regeltechnik. 

Hochwertige Aufzugsmotoren müssen heutzutage energieeffizient sein – weniger Betriebskosten, mehr Nachhaltigkeit. Sie sollen den Aufzug leise und rüttelarm bewegen, gleichzeitig ebenso langlebig wie zuverlässig sein. „Besonders getriebelose Aufzugsmotoren benötigen keine Wartung – lediglich Anbaukomponenten wie Treibscheiben und Bremssystem müssen gewartet werden“, erläutert das Unternehmen auf seiner Homepage. Angetrieben wird ein solcher Motor nur von Magneten und einer sich durch deren wechselseitig laufende Anziehung und Abstoßung drehenden Spule. Die zentrale Achse ist fest.  

 

Größe als Herausforderung

Lange schien es für diese kompakten Antriebe keine Alternative zu Magneten aus Seltenen Erden zu geben. „Niemand macht für den Motor eines Aufzugs den Schacht breiter“, sagt Ley. „Die Größe des Antriebs ist also gegeben.“ Und sie ist für einen Motor der benötigten Leistungskraft in aller Regel winzig. Entsprechend klein und leistungsstark sollten die Magnete sein. Mit Seltenen Erden wie Neodym oder Dysprosium lassen sie sich bauen. „Magnete aus ferritischem Material sind normalerweise fünf bis zehn Mal größer als solche aus Seltenen Erden“, erklärt Ley. „Das zeigt, warum es nicht so einfach war.“ Über eine Lösung für mehr Unabhängigkeit von Seltenen Erden hatten die Entwickler schon 2009 nachgedacht, als sich die Rohstoffkrise mit einem enormen Preissprung abzeichnete. Und sie lange verworfen – derart kleine Motoren mit anderen Metallen seien nicht möglich, glaubten sie. Doch die Preise stiegen weiter und auch Ausfuhrstopps von China nach Europa drohten. Andere Bezugsquellen gibt es kaum. „China ist und bleibt ein wichtiger Markt für uns.“ Geschäftsführer Ley ist das wichtig. „Es ging uns darum, technologisch unabhängiger zu werden, wenn Seltene Erden zum Spielball werden, damit wir lieferfähig sind.“ Das Vorhaben ist gelungen. Der 2025 auf der Fachmesse Interlift vorgestellte Aufzugsantrieb mit Ferritmagnet bringt bei gleicher Größe die gleiche Leistung. „Die Kunden merken keinen Unterschied“, sagt Ley. 

Das erfolgreiche Entwicklungsprojekt hat ein junger Ingenieur geleitet, der seit drei Jahren im Unternehmen ist. „Wir haben ihm gesagt, der Motor ohne Seltene Erden soll die gleichen Maße haben wie der mit – alles darin darfst du dir anschauen und anpassen“, berichtet Ley. Der Ingenieur hatte also mehr Freiheit als die 300 Mitarbeiter der Abteilung Forschung und Entwicklung im Normalfall. „Bei der Entwicklung versuchen sie sonst, möglichst wenig zu ändern, weil das auch ein Kostenfaktor ist.“ 

Das Patent für den neuartigen Ferritmagnet-Aufzugsantrieb ist noch nicht veröffentlicht. „Mit der Veröffentlichung der Details wollen wir auch gern noch warten“, sagt der Geschäftsführer. Wegen Nachahmern. Bei der Entwicklung geholfen hat neben der Erfahrung im Antriebsbereich die Expertise aus dem weit größeren Geschäftsbereich Lufttechnik. „Die Kombination aus Antriebs- und Lufttechnik macht uns auch ein Stück weit einzigartig“, freut sich Ley. Sie reicht in die Gründungszeit zurück. 

Ingenieur Emil Ziehl hatte 1900 das Patent für einen elektrisch betriebenen Kreisel mit Außenläufermotor bekommen. Anders als bei den herkömmlichen Motoren läuft hierbei der bewegliche um den statischen Teil des Motors – ohne Riemen und daher mit geringem Reibungsverlust und wartungsarm. Geeignet beispielsweise für Motorräder, Laserdrucker oder auch Schwungräder von Maschinen. Und Aufzüge. 1909 erwarb Ziehl die Rolandwerke in Berlin und gründete 1910 mit dem wenig später wieder ausgeschiedenen Schweizer Geldgeber Eduard Abegg das Unternehmen. 

