Dienstag, 20.11.2012
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„Die Leistungsfähigkeit von Mittelständlern wird oft unterschätzt“

Wie kommen Mittelständler an große Projekte und wie arbeiten sie mit Großunternehmen zusammen? Dr. Barbara Jörg ist Geschäftsführerin des Commercial Vehicle Clusters Südwest und bringt beide Seiten zusammen.

Der Commercial Vehicle Cluster besteht aus 60 Unternehmen, mehrheitlich aus dem Süden von Rheinland-Pfalz und dem Westen Baden-Württembergs, und wird von der Eu gefördert. 60 Prozent davon sind mittelständische Zulieferer oder Dienstleister aus dem Nutzfahrzeugbereich. Geschäftsführerin Dr. Barbara Jörg bringt Mittelständler mit großen Unternehmen zusammen.

MuM: Frau Dr. Jörg, wie funktioniert die Arbeit in Ihrem Cluster?
Jörg: Das oberste Ziel ist die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken und passende Partner in Projekten zusammenzubringen. Denn für Mittelständler ist es schwieriger an große Projekte zu kommen und ihre durchaus guten Ideen einzubringen. Zurzeit arbeiten zum Beispiel drei mittelständische Unternehmen aus unserem Cluster mit zwei großen Nutzfahrzeugherstellern und einem Dienstleister an Multimaterialsystemen für Nutzfahrzeugkabinen mit dem Schwerpunkt Leichtbau zusammen.

MuM: Wie können sich Mittelständler und ihr Wissen bei den großen Unternehmen vorstellen?
Jörg: Der Mittelstand ist noch zu zurückhaltend, um sich zum Beispiel bei Konferenzen als Referent einzubringen. Die Angst, Wissen preiszugeben ist oft zu groß. Durch die Vorstellung von Innovationen auf Konferenzen ergeben sich aber häufig erst Entwicklungsaufträge. Erfolgreiche Mittelständler reichen auch Innovationen zu öffentlichen ausgeschriebenen Preisen ein.

MuM: Was ist die größte Herausforderung für mittelständische Unternehmen in der Zusammenarbeit mit großen Unternehmen?
Jörg: „Oft werden die Mittelständler nicht ernst genommen. Die Zusammenarbeit schon bei der Vorserienentwicklung wird ihnen nicht zugetraut. Oft unterschätzen die OEMs die Leistungsfähigkeit des Mittelstands. Im Cluster ist es einfacher diese Leistungsfähigkeit zu zeigen, da die Zusammenarbeit von Vertrauen und Respekt geprägt ist.  Im Cluster bringen wir auch Mittelständler unterschiedlicher Größe zusammen. Zum Beispiel haben wir einen Kamerahersteller mit rund 100 Mitarbeitern mit einem größeren Mittelständler zusammengebracht, die nun zusammen am Thema „Spiegelersatz“ arbeiten.

Dadurch bekommt auch der kleinere Mittelständler die Chance, mit einer revolutionären Technologie  in den Markt einzutreten. Im Allgemeinen ist der Mittelstand flexibler und kann Innovationen schneller an den Markt bringen als Großunternehmen.

MuM: Aber auch die großen Unternehmen arbeiten an diesem Thema. Warum gibt es kein gemeinsames Projekt?
Jörg: Die großen Unternehmen arbeiten daran eher hinter geschlossenen Türen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sie beim Technologieaustausch mit mittelständischen Unternehmen das Wissen „rausziehen“ und es zu keiner Zusammenarbeit in der Vorentwicklung oder gar Serie kommt.

MuM: OEMs verlangen häufig von ihren Zulieferern, dass sie mit ins Ausland kommen sollen, um Aufträge zu behalten. Wie meistern das die Unternehmen?
Jörg: Das ist eine große Herausforderung für mittelständische Unternehmen, denn damit sind hohe Kosten und Risiken verbunden. Das größte Problem aber, dass der Mittelstand damit hat, ist Mitarbeiter ins Ausland zu entsenden, die dann am Stammsitz fehlen. Das tut richtig weh, denn es ist nicht leicht gute Leute nachzubesetzen. Der Mittelstand ist vom Fachkräftemangel mehr betroffen, da Ingenieure wegen des Gehalts lieber zu Konzernen gehen. Mittelständler müssen viel mehr mit einem guten Arbeitsklima und den Entwicklungschancen argumentieren, um gut ausgebildete Fachkräfte an sich binden zu können.
Zudem sollten sie sich mit anderen Mittelständlern über die Expansion ins Ausland austauschen, sei es mit Hilfe spezieller Datenbanken (Cluster, Verbände) oder bei Veranstaltungen. Außerdem bieten alle Bundesländer inzwischen branchenspezifische Delegationsreisen für den Mittelstand an.

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