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Technologie > Automobilindustrie & Technologiewandel

ZF profitiert von globalen Megatrends und setzt auf Fahrwerk-Technologie als Wachstumsmotor

| Markt und Mittelstand Redaktion

Der Automobilzulieferer ZF will seinen Umsatz im Fahrwerk-Segment bis 2030 auf 12 Milliarden Euro steigern. Neue Technologien wie "Chassis 2.0" sollen den Weg ebnen.

Dr. Peter Holdmann, Mitglieddes ZF-Vorstands und verantwortlich für die Pkw-Fahrwerktechnik erklärt: Elektrische Signalübertragung statt mechanischer Verbindungen: ZF übernimmt mit seinem serienreifem By-Wire-Technologie-Portfolio eine Vorreiterrolle bei der Entwicklungmoderner Fahrwerksysteme. (Foto: ZF)

Der Friedrichshafener Automobilzulieferer ZF zählt mit einem Umsatz von über zehn Milliarden Euro zu den führenden Anbietern im Bereich Fahrwerk-Systeme. Bis 2030 soll dieser auf rund zwölf Milliarden Euro steigen.

Das Unternehmen profitiert von einem Bedeutungszuwachs der Chassis-Technologie, der durch zentrale Branchentrends wie Elektromobilität, das softwaredefinierte Fahrzeug und das automatisierte Fahren vorangetrieben wird.

Um dieser Entwicklung zu begegnen, setzt ZF auf intelligente Aktuatoren, umfassende Systemkompetenz und Software-Know-how. Damit reagiert der Zulieferer auf die steigende weltweite Nachfrage nach neuen Fahrfunktionen – und gewinnt internationale Kundenaufträge, auch von Start-ups und asiatischen Herstellern.

Fahrwerk wird zur Plattform – und ZF zum Systemintegrator

Automatisiertes Fahren, softwaredefinierte Fahrzeuge und die Elektrifizierung des Antriebsstrangs verändern die Rolle des Chassis grundlegend. Wo früher passive Technik dominierte, entstehen heute softwaregesteuerte Fahrplattformen. Für ZF Friedrichshafen ist dieser Wandel ein Beschleuniger: Der Technologiekonzern zählt längst zu den globalen Taktgebern bei Pkw-Chassis-Systemen – und richtet sich mit seinem Ansatz „Chassis 2.0“ strategisch neu aus.

Lenken, bremsen, dämpfen – per Software, ohne mechanische Verbindung. Das ist kein Zukunftsszenario, sondern Realität in Serienfahrzeugen wie dem chinesischen NIO ET9. ZF liefert hierfür die komplette Steer-by-Wire-Technologie, inklusive Software, Aktuatoren und Kalibrierungstools. Weitere Aufträge aus Asien und von Mercedes-Benz sind bereits fixiert. Ziel: Ein Drittel Weltmarktanteil bis 2030 – mit einem Umsatzpotenzial von 4,8 Milliarden Euro.

Chassis 2.0: Sensorik, Aktuatorik und Software im Zusammenspiel

Im Zentrum der Strategie steht die konsequente Entkopplung von Hardware und Software. ZF entwickelt die Fahrdynamik künftig nicht mehr nur mechanisch, sondern auch algorithmisch. Die neue Softwareplattform cubiX verknüpft Längs-, Quer- und Vertikaldynamik verschiedener Komponenten – selbst wenn diese nicht von ZF stammen. Mit dem cubiX Tuner bietet der Zulieferer seinen Kunden zusätzlich ein Tool, das Fahrwerksabstimmungen automatisiert auf die jeweilige Marken-DNA anpasst.

Damit schlägt ZF eine Brücke zwischen Engineering und Individualisierung – ein zentrales Kundenbedürfnis, besonders in asiatischen Märkten. Die Rechenzeit für Fahrwerksabstimmungen sinkt, während sich Entwicklungszyklen verkürzen. Das Resultat: Ein echtes Skalierungsmodell für das Zeitalter modularer Fahrzeugplattformen.

Chassis als Datenquelle: Der „digitale Fitness-Tracker“ auf der Straße

Ein weiteres Wachstumsfeld ist das sogenannte Chassis Health Monitoring. Mit dem Smart Chassis Sensor, integriert in ein Kugelgelenk, wird das Fahrwerk zur datenliefernden Plattform. ZF nutzt die Messung der Relativbewegung und Beschleunigung des Fahrzeugaufbaus, um in Echtzeit Aussagen über Zustand, Belastung und Sicherheit des Fahrwerks zu treffen.

Diese Daten fließen über standardisierte Cloud-Schnittstellen in Backend-Systeme, wo sie von KI-Algorithmen analysiert werden. Das Ergebnis: Weniger Werkstattbesuche, präzisere Diagnostik und grundlagenbasierte Weiterentwicklung – nicht nur für ZF selbst, sondern auch für die OEMs, die ihre Fahrzeuge datenbasiert verbessern wollen.

Fazit

Was ZF mit seinem Ansatz Chassis 2.0 zeigt, ist mehr als ein Technologiesprung. Es ist ein Perspektivwechsel: Das Fahrwerk ist nicht länger ein passiver Bestandteil des Autos, sondern wird zur aktiven, softwaregesteuerten Daten- und Dynamikzentrale. In einer Branche, in der Fahrzeuge immer stärker durch Software definiert werden, positioniert sich ZF als Anbieter von integrierten Lösungen – technisch, strategisch und global.

Doch dieser technologische Aufbruch findet nicht im luftleeren Raum statt. Noch zu Jahresbeginn hatte ZF den Abbau von bis zu 14.000 Stellen in Deutschland angekündigt – fast ein Viertel der heimischen Belegschaft. Grund waren hohe Schulden, kostspielige Übernahmen und Margendruck im E-Mobilitätsgeschäft. Auch die neu Antriebssparte (32.000 Arbeitsplätze) stand auf dem Prüfstand. Für einige Werke ging es um weit mehr als bloße Kapazitätsanpassung – es ging um ihre industrielle Existenz.

Vor diesem Hintergrund markiert die Fahrwerksoffensive nicht nur neue Potenziale, sondern auch einen strategischen Wendepunkt: Sie ist Teil eines umfassenden Transformationsprozesses, in dem ZF versucht, technologischen Fortschritt mit wirtschaftlicher Konsolidierung zu verbinden – und seine Rolle in der automobilen Zukunft neu zu definieren.

 

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