Freitag, 06.08.2021

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Luftreiniger: Es fehlen die Geräte oder es kommen viele zweifelhafte Exemplare auf den Markt.

Technologie
Pandemie

Schulen und der Schutz vor Corona: Heiße Luft statt sauberer Luft

Wenn im Herbst Corona mir der nächsten Welle angreift, stehen die Schulen genauso schlecht da wie im Jahr zuvor. Die lange niedrigen Inzidenzzahlen haben die Kultusminister der Länder in falscher Sicherheit gewogen. Die Chance, Schulen rechtzeitig mit effizienten Luftreinigungsgeräten auszustatten, ist verpasst.

Das Deutsche Schulportal bilanziert nüchtern: Schon vor einem Jahr gab es Forderungen nach einer umfangreichen Ausstattung der Schulen mit Luftfilteranlagen. Insbesondere als die Temperaturen gefallen seien und sich das Stoßlüften alle 20 Minuten als wenig praktikabel erwiesen habe, kochte die Diskussion hoch, erinnern die Experten vom Schulportal, einer Initiative, die von der Robert-Bosch-Stiftung betrieben wird. "Geschehen ist seitdem in Sachen Luftreinigungsgeräte allerdings in vielen Bundesländern nur wenig."

Die Folge: Jetzt fehlen die Geräte oder es kommen viele zweifelhafte Exemplare auf den Markt. "Keiner der seriösen Anbieter ist in der Lage über Nacht 50.000 Geräte herzustellen", betont Kai Sannwald, Mitgründer des Handelsunternehmen Sunny Air in München, das sich herstellerunabhängig auf den Vertrieb der Luftfilteranlagen spezialisiert hat.

Es hakt an Entschlossenheit, aber auch an der Finanzierung. Erst im Juli hat das Bundeskabinett überhaupt 200 Millionen Euro für die Anschaffung bewilligt. Von den Bundesländern stehen inzwischen weitere 130 Millionen Euro zur Verfügung, wobei das meiste Geld in Bayern (50 Millionen) und Baden-Württemberg (40 Millionen) den eigenen Schulen zur Verfügung gestellt wird. Damit kommen die Rektoren der 32.000 Schulen in Deutschland allerdings nicht wirklich weiter. Denn im Schnitt kostet ein wirklich effizientes Gerät für ein Besprechungsraum oder ein Klassenzimmer zwischen 3000 und 4000 Euro. "Dazu kommen noch die Wartungskosten für die Hochleistungsfilter", sagt Geräteverkäufer Sannwald.

Und nicht alle bekommen gleich viel: Mit den bisher zur Verfügung stehenden Mittel könnten also nicht einmal drei Geräte je Schule beschafft werden. Nach einer Erhebung des Herstellers Kampmann beschränkt Baden-Württemberg die Fördermittel prinzipiell auf 3000 Euro je Schule. In Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bekommen die Schulleiter derzeit keinen Cent aus der Landeskasse. Die baden-württembergische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Monika Stein, hatte schon vor Wochen gemahnt: "Wenn nicht sofort in die Installation von Luftreinigungsgeräten für alle Schulen und Kitas investiert wird, könnte es im Herbst wieder zu Wechselunterricht und schlimmstenfalls zu Schulschließungen kommen:". Dabei liege die Betonung auf dem Wörtchen "sofort und nicht erst in drei Monaten", so Stein. Dass trotzdem bislang kaum Luftfilteranlagen angeschafft wurden, ist der GEW-Landesvorsitzenden deshalb auch völlig unverständlich.

Allerdings warten die Politiker und Schuldirektoren bis heute auf ein klares Signal von kompetenter Seite. Lange haben Experten sogar darüber gestritten, ob die Luftreiniger überhaupt zum Einsatz kommen sollen. Erst Anfang Juli vollzog das Umweltbundesamt eine Kehrtwende und empfahl die Geräte als "sinnvolle Ergänzungsmaßnahme". Zuvor hieß es auf der Webseite des Amtes, es sei unsicher, ob die Geräte virushaltige Partikel deutlich senken können. Darum sprach man sich fürs klassische Lüften aus. Eine Studie der Stadt Stuttgart bestreitet zwar nicht, dass die Geräte helfen, doch man bemängelt deren Lautstärke. Da sei es doch besser die Fenster alle zehn Minuten zu öffnen, um bessere Werte zu erreichen. Zudem kostet frische Luft nicht: Entsprechend hat die Stadt Stuttgart reagiert und sich an den eigenen Schulen bisher vor allem nach "schlecht belüftbaren Räumen" erkundigt.

"Lüften ist sinnvoll, um den CO2-Gehalt im Raum zu senken und damit Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche und Müdigkeit vorzubeugen. Aber gegen Viren ist Lüften nicht so effektiv wie ein guter Luftreiniger", erklärt Wolfgang Lorenz, Vorsitzender des Bundesverbandes Schimmelpilzsanierung aus Düsseldorf. Er rät den Rektoren, auch mit Blick über Corona hinaus sich um die Luftreiniger zu bemühen, da sie beispielsweise auch in der Grippesaison helfen können. Er und seine Kollegen werden in Schulen dann aktiv, wenn die Räume mit Schimmel belastet sind. Auch dafür seien die Reiniger eine gute Sofortmaßnahme.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die jüngste Gutenberg-Gesundheitsstudie, an der 10.250 Personen teilgenommen haben. Der Chef der Klinischen Epidemiologie der Uni Mainz Philipp Wild hat die Studie mitgeleitet. Er hat dazu eine klare Meinung: Da Kinder nicht Treiber von Infektionen seien, sollten Kitas und Schulen in der derzeitigen Situation auch im Herbst offenbleiben. Es müsse aber klare Konzepte geben - mit Luftfiltern, Hygieneregeln und Teststrategien. "Das sollte auch direkt zu Schulbeginn umgesetzt werden. Je früher wir handeln, desto früher und effektiver kommen wir vor die nächste Welle - und die kommt bestimmt."

Thorsten Lehmann, Mitbegründer von Sunny Air, wundert nicht, dass die Einschätzungen weit auseinander gehen: "Die meisten haben keinen Überblick, welches Gerät tatsächlich in Frage kommt." So spiele auf einer Baustelle der Geräuschpegel sicher weniger eine Rolle als in einem Klassenzimmer oder einem Besprechungsraum. Große Unterschiede hat man bei Sunny Air auch bei der Leistungsfähigkeit der Geräte ausgemacht. "Da ist viel Schrott dabei. Offenbar glauben die Leute, dass ein Gerät auch offiziell zugelassen ist, nur weil es im Onlinehandel angeboten wird", stellt Sannwald fest.

Der Händler hat zusammen mit der Gesellschaft für Werkstoffprüfung (GWP) in München ein Zertifizierungsverfahren entwickelt. Damit ist man den amtlichen Stellen voraus. Umweltbundesamt und Verband Deutscher Ingenieure (VDI) haben erst vor wenigen Wochen Prüfkriterien für mobile Luftreiniger vorgestellt. Unterdessen beobachtet man das Geschehen an den deutschen Schulen distanziert, wie Sannwald bestätigt: Am Ende gehe es bei den Ausschreibungen nur um den günstigsten Preis: "Für uns ist Qualität wichtiger. Darum werden wir uns gar nicht erst an so einem Verfahren beteiligen."

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