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Technologie > Digitale Souveränität

Mittelstand in der Cloud: Wem können deutsche Firmen ihre Daten noch anvertrauen?

| Thorsten Giersch

Viele Betriebe zweifeln an US-Clouds. Deutsche Anbieter versprechen Souveränität – doch sie müssen genauso gut und günstig sein.

Autokratische Züge: Weil der US-Präsident unberechenbar ist und im Zweifel auch große amerikanische Digitalkonzerne einknicken, wenn er droht, setzen deutsche Unternehmen lieber auf ­europäische Lösungen. Deshalb investieren auch US-Konzerne wie Google und Microsoft in Europa. (Foto: shutterstock)

06.09.2025 Markt und Mittelstand  - von Thorsten Giersch

Manchmal hilft man sich selbst am besten. Diese Erfahrung machte zumindest Possehl, ein erstaunlich unbekannter Mittelständler angesichts der sieben Milliarden Euro Umsatz, den die Gruppe macht. Knapp 200 Jahre alt ist das Stiftungsunternehmen. Die Familie lebt nicht mehr, Gewinne gehen in die Stiftung als alleinige Gesellschafterin, um damit Bildung, Kunst, Kultur und Soziales zu fördern. Eine schlanke Holding mit nicht einmal drei Dutzend Personen regelt das Grundsätzliche. Darunter gibt es zehn Geschäftsbereiche. Viele kennen die Reinigungsmaschinen von Hako oder Druckmaschinen von Manroland Goss. „Ich wollte genau in diesen Mittelstand rein, wo die Herausforderungen sind, vor allen Dingen, wenn wir von Digitalisierung sprechen“, sagt Christoph Haß, der seit drei Jahren bei Possehl arbeitet und nun den jüngsten Geschäftsbereich – Possehl Digital – mitverantwortet. Denn bei aller Dezentralität der Einheiten war es sinnvoll, eine übergreifende für Innovationen zu schaffen. 

Inzwischen hilft Possehl Digital nicht mehr nur den Schwesterfirmen innerhalb der Gruppe, sondern auch anderen Unternehmen: „Was uns auszeichnet, ist diese Mittelstandstauglichkeit“, sagt Haß, vorher Berater bei PWC. „Ich habe da viel erlebt. Ich will gar nichts gegen irgendwelche großen Tech-Unternehmen sagen, aber es gibt ganz viele Leistungen da draußen, die nicht mittelstandstauglich sind.“ Lösungen mit Lizenzkosten ab 100.000 Euro können sich kleine und mittelgroße Betriebe oft nicht leisten. Und viele Digital-Dienstleister verstehen unter „Mittelstand“ Firmen mit einem Umsatz jenseits einer Milliarde Euro statt mit 50 bis 500 Millionen Euro. 

Um der „mittelstandstauglichen digitalen Transformation“ gerecht zu werden, hat sich Possehl Digital an derzeit neun Tech-Unternehmen beteiligt. Die Digitalisierung im Mittelstand ist in der Breite nur bedingt skalierbar, deswegen lassen die Großen hier auch Lücken. Keinen Finanzinvestor als Eigner zu haben, sondern eine Stiftung, helfe bei dieser Herangehensweise entscheidend, sagt Haß. „Wir müssen damit Geld verdienen, aber wir brauchen keine Wachstumsraten von 80 bis 100 Prozent.“ 

Besonders viel Luft nach oben gebe es in den Betrieben bei der Frage, wie in ein paar Jahren die digitale Kundeninteraktion aussehe und wie hauptsächlich kommuniziert werde. „Der typische Vertriebler, wie es ihn im industriellen Mittelstand gibt, ist langfristig nicht mehr gefragt“, glaubt Haß. „Wir werden viel innovativer kommunizieren, online bestellen und sollten uns überlegen, wie CRM-Systeme in Zukunft aussehen sollten.“ 

Alles selbst machen, will Possehl Digital auch nicht. „Wir würden nicht anfangen, eigene KI-Modelle oder eigene große Automatisierungsplattformen zu bauen“, sagt der Manager. Es gehe eher darum, etablierte Lösungen am Markt mittelstandstauglich in den Unternehmen der Gruppe einzusetzen. Neben lockeren Partnerschaften mit Microsoft und anderen rät Haß den Betrieben, sich zusammenzutun, Dinge gemeinschaftlich mit verschiedenen Tech-Anbietern zu entwickeln. So mache man sich auch nicht abhängig – nicht von Amerika und nicht von einzelnen Anbietern. Er rät auch den kleinsten Betrieben, sich bei der Cloud-Strategie nicht an ein oder zwei Anbieter zu ketten. 

