Donnerstag, 25.10.2018

Foto: Steelcase

Ambiente wie im Wohnzimmer: Material und Design moderner Bürowelten orientieren sich am häuslichen Stil.

Technologie
Bürokonzepte

So sieht der Arbeitsplatz der Zukunft aus

In Zeiten des Fachkräftemangels wollen Mitarbeiter umworben sein. Im Kampf um die besten Arbeitskräfte können Unternehmen mit modernen Büros punkten, denn eine gute Arbeitsatmosphäre spielt für viele Arbeitnehmer eine wichtige Rolle.

Wovon träumen Firmenchefs, wenn sie sich die Ausstattung der Büroräume für ihre Mitarbeiter vorstellen? Von großen Räumen mit pultartigen Bänken, die unter flackerndem Neonlicht starr nach der Stirnseite des Raumes ausgerichtet sind, wie weiland die Klassenzimmer? Oder von Einzelbüros mit Schreibtischen, an denen bis zu vier Mitarbeiter emsig werkeln? Die modernsten Unternehmer imaginieren nichts von alledem: Ein Drittel der für die Studie „Arbeitsplatz der Zukunft“ vom Marktforschungsinstitut IDC befragten Unternehmen hält sich für bereits „relativ weit fortgeschritten“ bei der Entwicklung zum „Arbeitsplatz der Zukunft“. 

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Das ist nun eine vielsagende Selbsteinschätzung – aber wie sieht das in der Praxis aus? Welches Bürokonzept, und damit verbunden: welche Arbeitsweise halten sie für „weit fortgeschritten“? Wenn der Teamleiter im Multispace-Büro inmitten seiner Abteilung residiert als Primus inter Pares oder wenn er in einem Einzellen-Extra-Büro abgesondert ist? Oder reicht es schon, wenn Farbposter an den Wänden und ein paar bunte Stoffbezüge die Sitzecke des Großraumbüros optisch auflockern?

Moderner Auftritt

Egal in welche Richtung die Vorstellungen streben – fest steht, dass ein mittelständisches Unternehmen mit einem trendigen Angebot bei der Arbeitsplatzgestaltung qualifiziertere Fachkräfte an sich binden kann als eines, das seine Einrichtung nur alle zwanzig Jahre erneuert. Denn vor allem die Mitarbeiter aus den vermeintlich oder tatsächlich kreativen Abteilungen – wie etwa Entwickler oder Ingenieure – stellen andere Anforderungen an die moderne Arbeitswelt, als ihnen die klassische Hierarchieeinrichtung bieten kann.

Vor allem gilt: Kommunikation und Austausch sind angesagt. Das Genie im stillen Stübchen hat ausgedient. In der „agilen“ Projektarbeit von heute kommen wechselnde Gruppen zu unterschiedlichen Themen und Projekten zusammen. „Teamorientierung und Wertschätzung im Miteinander sind künftige Ziele“, sagt Steffen Reim, Brand-Manager beim Möbelhersteller Dauphin. Denn nur in einer solchen Form der Zusammenarbeit, durch Kollegialsystem und Teamarbeit, können „die besten Köpfe im Mittelstand“ gewonnen und gehalten werden, ist sich Reim sicher.

Info

Was Mitarbeitern gefällt

 

New Work ist bereits vielfach vorhanden

 

IT-Ausstattung: Der Arbeitsplatz ist ein wichtiges Mittel der Rekrutierung. Dennoch sind drei Viertel der Mitarbeiter mit der IT-Ausstattung ihres bestehenden Arbeitsplatzes nicht zufrieden.

 

Selbsteinschätzung: Etwa ein Drittel der Mitarbeiter glaubt sich bereits an einem Arbeitsplatz der Zukunft zu befinden. Dabei ist diese Einschätzung bei kleinen Unternehmen höher.