Ziehl-Abegg baute damals Motoren für Zeppeline und die kaiserliche Marine. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Firma zunächst nach Bayern, wo sie Elektromotoren reparierte. Und siedelte sich 1949 dann in der Schlossmühle Künzelsau am Sitz des Aufzugherstellers Stahl an, der damals einen Lieferanten für Außenläufermotoren an seinen Aufzügen suchte. Heute beschäftigt das Unternehmen weltweit 5300 Mitarbeitende, 2800 davon in Deutschland. 

Um den Betrieb möglichst lautlos und damit effizient hinzubekommen, greifen die Entwickler auf Optimierung der Ventilatoren mittels Bionik zurück. „Das ist unser Steckenpferd im Bereich der Lufttechnik“, erklärt Ley. Hier geht es darum, der Natur ihre besten Tricks für Geräuschlosigkeit und Vibrationsarmut abzuschauen. „Damit die Wärmepumpe in Nachbars Garten nicht stört“, nennt der Firmenchef als Beispiel. Der Ventilator muss einen bestimmten Wirkungsgrad haben und leise sein, auch das drückt Effizienz aus. 

2006 eroberten Rotorblätter mit Kanten den Markt, die den Flügeln der Schleiereule nachempfunden sind. Das Bionik-Profil dieses im Flug fast lautlosen Vogels verringert auch in den Aufzugsmotoren die Vibration. Bei einer anderen Art von Ventilatoren sind an den Schaufeln kleine Wellen eingearbeitet, damit sich die Luft möglichst spät von der Schaufel löst. Vorbild ist eine Walflosse. Die Geräte sind energieeffizienter und leiser. 

Gerade entwickelt Ley weitere Varianten des neuen Motors. Die Baugröße für Lasten bis zu zwei Tonnen und Geschwindigkeiten bis zu drei Metern pro Sekunde ist fertig. Andere sollen Lasten bis zu fünf Tonnen mit Tempo 2,5 Meter pro Sekunde bewegen. 

Faktenbox Technologie und Einordnung

Unternehmen: Ziehl Abegg
Sitz: Künzelsau Baden Württemberg

Worum geht es

  • .Ziehl Abegg hat einen weltweit einzigartigen getriebelosen Aufzugsmotor entwickelt der ohne Seltene Erden auskommt. Statt Neodym oder Dysprosium nutzt der neue Antrieb Ferritmagnete auf Eisenbasis bei gleicher Baugröße und identischer Leistung.

Warum das bedeutsam ist

  • Seltene Erden gelten als geopolitisch sensibel und Lieferketten sind anfällig. Der neue Motor stärkt die technologische Unabhängigkeit und zeigt dass Hochtechnologie auch ohne kritische Rohstoffe möglich ist.

Zentrale Fakten

  • Produktname ZAtop
  • Magnettyp Ferritmagnete auf Eisenbasis
  • Leistung identisch zu bisherigen Motoren
  • Baugröße unverändert keine Anpassung der Aufzugsschächte nötig
  • Einsatz getriebelose wartungsarme Aufzüge
  • Markteinführung 2025 Premiere auf der Fachmesse Interlift
  • Patentstatus angemeldet Details noch nicht veröffentlicht

Was macht die Entwicklung besonders

  • Ferritmagnete sind deutlich größer als Magnete aus Seltenen Erden und galten lange als ungeeignet Durch bionische Optimierung etwa nach dem Vorbild der Schleiereule oder der Walflosse konnten Geräusche und Vibrationen reduziert werden. Die Kombination aus Antriebs- und Lufttechnik-Know how ist ein zentrales Alleinstellungsmerkmal.

Nutzen für Betreiber

  • Geringere Betriebskosten
  • hohe Energieeffizienz
  • leiser und rüttelarmer Lauf
  • nahezu wartungsfreier Betrieb

Kurzfazit 

  • Der ZAtop Motor von Ziehl Abegg ist ein belastbares Praxisbeispiel dafür, wie Mittelstand Bionik und Ingenieurskunst strategische Rohstoffabhängigkeiten überwinden ohne Abstriche bei Leistung Effizienz oder Baugröße.

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