Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Technologie > Künstliche Intelligenz im Mittelstand

Julien Clero (Deutsche Telekom): Wie KI-Lösungen und virtuelle Kollegen den Mittelstand verändern

| Thorsten Giersch

Telekom-Experte Julien Clero erklärt, wie KI-Projekte im Mittelstand starten, was Copilots können und welche Rolle KI-Agenten spielen.

Portrait Julien Clero - sieht aus wie KI-generiert
Virtueller Kollege oder realer Experte? (Foto: Telekom)

Julien Cléro, Experte für künstliche Intelligenz bei der Deutschen Telekom, über die passendsten Lösungen für den Mittelstand und wie wichtig KI-Agenten sind.  

09.09.2025 Markt und Mittelstand  - das Interview führte von Thorsten Giersch

 

Wann ist künstliche Intelligenz ein nützlicher ­Helfer? 

  • Julien Clero: Für alles, was sich in Zahlen fassen lässt. Also überall dort, wo sich Muster erkennen lassen, sie Daten sammeln oder Abläufe beschreiben kann, automatisiert KI die Vorgänge und optimiert sie. Wenn man möchte, kann KI eben automatisiert entscheiden. Andererseits muss man da aber auch aufpassen: Nicht alles, was möglich ist, sollte auch die KI machen. 

Wie groß ist das Potenzial von KI in mittelständischen Betrieben – jetzt und in naher Zukunft? 

  • Julien Clero:  Das Potenzial ist riesig, aber es wird noch zu wenig genutzt. Wir erleben auch diese Trägheit. Nach einer Statistik nutzen 27 Prozent der mittelständischen Unternehmen im Moment KI. Wer sie einsetzt, gewinnt nicht automatisch. Wer sie aber nicht nutzt, hat automatisch einen Wettbewerbsnachteil. Und dann stellt sich auch die Frage, wie aktiv die Breite der Belegschaft die Tools nutzt. 

Wie helfen Sie mittelständischen Betrieben bei solchen Fragen im Alltag? 

  • Julien Clero:  Wir geben Orientierung im KI-Dschungel und zeigen zum Beispiel, was künstliche Intelligenz ganz praktisch kann. Viele wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Wie kann ich Potenziale überhaupt erkennen, die KI mit sich bringt? Die passende Technologie auszuwählen, ist schon unübersichtlich, denn es kommt gefühlt täglich auch ein neues Modell auf den Markt. Aber daraus umsetzbare Projekte zu machen, ist noch einmal komplexer. Das wollen wir an Mehrwert mitliefern. Es soll sicher, aber auch effizient sein und auch noch mittelstandsgerecht. 

Wann braucht ein Betrieb eine maßgeschneiderte Lösung, wann reicht etwas von der Stange? 

  • Julien Clero:  KI ist kein Selbstzweck, sondern muss Mehrwert für das Unternehmen liefern. Am Ende entscheidet immer der Use Case. Der Einstieg in die künstliche Intelligenz beginnt nach unserer Erfahrung nicht mit der Technologie, sondern vielmehr mit der einfachen Frage: Wo hab ich eine Herausforderung? 

Das heißt? 

  • Julien Clero:  Wo hat ein Betrieb Aufgaben, die monoton sind, die Zeit kosten? Wo habe ich Prozesse, die anstrengend sind? Viele Beschäftigte kämpfen zum Beispiel mit einer Informationsflut von E-Mails, müssen Powerpoint-Dateien erstellen, haben viele Konferenzen und müssen die protokollieren. All das kostet Zeit. Da gibt es Lösungen von der Stange, zum Beispiel Copilot. 

Was können solche Produkte? 

  • Julien Clero:  Die Maschine priorisiert Mails und sagt mir, wenn gewünscht: Hey, da sind noch offene Aufgaben, die du jetzt dringend bearbeiten sollst. Oder sie protokolliert meine Konferenz oder macht aus meinen Notizen einen Podcast, den ich mir unterwegs anhören kann. Das sind Mehrwerte schon über die Standardschiene. 

Und dann? 

  • Julien Clero:  Dann gibt es individuelle, komplexere Herausforderungen. Etwa wenn ein Unternehmen sehr konkret etwas vorhersagen will, um Geld zu sparen. Der Gastronom würde gern wissen, wie viele Essen morgen am Standort München verkauft werden. Da geht es um allgemeine Daten wie Wetter oder darum, welche anderen Events stattfinden. Und die müssen mit den individuellen Daten verknüpft werden. Das spart richtig Geld. 

Der KI-Erklärer

Julien Clero arbeitet seit 22 Jahren bei der Deutschen Telekom. Der Cloud Partner Sales Manager ist Spezialist für KI und was sich damit in Unternehmen anstellen lässt. 

Wie tragen Sie den Nutzen solcher Technologien in die Unternehmen? 

  • Julien Clero:  Der Schlüssel ist oft, einfach anzufangen mit echten Aufgaben, also einen Use-Case zu finden. Der einfache Fall: Mach mir aus meinen Stichpunkten eine Powerpoint-Präsentation und formuliere sie so, dass sie management-gerecht wird. Erstelle mir einen Matchplan für meine Termine und meine wichtigen Aufgaben, damit ich meinen Tag optimal nutzen kann. Da kann mir die KI sehr schnell helfen, ohne dass ich umfangreiches Know-how brauche. 

