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Politik > Geopolitik · Weltordnung · 2026

2026: Neue Weltordnung – wie sich die Geopolitik des 21. Jahrhunderts neu formiert

| The Economist | Lesezeit: 5 Min.

2026 wird zum Schlüsseljahr der globalen Neuordnung. Macht, Märkte und Allianzen sortieren sich neu – mit Folgen für Politik und Wirtschaft.

Weltkarte
Machtverschiebungen, neue Allianzen, alte Ordnungen im Zerfall: 2026 zeigt, wohin sich die globale Geopolitik bewegt. /Foto: KI/MuM)

2026 werden die Konturen der Geopolitik des 21. Jahrhunderts deutlicher sichtbar.
Der Beginn einer neuen Weltordnung.

 

Von Zanny Minton Beddoes, Chefredakteurin, The Economist

In der globalen Politik war 2025 das Jahr, in dem eine alte Ordnung endete. Präsident Donald Trump zertrümmerte jahrzehntealte Normen und Institutionen ebenso dramatisch, wie er daran ging, das Weiße Haus umzuformen. Seine Zölle trafen das multilaterale Handelssystem mit voller Wucht. Die Maschinerie der internationalen Diplomatie – von den Vereinten Nationen bis zur Entwicklungshilfe – wurde durch amerikanische Budgetkürzungen beschädigt. Langjährige Sicherheitsallianzen wurden in stärker transaktionale Beziehungen umgeformt, die Amerikas militärische und wirtschaftliche Macht monetarisierten.

Im Inland setzte Trump die umfassendste Ausweitung exekutiver Macht seit einem Jahrhundert in Gang. Soldaten wurden in von Demokraten regierte Städte entsandt; Universitäten durch Drohungen und Mittelkürzungen gefügig gemacht; die Unabhängigkeit der Notenbank Federal Reserve angegriffen; und der Staatsapparat gegen die Gegner des Präsidenten in Stellung gebracht.

Tempo und Ausmaß dieser Maßnahmen waren schwindelerregend und machten es schwer zu erkennen, worauf sie insgesamt hinausliefen. Handelte es sich um dringend benötigte Disruption eines verkrusteten Systems – oder um einen Angriff auf die Grundpfeiler der amerikanischen Demokratie? War das transaktionale Deal-Making ein innovativer Weg, Dinge voranzubringen, oder der Sieg mafiöser Methoden über langfristige strategische Vernunft? Die Sorge war groß – auch bei The Economist – über die Gefahren von Protektionismus, Korruption, der Politisierung unabhängiger Institutionen und, im Verlauf des Jahres zunehmend, über das Gefühl, dass sich Team Trump nicht mehr an Recht und Gesetz gebunden fühlt.

Zwar brachte der „Sopranos“-artige Führungsstil des Präsidenten reale Erfolge. Am offensichtlichsten war der Waffenstillstand in Gaza. Er eröffnete die Möglichkeit eines Neuanfangs und bestätigte Trumps oft verspotteten New-York-Immobilien-Diplomatiestil. Das harte Vorgehen gegenüber den NATO-Verbündeten führte zu Verteidigungsausgaben, die vor einem Jahr kaum jemand für möglich gehalten hätte. Und bei Streitigkeiten zwischen kleineren Ländern half ein Präsident, der von einem Friedensnobelpreis träumt und bereit ist, mit Zöllen zu drohen und Druck auszuüben, Konflikte zu lösen – oder zumindest zu übertünchen.

Doch es gab auch klare Fehlschläge. Strategisch ergaben die Strafzölle gegen Indien (angeblich als Strafe für den Kauf russischen Öls) und Brasilien (wegen des Prozesses gegen Jair Bolsonaro) wenig Sinn. Beide Entscheidungen treiben diese Länder näher an China heran. Gegenüber Wladimir Putin erzielte Trump kaum Fortschritte. Und von Xi Jinping wurde er ausgekontert. China war der klare Gewinner des handelspolitischen Kräftemessens von 2025.

Die Konturen der neuen Weltordnung werden 2026 deutlich klarer hervortreten – in drei zentralen Bereichen

Glücklicherweise brachten die Zölle die Weltwirtschaft nicht zum Einsturz. Sechs Monate nach dem „Liberation Day“ deuteten die Zolleinnahmen auf einen effektiven durchschnittlichen US-Zollsatz von etwas über zehn Prozent hin – deutlich weniger als im April befürchtet. Vergeltungsmaßnahmen blieben begrenzt, ein Handelskrieg im Stil der 1930er-Jahre wurde vermieden. Stattdessen schlossen Länder Abkommen, und Importeure trugen einen Großteil der Belastung. Gleichzeitig befeuerte Team Trumps energischer Abbau des Regulierungsstaates, die Begeisterung für Krypto-Assets und der kompromisslose Wille, das Rennen um künstliche Intelligenz zu gewinnen, einen bemerkenswerten Börsenboom – und stärkten eine erstaunlich widerstandsfähige Wirtschaft.

