Dienstag, 19.07.2011
Korruption

Studie: Hohe Korruptions-Toleranz europäischer Unternehmen

Korruption ist bei europäischen Unternehmen weit verbreitet. 18 Prozent der Topmanager halten Schmiergelder für legitime Mittel der Geschäftsausweitung.

Korruption ist bei europäischen Unternehmen weit verbreitet. Zu diesem Ergebnis kommt der European Fraud Survey 2011, für den die Beratungsgesellschaft Ernst & Young Interviews mit über 2.300 Mitarbeitern und Führungskräften von Großunternehmen in 25 Ländern ausgewertet hat. 18 Prozent der Topmanager und 17 Prozent der übrigen Mitarbeiter halten Schmiergelder für legitime Mittel der Geschäftsausweitung. In Deutschland bezeichnen immerhin noch 3 Prozent der Topmanager und 12 Prozent der übrigen Mitarbeiter solche Maßnahmen als gerechtfertigt. 14 Prozent der Deutschen beobachten Schmiergeldzahlungen in der eigenen Branche – der europäische Durchschnitt liegt doppelt so hoch. 

Korruption und Krise

Doch die Grauzone ist deutlich größer: Europaweit geben knapp zwei Drittel der Befragten an, dass Korruption in ihren Ländern nach wie vor gängige Praxis sei. In Deutschland sind 45 Prozent der Beschäftigten dieser Meinung. Besonders ausgeprägt sind entsprechende Praktiken in Russland und der Ukraine, am ehrlichsten geht es dagegen in Norwegen und der Schweiz zu. Die Studie sieht einen Zusammenhang zwischen Korruptions-Toleranz und der Intensität, mit der die Unternehmen in den verschiedenen Ländern unter der Krise gelitten haben. So gehen etwa 60 Prozent aller Befragten davon aus, dass es ihre Führungskräfte in schwierigen Zeiten mit der Moral nicht so genau nehmen, um geschäftliche Ziele zu erreichen. Diese Meinung teilen sogar 78 Prozent der befragten Vorstände und Geschäftsführer.

Kein Kavaliersdelikt

45 Prozent der Befragten in Europa plädieren deshalb für eine verstärkte Überwachung durch die Aufsichtsorgane, 31 Prozent sprechen sich sogar dafür aus, dass Behörden und Regulierer ihr eigenes Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen sollten. „In Deutschland hat sich schon einiges getan hat“, urteilt Stefan Heißner, von Ernst & Young. Bestechung und Korruption hätten nicht mehr das Image von Kavaliersdelikten und viele Unternehmen betrieben aktive Prävention, beispielsweise durch Anti-Korruptions-Trainings. Aber auch in Deutschland hätten nur rund 50 Prozent der Unternehmen Verhaltenscodices und definierte Anti-Korruptions-Richtlinien. Und nur 44 Prozent der befragten Deutschen meinen, dass moralisches Verhalten bei der Beurteilung ihrer Leistungen eine Rolle spielt.

Verschärfte Rechtslage

„Offenbar gibt es immer noch erhebliche Unterschiede zwischen den Anti-Korruptions-Bemühungen, mit denen viele Unternehmen sich brüsten, und der Praxis im Unternehmensalltag“, stellt Heißner fest. Angesichts der immer schärferen Rechtslage in wichtigen Ländern, in denen diese Unternehmen aktiv sind, sei das nicht ungefährlich – zum Beispiel in Großbritannien und Spanien. „Um die Bekämpfung der Korruption in Unternehmen ist es in ganz Europa, auch in Deutschland, noch nicht wirklich gut bestellt“, zieht Heißner das Fazit. Rechtskonformes Verhalten dürfe aber keine Sache der Konjunktur sein.

Quellen: Ernst & Young, Markt und Mittelstand

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