Der Manager findet gut, dass deutsche Unternehmen wie Schwarz Digits oder Ionos eine europäische, souveräne Cloud aufbauen. Allein schon, damit der Wettbewerb zunimmt. Kaum ein anderes Unternehmen wirbt derzeit so intensiv für digitale Souveränität wie Schwarz Digits. Das Unternehmen gehört zur Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland). „Das Thema Souveränität ist elementarer Bestandteil der DNA von Schwartz Digits“, sagt Bernd Wagner, CEO von Stackit, dem Cloud-Anbieter der Firma. Die Unternehmen der Schwarz-Gruppe haben eigene Kapazitäten aufgebaut und bieten ihr Wissen nun auch anderen an. 

Stackit profitiert gerade vor allem von den Änderungen, die mit der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump einhergehen. Er verteidigt im Zweifel die Interessen der US-Tech-Riesen. Und die können sich gegen Forderungen nach Dateneinsicht wohl nicht wehren.  

Aus Wagners Sicht ist digitale Souveränität für Mittelständler tendenziell sogar noch wichtiger als für Konzerne. „Die Kleineren sind genau den gleichen Angriffen und denselben Herausforderungen ausgesetzt wie Großunternehmen.“ Sie müssten das aber mit viel weniger Kapitaleinsatz meistern als die Konzerne. „Deswegen ist es so wichtig, dass man Cloud-Technologie einsetzt wie unsere. Wir bilden sozusagen eine Genossenschaft.“ Mit einem deutschen Partner gebe es zudem keine Diskussion, ob Lösungen konform mit deutschem Datenschutz seien, erklärt Wagner. „Liegen meine Daten tatsächlich in Deutschland oder in Europa? Kümmern sich nur deutsche oder europäische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um mich? Das sind Dinge, die können wir von vornherein mit Ja beantworten.“ Ein weiterer Punkt sei bei Vertragsabschluss die juristische Implikation. „Wir diskutieren gar nicht mit den Kunden, ob wir deutsches Recht und den deutschen Gerichtsstand akzeptieren. Das ist selbstverständlich für uns.“ 

Wagner verweist darauf, dass künstliche Intelligenz (KI) derzeit in deutschen Unternehmen täglich etwa 500 Millionen Mal entscheide, am Ende des Jahres rund eine Milliarde. „Diese Zunahme und die geopolitische Veränderung lassen den Drang zu Souveränität größer werden“, erklärt Wagner. 

Dem „Cloud Report 2025“ des Digitalverbands Bitkom zufolge wächst in der deutschen Wirtschaft die Sorge vor einer zu hohen Abhängigkeit von Cloud-Diensten aus dem Ausland. Vier von fünf Unternehmen halten Deutschland für zu abhängig von US-Anbietern und wünschen sich Großanbieter aus Europa, die dasselbe können wie US-Konkurrenten. Jedes zweite Unternehmen, das Cloud-Computing nutzt, sieht sich wegen der Politik der US-Regierung gezwungen, die eigene Strategie zu überdenken. Alle befragten Unternehmen würden einen Anbieter aus Deutschland bevorzugen, 61 Prozent einen Anbieter aus der EU. 

Bei welchen Daten Unternehmen über Souveränität nachdenken

US-Konzerne investieren

Allerdings muss ein Cloud-Dienst, der Daten ausschließlich in Deutschland und vor ausländischem Zugriff geschützt verarbeitet, konkurrenzfähig sein. Nur zwölf Prozent der Unternehmen würden ein solches Angebot nutzen, wenn sie länger als bei internationalen Wettbewerbern auf neue Funktionen warten müssten. Für acht Prozent wäre akzeptabel, wenn nicht alle Funktionen von internationalen Anbietern vorhanden sind, sieben Prozent wären bereit, etwa zehn bis 20 Prozent mehr zu bezahlen und sechs Prozent würden Abstriche bei der Bedienbarkeit oder dem Service hinnehmen. Zwei Drittel (65 Prozent) würden allerdings keine dieser Nachteile akzeptieren. „Eine deutsche Cloud muss genauso gut und genauso günstig sein, wie die Angebote anderer Anbieter“, sagt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. „Ist sie das nicht, bleibt sie ein Nischenprodukt.“ 

Die US-Riesen investieren kräftig in Europa, weil sie wissen, dass es den hiesigen Firmen nicht egal ist, wo die Daten liegen. Google steckt zum Beispiel bis 2030 eine Milliarde Euro in digitale Infrastruktur und grüne Energie. Neue Cloud-Regionen in Berlin-Brandenburg und Hanau sind bereits in Betrieb. Der Konzern hat eine strategische Partnerschaft mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Gemeinsam werden sichere und gesetzeskonforme Cloud-Dienste für den öffentlichen Sektor entwickelt, wovon auch die Privatwirtschaft profitieren soll. 

