Donnerstag, 06.12.2012
Energieversorgung

Energie:Versorgung ohne Versorger

Immer mehr Mittelständler machen sich unabhängig in Sachen Energieversorgung. Motive und Technologien sind vielfältig, doch der Erfolg vereint.

Energie wird immer teurer, gleichzeitig sinken die Investitionskosten für erneuerbare Energien. Die Folge ist ein wachsender Spread zwischen den Preisen für gekauften und selbsterzeugten Strom. Letzterer ist in vielen Fällen billiger als Strom aus der Dose. Immer mehr Unternehmen nehmen die Energieversorgung deshalb selbst in die Hand. Darunter bekannte Namen wie Bayern München oder Ikea, aber auch viele Mittelständler aus allen Branchen und Regionen Deutschlands. Kosteneinsparung, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit sind die Ziele, Biogas, Windkraft oder Photovoltaik die Mittel. Die Wahl des passenden Energieträgers unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen und hängt von den jeweiligen Standort- und Produktionsbedingungen ab:

Bier aus Windkraft

Auf dem Firmengelände der Paderborner Brauerei dreht sich seit Ende 2011 ein 170 Meter hohes Windrad.  Der Mittelständler möchte den wachsenden Kostendruck mindern und sich über die werbliche Nutzung des Themas Windstrom vom Wettbewerb differenzieren. Windstrom deshalb, weil das Firmengelände zu den windreichsten Binnenlandstandorten in Deutschland gehört. Trotz aufwendigen Genehmigungsprozesses konnte das Projekt in nur sechs Monaten realisiert werden. Die Finanzierung übernahm eine Betreibergesellschaft, mit der ein Pacht- und Stromerwerbsvertrag über 20 Jahre geschlossen wurde.

Im ersten Jahr deckte der produzierte Windstrom 36 Prozent des gesamten Strombedarfs des Unternehmens – Tendenz steigend. Noch gehen etwa 1 Million Kilowattstunden im Jahr ins Netz, weil die Brauerei sie nicht abnehmen kann. Für eine noch bessere Nutzung arbeitet der Mittelständler deshalb auch an den Speichermöglichkeiten. So könnte Kälte in Form von Eiswasser gespeichert werden, auch Druckluft steht zur Debatte.

Selbstversorgung über Photovoltaik

Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbindet Mittelständler Thomas Köhl mit der Photovoltaik-Anlage auf dem Firmengebäude des Unternehmens. Ausschlaggebend war aber ein kaputtes Dach - die notwendige Sanierung lieferte den Anlass für die Installation. Im Mai 2012 ging die 3.700 Quadratmeter große Photovoltaik-Anlage in Betrieb. Zusammen mit der bereits 2010 eingerichteten Anlage auf dem Dach des Verwaltungsgebäudes werden 182.000 Kilowattstunden Solarstrom ins Netz eingespeist. Genug zur Deckung des gesamten Strombedarfs des Mittelständlers. Dabei kommt dem Unternehmen zugute, dass es nachts so gut wie keinen Strom benötigt.

Der erzeugte Strom wird an eine ebenfalls neue Luft-Wasser-Wärmepumpe weitergegeben, die zusammen mit der dritten Neuerung, einer Pelletheizung, die Gebäude auf dem 14.800 Quadratmeter großen Firmenareal mit Wärme versorgt. Auf diese Weise lässt sich nicht nur eine Emission von etwa 120 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr vermeiden, auch die kostenintensive Ölheizung und zwei Gasthermen, die pro Jahr durchschnittlich 43.000 Liter Heizöl und 472.000 Kilowattstunden Gas verbraucht hatten, werden nicht mehr benötigt.

Jährlich 4 Millionen Euro sparen mit KWK

Auf dem Betriebsgelände des Chemiekonzerns Kronos Titan in Nordenham entsteht derzeit ein Dampfturbinenkraftwerk, das ab Ende 2013 den kompletten Energiebedarf des Werks decken soll. Gerade noch rechtzeitig vor dem Winter wurden die Pfähle in den Boden gesetzt. Ausschlaggebend für die 20-Millionen-Euro-Investition sind Wirtschaftlichkeit und Standortsicherung. Mit 25 Prozent schlägt der Faktor Energie bei dem Chemiekonzern auf die Produktionskosten. An seinen internationalen Standorten in Norwegen oder Kanada, wo die Stromerzeugung fast ausschließlich über Wasserkraft erfolgt liegen die Kosten auf einem deutlich niedrigeren Preisniveau.

Bislang bezieht das Werk in Nordenham seinen Strom aus der Steckdose und produziert nur den Dampf in erdgasbetriebenen Heizkesseln selbst. Durch das Kraftwerk wird in Zukunft nur noch Gas benötigt, der Strom entsteht durch Kraft-Wärme-Kopplung. Dadurch steigt die Effizienz, Energiekosten in Höhe von rund 4 Millionen Euro sollen jährlich eingespart werden. Auf einen Betreiber verzichtet das Unternehmen, weil Erfahrung und Know-how durch die bestehende Dampfkesselanlage intern vorhanden sind. Die Investition erfolgt durch eine Kombination aus Eigenmitteln und Fördergeldern. Ende 2013 soll die Anlage in Betrieb gehen, bereits drei bis vier Jahren später wird sie sich amortisiert haben.

Info

Energieautarkie im Überblick:

Hintergrund:
Aufgrund steigender Energiepreise und schwindender Versorgungssicherheit machen sich immer mehr Unternehmen Gedanken um eine eigene Energieerzeugung. Rund ein Drittel plant den Aufbau eigener Versorgungskapazitäten oder hat bereits damit begonnen.

Vorteile:
Wirtschaftlichkeit und Kostensenkung sind die wesentlichen Faktoren für die Bemühungen der Unternehmen um eine unabhängige Energieversorgung. Einsparungen um 10-50 Prozent sind möglich. Dazu kommen die leichtere Überbrückung kürzerer Stromausfälle sowie ein Imagegewinn bei Kunden und Mitarbeitern durch die Nutzung Erneuerbarer Energien.
Nachteile:

Das Lastenmanagement wird erschwert, insbesondere bei schwer prognostizierbaren Energieträgern wie Wind oder Sonne. Die Kosten für die externe Deckung der Spitzenlast können in der Folge steigen. Dazu kommen ein erhöhter Aufwand für Betrieb und Wartung sowie eine gewisse rechtliche Unsicherheit.

Kosten:
Die Kosten sind anhängig von der verwendeten Technologie und der Leistung der jeweiligen Anlage. Mit rund einer Million Euro pro MW Leistung sollten Unternehmen aber rechnen. Dazu kommen Kosten für Betrieb, Wartung, Versicherung, etc.
Finanzierung:

Die meisten Unternehmen finanzieren Investitionen aus Eigenmitteln. Darüber hinaus sollten unbedingt bestehende Fördermöglichkeiten ausgenutzt werden - Bund und Länder bieten verschiedene Programme für Energieeffizienz und Erneuerbare Energieträger. Eine Alternative ist Contracting. Dabei wird ein langfristiger Stromerwerbsvertrag mit einem Betreiber geschlossen, der dafür die Investitionskosten trägt.  Unternehmen müssen dabei aber genau auf die rechtlichen Aspekte schauen. Gilt der Betreiber als Stromanbieter, muss der Betrieb als Abnehmer weiterhin Stromsteuer bezahlen.