Freitag, 30.08.2013
Ausgerechnet die klimaschädliche Braunkohle ist für Stromerzeuger derzeit besonders profitabel.

RWE

Ausgerechnet die klimaschädliche Braunkohle ist für Stromerzeuger derzeit besonders profitabel.

Energiewende

Strompreise steigen, Klimaschutz stagniert

Versäumnisse bei der Energiewende werden in den kommenden Jahren zu immer weiter steigenden Strompreisen für den Mittelstand führen. Unternehmen mit einem jährlichen Strombedarf von 4 Millionen kWh drohen Mehrkosten von über 200.000 Euro im Jahr.

Die Energiewende ist nach wie vor weit davon entfernt, die angestrebten Ziele der Bundesregierung zu erreichen. Vor allem beim Klimaschutz und der Preisentwicklung drohen in den kommenden Jahren weitere Probleme. Zu diesem Ergebnis kommt eine interne Prognose der Bundesnetzagentur. Demnach gehen die Experten von Deutschlands oberster Energiebehörde davon aus, dass der Anteil der Erneuerbaren Energien an der deutschen Stromproduktion bis 2022 zwar von 23 auf 35 Prozent steigen wird, gleichzeitig werden aber auch die extrem klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke nahezu ungebremst weiterlaufen. Derzeit produzieren die deutschen Braunkohlekraftwerke jährlich gut 159 Terawattstunden Elektrizität, im Jahr 2022 sollen es der Prognose zufolge immer noch 148 Terawattstunden sein.

Insgesamt ergibt sich daraus trotz des sinkenden Anteils der Kernenergie ein Ausbau der deutschen Stromproduktion. Durch die vom Netz gehenden Atomkraftwerke fallen demnach zwar rund 100 Terawattstunden weg, dieser Rückgang wird aber durch 150 zusätzliche Terawattstunden aus erneuerbaren Energiequellen mehr als ausgeglichen. Als Folge dieser Überproduktion wird Deutschland im Jahr 2023 voraussichtlich rund 75 Terawattstunden Strom ins Ausland exportieren – 2012 waren es noch 23 Terawattstunden.

Preisschock durch Überproduktion

Den Endkunden und damit auch den mittelständischen Unternehmen in Deutschland droht durch diese Entwicklung ein weiterer Preisschock. Um die gewaltige Strommenge zu transportieren sind enorme Investitionen in die Netzinfrastruktur notwendig. Hinzu kommt, dass die feste Vergütung für erneuerbare Energien dafür sorgt, dass der Endpreis für Strom weiter steigt. Die enorme Überproduktion lässt zwar den Börsenpreis fallen, die Differenz zwischen Börsenpreis und Fixpreis dann aber die Endkunden ausgleichen – ein Betrag, der bei steigender Strommenge und sinkendem Börsenpreis immer größer wird.

Mittelstand drohen massive Mehrkosten

Bereits für das Jahr 2013 rechnet der Bundesverband der Energie-Abnehmer e. V. (VEA) durch die gestiegene EEG-Umlage mit einem Preisanstieg von mehr als 12 Prozent für mittelständische Unternehmen. „Die Gründe für die Preisaufschläge liegen vor allem in den politischen Maßnahmen, die im Zuge der Energiewende ergriffen wurden“, erläutert Dr. Volker Stuke, Geschäftsführer des VEA und verweist auf die derzeit eher günstigen Großhandelspreise. Als Folge der steigenden Kosten ergeben sich enorme Belastungen für den Mittelstand: „Für ein Industrieunternehmen mit einem jährlichen Strombedarf von 4 Millionen kWh führt die Förderung der Erneuerbaren Energien 2013 zu zusätzlichen Kosten von über 200.000 Euro im Jahr. Dies entspricht in etwa den Personalkosten von vier Arbeitsplätzen“, so Stuke. Falls nach der Bundestagswahl wie von vielen Parteien gefordert die Zahl der Ausnahmen bei der EEG-Umlage deutlich sinken sollte, dürften noch weitaus mehr Unternehmen von den steigenden Energiepreisen betroffen sein.

Klimaschutz in weiter Ferne

Neben den stetig steigenden Strompreisen verweist die Prognose der Bundesnetzagentur auch noch auf ein weiteres Problem: Durch den anhaltenden Braunkohle-Boom leidet der Klimaschutz, der eigentlich ein Kernziel der Energiewende war. Die Gründe für den ungebremsten Boom der Braunkohle sind vor allem in falschen Anreizstrukturen zu suchen. Die Bundesnetzagentur erklärt dazu in ihrer Prognose: „Ihre Wettbewerbsposition wird bei einem zunehmenden Anteil erneuerbarer Energien kaum beeinträchtigt.“ Dies liegt zum einen daran, dass die Netzbetreiber gesetzlich verpflichtet sind, den Kraftwerksbetreibern allen Strom abzunehmen – unabhängig von seiner Herkunft.

Hinzu kommt die Tatsache, dass der Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten in Europa durch ein Überangebot an Zertifikaten weitgehend zusammengebrochen ist. Im April hatte das EU-Parlament eine Verknappung der Zertifikate überraschend abgelehnt, und obwohl in einer zweiten Abstimmung Anfang Juli ein Kompromiss gefunden wurde, rechnen viele Beobachter nicht damit, dass die beschlossene Verknappung um 900 Millionen Zertifikate den Preis der Papiere deutlich steigern wird (zwischen 2013 und 2015 bringt die EU-Kommission insgesamt 3,5 Milliarden Zertifikate auf den Markt). Selbst extrem klimaschädliche Kraftwerke können so weiterhin zu extrem günstigen Preisen produzieren. Hinzu kommt, dass die Mitgliedstaaten dem Kompromiss noch zustimmen müssen.