„Für Google Cloud gilt das Prinzip:, Vertrauen Sie uns, weil Sie uns nicht vertrauen müssen‘“, sagt Marianne Janik, Vizepräsidentin EMEA North bei Google Cloud. Damit meint sie technisch nachweisbare Kontrolle. Für den jeweiligen Schutzbedarf gibt es drei Angebote: Die Basis-Version soll Kunden Kontrolle darüber geben, wo ihre Daten gespeichert und verarbeitet werden – beispielsweise ausschließlich innerhalb der EU. „Entscheidend ist dabei die Möglichkeit, die Verschlüsselungsschlüssel selbst zu verwalten, auf Wunsch auch komplett außerhalb der Google-Infrastruktur“, sagt Janik. Der Kunde könne jeden Zugriff auf seine Daten kontrollieren und aus beliebigem Grund verweigern. Das gilt nicht für Anbieter, deren Server in den USA oder China stehen, weil die Staaten dort das Recht haben, unter gewissen Umständen Zugriff zu erzwingen. Für Organisationen mit noch höheren Anforderungen an die betriebliche und personelle Unabhängigkeit gibt es bei Google eine Cloud, deren Infrastruktur ein unabhängiger, lokaler Partner betreibt. In Frankreich gibt es diese Option bereits, hierzulande ist es geplant. Für höchste Sicherheitsanforderungen, wie sie im Verteidigungs- oder Nachrichtendienstsektor bestehen, sieht Google eine vollständig vom Internet getrennte Cloud vor. Die Daten sind isoliert, der Kunde oder ein Partner betreibt die Cloud selbst. 

Auch Microsoft hat erkannt, dass Betriebe auf der einen Seite IT-Dienste bestmöglich nutzen, dabei aber unabhängig bleiben wollen. „Wir machen dafür alle unsere Datacenter souverän, sodass unsere Partner beispielsweise in der Lage sind, die Zugangsschlüssel für unsere Kunden zu verwalten“, sagt Oliver Gürtler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts bei Microsoft Deutschland und Mitglied der Geschäftsleitung. Das bedeute, dass Microsoft keinen Zugriff auf solche Daten habe, und es gehe bis hin zur Source-Code-Hinterlegung in der Schweiz. Selbst wenn eine andere Regierung an diese Daten heranwolle, könne Microsoft sie also gar nicht herausgeben. 

Warum Unternehmen in die cloud gehen

Ohne USA geht es nicht

„Wir wollen sicherstellen, dass diese Technologie nicht nur Großunternehmen bereitsteht, sondern auch dem Mittelstand, besonders KMU“, sagt Gürtler. Er gibt zu, dass früher fast alle Software-Anbieter die großen Unternehmen wegen ihres Marktpotenzials priorisierten, aber mit KI ändere sich das gerade. „Mittelständler müssen nicht für Hunderte von Millionen Euro eigene Rechenzentren aufbauen. Sie haben heute dieselben Möglichkeiten wie Großkonzerne, um mit KI zu starten.“ 

Aus Sicht von SAP-Chef Christian Klein greift die Diskussion um digitale Souveränität in Europa häufig zu kurz. Der Bau von europäischen Rechenzentren und digitaler Infrastruktur sei kein Allheilmittel. „Wer glaubt, dass Server und Prozessoren allein unsere Unabhängigkeit sichern, verkennt globale technologische Abhängigkeiten und Europas eigentliche digitale Stärken“, schreibt er in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. Denn selbst wenn europäische Anbieter Rechenzentren und deren Dienste betrieben, stammten wesentliche Teile – etwa Prozessoren oder Netzwerktechnik – weiter aus den USA oder China. Analog dazu nutzen viele europäische Unternehmen Software aus Übersee, die tief in Geschäftsprozesse eingebunden ist und Zugriff auf entsprechende Daten hat. „Wer vollständige Autarkie fordert, müsste konsequenterweise sämtliche ausländische Hardware, aber eben auch Software verbannen“, schreibt Klein. „Eine Abschottung gegenüber Technologien aus dem Ausland ist nicht praktikabel. Sie würde Europa ins digitale Abseits führen und wäre wirtschaftlich fatal.“

 

Der Artikel erschien in der Print-Ausgabe Nr. 7 (September 2025) von Markt und Mittelstand.

Faktenbox: Cloud-Souveränität im Mittelstand

  • Abhängigkeit: 4 von 5 Unternehmen halten Deutschland für zu abhängig von US-Anbietern (Bitkom-Cloud-Report 2025).

  • Wunsch: 100 % der Befragten würden einen Anbieter aus Deutschland bevorzugen, 61 % einen aus der EU.

  • Kompromissbereitschaft: Nur 12 % der Firmen akzeptieren längere Wartezeiten auf neue Funktionen – 65 % würden keine Nachteile akzeptieren.

  • US-Investitionen: Google investiert bis 2030 rund 1 Mrd. Euro in deutsche Cloud-Regionen; Microsoft baut „souveräne Datacenter“.

  • Deutsche Alternativen: Schwarz Digits/Stackit und Ionos werben mit Datenhoheit, deutschem Recht und EU-Personal.

 

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