 

Wünsche: Mit Blick auf ihren Arbeitsplatz wünschen sich die Mitarbeiter zuallererst flexible Arbeitszeitmodelle, gefolgt von einer komfortablen IT mitsamt einer schnellen Netzverbindung und einer Standortunabhängigkeit beim Zugriff auf die Daten. Erst an vierter Stelle befinden sich Wohlfühlambiente und Ergonomie.

 

Arbeitsort: Zwar suchen zwei Drittel zur Arbeit das Büro auf, aber 39 Prozent sind nicht am Schreibtisch tätig, sondern in Meetings, unterwegs oder im Homeoffice.

 

Technische Ausstattung: Smartphone, mehrere Monitore auf dem Schreibtisch, Tablet von der Firma – das wünschen sich die Hälfte bis zwei Drittel der befragten Mitarbeiter als Arbeitsausstattung.

 

Quelle: IDC-Studie „Arbeitsplatz der Zukunft 2018“

Für ihre Unterschrift unter den Arbeitsvertrag fordern immer mehr der emsig umworbenen Fachkräfte Freiheiten in der Art und Weise ihrer Arbeit, zeigt auch die Studie „Wirksame Büro- und Arbeitswelten“, die das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) im Auftrag des auf Büroplanung spezialisierten Einrichtungshauses Designfunktion erarbeitet hat. Danach können 80 Prozent der befragten Mitarbeiter ihre optimale Arbeitsumgebung selbst bestimmen: Dabei spielt es offenkundig keine Rolle, ob flexible oder feste Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Auf das Wohlbefinden der Angestellten und ihre Motivation und Leistung hat das keine Auswirkungen, so die Studie.

Dagegen spielt die Büroumgebung eine wesentliche Rolle bei der Zufriedenheit und Motivation. Und hier haben die Unternehmen noch erheblichen Nachholbedarf, wie die Studie herausfand. Gerademal ein Fünftel der Mitarbeiter ist mit seiner derzeitigen Büroumgebung sehr zufrieden. 42 Prozent sind „eher zufrieden“, und 40 Prozent der befragten Mitarbeiter geben zu Protokoll, dass sie noch ein „enormes Optimierungspotential bei der Gestaltung ihrer Arbeits- und Büroumgebung sehen“.

Frust im Büro

Die Folgen der Tristesse am Arbeitsplatz sind erheblich, wie die Fraunhofer-Forscher konstatieren: Je weniger die Mitarbeiter mit ihrer Arbeitsumgebung zufrieden sind, desto geringer ist ihre Bindung an das eigene Unternehmen – und umso tiefer kann ihre Leistungsbereitschaft sinken. Unter Bindung verstehen die Forscher „Commitment“, sprich: Der Beschäftigte identifiziert sich mit dem Unternehmen und trägt so zu dessen wirtschaftlichem Erfolg bei. Ebenfalls ein Thema ist die Modernisierungsgeschwindigkeit. Samir Ayoub, geschäftsführender Gesellschafter von Designfunktion, sagt: „Unsere Studie hat ergeben, dass das Tempo der Modernisierung der Arbeitsorganisation im eigenen Unternehmen als zu langsam empfunden wird – und zwar über alle Unternehmen und Funktionsbereiche hinweg.“

Lediglich die Geschäftsleitungen schätzen das Tempo richtig ein, betont Ayoub. Das zeige wohl nur, dass sich die Chefs nicht drängeln lassen wollen. Bei ihnen sei die Einführung moderner Bürowelten aber auch eine Frage des passenden Budgets. Diese unterschiedlichen Erwartungen und Wahrnehmungen belegt auch die Studie „Arbeitsplatz der Zukunft 2018 “ vom Marktforschungsinstitut IDC. Hier sagen zwar die Hälfte der befragten Unternehmensmitarbeiter und 60 Prozent des Topmanagements, dass ihre Unternehmen über eine Strategie für den Arbeitsplatz der Zukunft verfügen, doch zugleich sind es nur ein knappes Drittel der IT-Manager und ein Fünftel der Abteilungsverantwortlichen. Wen diese Ergebnisse irritieren, der ist nicht allein – auch die Studienautoren haben dafür keine wirklich überzeugende Erklärung parat: „Fragt sich, wo sich da die Geister scheiden: Ist das Vorhandensein einer Strategie nur schlecht kommuniziert – oder wird angezweifelt, dass es sich um ein strategisches Vorgehen handelt?“