Nun ja, einfach mal machen, ist auch nicht alles. 

  • Julien Clero:  Der Betrieb muss sich immer Gedanken machen um Datenschutz und IT-Sicherheit und seine Beschäftigten auch sensibilisieren. Auch dafür, dass alles, was da rauskommt, nicht immer stimmen muss oder abhängig von der Quelle in eine gewisse Richtung gehen kann. KI macht Fehler oder formuliert Dinge, die ich so vielleicht gar nicht für mein Unternehmen haben will. 

Die Deutsche Telekom arbeitet unter anderem mit Tech-Riesen wie Microsoft zusammen. Wie sieht das aus und was bringt es Mittelständlern? 

  • Julien Clero:  Microsoft ist ein strategischer Schlüsselpartner der Telekom. Von denen kommen die technologischen Grundlagen für eine KI-Lösung. Und wir sorgen dann dafür, dass das mittelstandsgerecht wird mit praxisnaher Beratung, mit Erfahrung in den Branchen und als Europas größter Cloud-Solution-Provider auch mit Wissen drumherum. 

So mancher warnt vor US-Anbietern. 

  • Julien Clero:  Die IT-Sicherheit im klassischen Sinne mit Microsoft zu gewährleisten, da können wir einen Haken dran machen. Datenschutz können wir mit verschiedenen Tools in gewisser Form auch gewährleisten. Worüber ich mir schon Gedanken machen muss, ist der politische Einfluss. Wenn plötzlich die USA sagen „Die Daten gehören alle uns“ oder „Wir verschaffen uns Zugang“, da braucht Microsoft eine Antwort. Es gibt verschiedene Szenarien hin zu einer europäischen Cloud, die abgesichert wird mit einem Schlüssel in der neutralen Schweiz, um diesen politischen Faktoren gerecht zu werden. 

Was erwarten Sie von den derzeit so oft genannten KI-Agenten an Hilfe für ein mittelständisches Unternehmen? 

  • Julien Clero:  KI-Agent ist ein riesiges Buzzword und der nächste große Hype nach der generativen KI im klassischen Sinne. Ich würde es so sagen: KI-Agenten sind virtuelle Kollegen, die eigenständig Aufgaben übernehmen. Besonders innovative Agenten sind am Ende in der Lage, selbstständig zu lernen, Probleme völlig autark zu lösen und sich selbstständig, eigenständig weiterzuentwickeln. 

Sind die Agenten schon so weit oder lohnt es sich, noch zu warten, bis sie perfektionierter sind? 

  • Julien Clero:  Heute ist bereits enorm viel möglich – und das praxistauglich. Besonders spannend sind die spezialisierten Copilot-Agenten, die in Microsoft 365 integriert sind und konkrete Aufgaben automatisieren. Statt der ursprünglich geplanten ‚Actions‘ setzt Microsoft inzwischen auf Funktionen, die sich nahtlos in den Arbeitsalltag einfügen. Damit lassen sich wiederkehrende Aufgaben – vom täglichen E-Mail-Update bis hin zu Projektstatusberichten – automatisiert ausführen. 

Erwarten Sie, dass Teams umgebaut werden, wenn diese KI-Agenten mitmischen? 

  • Julien Clero:  Ja, aber wie genau, weiß noch niemand. Zukunftsforscher sagen, dass sich die Strukturen im Unternehmen nachhaltig verändern werden. Die Phase 1 ist das, wo wir jetzt schon sind. Wir werden uns wahrscheinlich daran gewöhnen, dass ich virtuelle Kollegen habe, die Jobs in meinem Team durchführen. In Phase 3 werden autonome Agenten ein eigenes Team bilden und im Zweifel nur noch an eine menschliche Führungskraft berichten. 

Ist man dann auch Chefin oder Chef von zehn Agenten und fünf Menschen? 

  • Julien Clero:  Genau. Und das ändert natürlich die Art, wie die Kultur im Unternehmen ist, auch im Organigramm. 

Inwiefern? Was bedeuten KI-Agenten für die menschliche Führungskraft? 

  • Julien Clero:  Das wird das eine Herausforderung sein. So genau weiß heute noch niemand, wie die Menschen damit umgehen werden. Es fehlt Erfahrung. Führungskräfte müssen nicht mehr alles wissen, weil sie ja im Grunde genommen sehr schlaue Kollegen haben, die Zugang zu sämtlichen Wissensquellen haben. Auf der anderen Seite muss ich die Lernbereitschaft und die Offenheit in meinem Team fordern. Die klassische menschliche Führung wird wichtiger

Das Interview erschien in der Print-Ausgabe Nr. 7 (September 2025) von Markt und Mittelstand.

 

Bleiben Sie auf dem Laufenden, abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie immer die neuesten Nachrichten und Analysen direkt in Ihren Posteingang.

Ähnliche Artikel