Dieser Boom, gepaart mit der Angst vor Vergeltung, prägte das einheitliche Narrativ vieler Unternehmenslenker. Wohin sich die Welt auch bewege, so die kollektive Überzeugung, Amerikas Wirtschaft werde florieren. Nur wenige wagten es, Zweifel zu äußern – schon gar nicht öffentlich. Mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung werden die Konturen der neuen Welt 2026 in drei Bereichen klarer: 

1. Erstens

Die Zukunft der westlichen liberalen Demokratien. Die Zwischenwahlen im November werden entscheiden, ob Amerika ernsthaft Gefahr läuft, in einen quasi-autoritären Zustand abzurutschen. Gewinnen die Demokraten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus, gäbe es eine wirksame Kontrolle der Trump-Regierung. Die Geschichte spricht dafür. Doch dies sind keine normalen Zeiten. Die Demokraten sind noch unpopulärer als Trump. Und es besteht ein reales Risiko, dass die Regierung versucht, in den Wahlprozess einzugreifen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks wird 2026 zeigen, ob populistische Nationalisten im MAGA-Stil kurz davorstehen, in Europas größten Volkswirtschaften an die Macht zu kommen. In Großbritannien, wo Nigel Farages Partei Reform UK in Umfragen führt, werden Kommunalwahlen zeigen, ob sich dieser Vorsprung in Stimmen übersetzt – und damit bei der nächsten Parlamentswahl in die Aussicht auf einen Premierminister Farage. In Frankreich deutet die jüngere Geschichte auf einen weiteren Regierungszusammenbruch hin. Das würde Neuwahlen erzwingen und vermutlich Jordan Bardella zum ersten Premierminister aus dem rechtspopulistischen Lager machen. In Deutschland wird sich zeigen, ob die „Brandmauer“ gegen die AfD hält.

2. Zweitens

Die Geopolitik. 2026 wird sich der trump’sche Transaktionalismus zu einer eigentümlichen Mischung entwickeln: erratische Friedensstiftung weltweit, robuste Interventionen in Amerikas unmittelbarer Nachbarschaft und opportunistische Deals rund um kritische Lieferketten. Trumps Wunsch nach einem Nobelpreis wird ihn im Nahen Osten engagiert halten. Er wird verhindern, dass Israel in einen umfassenden Krieg in Gaza zurückkehrt, und auf eine Begnadigung Benjamin Netanjahus sowie vielleicht auf einen würdevollen politischen Abgang drängen. Trump könnte auch anderswo als Vermittler auftreten – besonders dort, wo sich Abkommen über seltene Erden herausschlagen lassen. Angesichts von Putins Unnachgiebigkeit wird Amerika jedoch die Zukunft der Ukraine Europa überlassen – das, absorbiert vom Aufstieg der populistischen Rechten, dieser Verantwortung womöglich nicht gerecht wird.

Die klarsten Hinweise auf die Richtung der US-Außenpolitik kommen aus Asien und Lateinamerika. In Asien ist damit zu rechnen, dass Trumps Wunsch nach Geschäften mit China zu einer gefährlichen Erosion der Unterstützung für Taiwan führt. Die strategische Ambiguität der USA könnte einer demonstrativen Gleichgültigkeit weichen – insbesondere, wenn eine schwächere US-Wirtschaft es für Trump wichtiger macht, ein großes Handelsabkommen mit China zu schließen.

In der westlichen Hemisphäre hingegen ist ein grobschlächtiger Einsatz amerikanischer Macht zu erwarten: Unterstützung für ideologische Verbündete wie Javier Milei in Argentinien und Nayib Bukele in El Salvador, kombiniert mit unverhohlenem Druck auf ideologische Gegner. Zu erwarten sind Versuche eines Regimewechsels in Venezuela und Einflussnahmen auf Wahlen, etwa in Kolumbien. Aggressives Auftreten in Lateinamerika dient einem Präsidenten, der Härte in Fragen von Migration, Kriminalität und Drogen demonstrieren will.

3. Drittens

Der dritte Bereich betrifft – im Guten wie im Schlechten – die Wirtschaft. Unabhängig davon, ob es zu einer schweren Marktkorrektur kommt, werden steigende Aktienkurse das Vertrauen nicht mehr so tragen wie 2025. Auch die produktivitätssteigernde Wirkung künstlicher Intelligenz wird langsamer eintreten, als Optimisten hoffen. Die Schäden durch Zölle werden sichtbarer, der Druck auf Verbraucher größer und die Unhaltbarkeit der US-Haushaltsdefizite offensichtlicher. Trumps Wahl für den nächsten Vorsitz der Federal Reserve wird zeigen, ob die Unabhängigkeit der Notenbank vorbei ist. Angesichts der Probleme anderer Industrieländer ist ein Run auf Alternativen zum Dollar zwar unwahrscheinlich. Doch Ende 2026 könnte Amerikas Wirtschaft nicht mehr ganz so außergewöhnlich erscheinen.

Paradoxerweise wäre das womöglich ein gutes Ergebnis. Eine schwächere Wirtschaft würde die Chancen der Demokraten erhöhen, das Repräsentantenhaus zurückzuerobern und wieder mehr Kontrolle in der amerikanischen Demokratie herzustellen. Nervöse Finanzmärkte könnten die Revolutionäre im Weißen Haus zudem von ihren gröbsten verfassungsrechtlichen Eskapaden abhalten. Und eine schwächere Wirtschaft könnte sogar Trump selbst zu mehr Pragmatismus bewegen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ein oder zwei mutige Unternehmer öffentlich sagen, dass für Amerikas langfristige Gesundheit einige kurzfristige Holpersteine kein Schaden wären.

 

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Aus The Economist, übersetzt von der Markt & Mittelstand Redaktion, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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