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Studien & Forschung > Industriestrompreis

ZEW-Studie: Billiger Strom für Großverbraucher – Risiken für den Mittelstand?

| Markt und Mittelstand / red. | Lesezeit: 3 Min.

Der geplante Industriestrompreis soll Großverbraucher entlasten. Eine ZEW-Analyse zeigt jedoch: Für Mittelstand, Innovation und Wettbewerb kann er zum Problem werden.

Strommast und steigende Preise
Der Industriestrompreis soll energieintensive Unternehmen entlasten – Kritiker warnen vor Wettbewerbsverzerrungen zulasten des Mittelstands. (Foto: shutterstock)

Die Debatte um den Industriestrompreis wird in Deutschland meist als industriepolitische Notwendigkeit geführt: Energieintensive Unternehmen sollen angesichts hoher Stromkosten entlastet, Produktionsstandorte gesichert und internationale Wettbewerbsnachteile begrenzt werden. Eine neue Analyse des ZEW Mannheim legt nun jedoch nahe, dass die Maßnahme ökonomisch deutlich ambivalenter ist, als es auf den ersten Blick scheint. Denn was kurzfristig wie eine rationale Krisenhilfe wirkt, könnte langfristig Effizienz, Innovationsdynamik und faire Wettbewerbsbedingungen untergraben.

Nach den Vorstellungen der Bundesregierung soll der Industriestrompreis ab 2026 für drei Jahre gelten. Für begünstigte Unternehmen könnten bis zu 50 Prozent des Stromverbrauchs zu 50 Prozent des Großhandelspreises gedeckelt werden, mindestens jedoch zu 50 Euro pro Megawattstunde. Ziel ist es, stromintensive Branchen spürbar zu entlasten. Genau hier setzt die Kritik der ZEW-Forschenden an: Die Subvention senkt zwar Kosten, verändert aber zugleich die Wettbewerbsordnung innerhalb ganzer Industrien.

Wenn Entlastung zum Marktvorteil wird

Aus Sicht des Mittelstands ist der zentrale Befund der Studie brisant: Selektive Strompreisvergünstigungen treffen Unternehmen innerhalb derselben Märkte sehr ungleich. Bereits heute zahlen kleine und mittlere Stromverbraucher im Schnitt deutlich höhere Strompreise als Großverbraucher. Laut ZEW lagen die Preise 2024 bei rund 272 Euro je Megawattstunde für Kleinverbraucher, während Großverbraucher im Schnitt nur 155 Euro zahlen mussten. Ein erheblicher Teil dieser Differenz entsteht nicht durch den eigentlichen Strombezug, sondern durch Unterschiede bei Netzentgelten, Steuern und Abgaben.

Mit einem zusätzlichen Industriestrompreis würde sich diese Schieflage weiter verschärfen. Besonders problematisch ist das, weil große und kleine Unternehmen eben nicht in getrennten Welten agieren, sondern häufig direkte Wettbewerber sind. Wo der Staat einzelne Gruppen systematisch entlastet, steigen für andere der Anpassungsdruck und die relativen Nachteile. Unternehmen ohne Vergünstigungen müssen stärker auf Effizienzsteigerungen setzen, Preise anheben oder im Extremfall Marktanteile abgeben. Subventionierte Betriebe können dagegen günstiger produzieren und ihre Position ausbauen.

Für den Mittelstand entsteht damit ein doppeltes Risiko: höhere relative Energiekosten und ein verzerrter Wettbewerb um Kunden, Investitionen und Wachstum. Gerade junge und mittelständische Unternehmen, die noch keine Größe oder Struktur für komplexe Entlastungsprogramme mitbringen, geraten so strukturell ins Hintertreffen.

Weniger Effizienzdruck, weniger Innovation

Ökonomisch noch bedeutsamer ist ein zweiter Punkt der ZEW-Analyse: Der Industriestrompreis könnte die Energieeffizienz ganzer Branchen schwächen. Der Grund ist einfach, aber folgenreich. Wer vor hohen Energiepreisen geschützt wird, hat geringere Anreize, Produktionsprozesse zu modernisieren, Strom einzusparen oder neue Technologien einzuführen. Gerade energieintensive Großverbraucher, die bereits heute von verschiedenen Entlastungsinstrumenten profitieren, würden damit noch stärker von Marktsignalen abgeschirmt.
Die Studie argumentiert, dass dadurch nicht unbedingt die effizientesten Unternehmen wachsen, sondern jene mit den günstigsten effektiven Energiepreisen. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Denn eine wettbewerbliche Ordnung sollte idealerweise jene Akteure stärken, die produktiver, innovativer und anpassungsfähiger sind – nicht jene, die regulatorisch bevorzugt werden.

Tatsächlich verweisen die Forschenden auf empirische Hinweise aus Phasen steigender Energiepreise: Produzenten mit höheren effektiven Energiepreisen traten häufiger aus Märkten aus, während Unternehmen mit niedrigeren Energiepreisen überdurchschnittlich oft expandierten oder neue Märkte erschlossen. Wenn aber gerade stärker entlastete Unternehmen im Schnitt weniger energieeffizient wirtschaften, kann sich die Industrie insgesamt in eine falsche Richtung entwickeln: mehr Abschirmung, weniger Innovation, schwächere Produktivitätsfortschritte.

Was das für den Standort Deutschland bedeutet

Für ein exportorientiertes Industrieland wie Deutschland ist das mehr als eine technische Frage der Strompreisgestaltung. Es geht um die strategische Ausrichtung des Standorts. Der kurzfristige Schutz etablierter Großverbraucher kann politisch attraktiv erscheinen, weil er sichtbare Kapazitäten sichert. Langfristig droht jedoch eine Erosion jener Kräfte, aus denen wirtschaftliche Erneuerung entsteht: Gründungsdynamik, technologischer Anpassungsdruck und Aufstiegschancen für innovative Marktteilnehmer.

Gerade Deutschland kann im internationalen Vergleich kaum dauerhaft mit billigem Strom konkurrieren. Seine Stärke liegt traditionell eher in hochwertigen Produkten, technologischem Know-how und industrieller Spezialisierung. Wird diese Wettbewerbsfähigkeit durch selektive Preisvergünstigungen zugunsten etablierter Akteure ausgebremst, könnte der Schaden größer sein als der kurzfristige Nutzen.

Das ZEW plädiert deshalb für eine breiter angelegte Standortpolitik. Statt selektiver Entlastungen seien Investitionen in Infrastruktur und Digitalisierung, Bürokratieabbau sowie eine Reform des Strommarkts die sinnvolleren Antworten. Ein marktnäheres, effizienteres Energiesystem würde nicht nur einzelnen Großunternehmen helfen, sondern die Wettbewerbsbedingungen für die gesamte Wirtschaft verbessern.

 

Quelle:

ZEW-STUDIE: Groß gegen Klein? Der Industriestrompreis als Risiko für Effizienz und Wettbewerb

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