Gemeinsam mit Coworking

Wie sich hingegen eine moderne Arbeitsumgebung im Unternehmen umsetzen lässt, zeigt ein Beispiel, auf das Steffen Reim von Dauphin hinweist. In den Coworking-Spaces böten sich für jede Tätigkeit unterschiedliche innenarchitektonische Lösungen, die, zusammengenommen, ein abgestimmtes Gesamtkonzept ergeben würde. Dazu gehörten etwa ein Teambüro für die Projektarbeit, ein Bereich zum schnellen informellen Austausch oder E-Mail-Check oder ein Raum mit Akustikabtrennung für die konzentrierte Arbeit. Ein Stehpult für Meetings gehöre ebenfalls zu diesem Konzept. Dieser Arbeitsort „fördert Teamwork, bietet aber auch Rückzugsmöglichkeiten“, sagt Reim. Selbst eine weniger strukturierte Arbeitsumgebung wie das Coworking könne mittelständischen Unternehmen helfen, den Austausch der Mitarbeiter am Arbeitsplatz und deren Privatsphäre zu unterstützen. Das ließe sich durch attraktives Design, funktionale Arbeitsplätze mit wohnlicher Atmosphäre und variantenreiche Einrichtungen erzielen. Hinzu kämen eine gute Klimatisierung und eine für das jeweilige Arbeitsumfeld geeignete Beleuchtung, erläutert Reim.

Und tatsächlich, auch in der modernen Bürowelt darf er nicht fehlen – der Kickertisch „um eventuelle Konflikte spielerisch zu schlichten“, wie Reim betont. Allerdings müsse das auch zum Stil des Unternehmens passen. „Ein demonstrativ im Eingangsbereich aufgestellter, stylischer Kickertisch, der mit einem nichtergonomischen Backoffice kombiniert ist, erzeugt vor allem Frustration bei den Mitarbeitern“, sagt Reim.

Individualität zählt

Stimme hingegen die Atmosphäre im gesamten Unternehmen, wirke das motivierend und steigere die Produktivität. „Studien zeigen, dass ein Performance-Plus von einem Drittel möglich ist“, sagt der Büroexperte. Bei den Fragen nach Ergonomie und Motivation sind sich die Anbieter einig. „Menschen suchen zunehmend nach Alternativen zum traditionellen Schreibtisch. Sie wollen in verschiedenen Körperhaltungen arbeiten“, sagt Allan Smith, Vice President Global Marketing beim Büroausstatter Steelcase. Da habe ja jeder seine Vorlieben, auf die er auch bei der Arbeit keineswegs verzichten sollte.

 

Das können ganz unterschiedliche Angewohnheiten sein. Während etwa ein Mitarbeiter die Sitzlehne seines Bürostuhls gern beweglich einstellt, ist dies anderen ein Gräuel, sie schätzen einen festen Rückhalt. Das gilt ebenso für die Arbeit am Laptop. Viele können mit krummen Rücken und mit dem Gerät auf den Oberschenkeln balancierend auf dem Sofa im Loungebereich arbeiten. Andere schaffen das nur am Schreibtisch auf einem stabilen Untergrund. Zudem haben Menschen das Bedürfnis nach einem Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Privatsphäre am Arbeitsplatz und dem Trend zu effektiver Teamarbeit. Diesem Verlangen sollte auch eine moderne Bürowelt nachkommen.


Der Artikel gehört zu einem Thema aus der „Markt und Mittelstand“-Ausgabe Oktober 2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.