Montag, 20.11.2017

Foto: Fraport

Follow me: Der Beirat gibt weiche Linien für die Strategie vor, die das Management dann umsetzen kann, aber nicht muss.

Strategischer Begleiter

Wie ein Beirat bei der Unternehmensführung helfen kann

Beiräte prüfen wichtige Weichenstellungen auf Herz und Nieren – aber sie sind keine Kontrolleure. Die Experten stehen der Geschäftsführung vielmehr wohlwollend zur Seite. Auch kleine Mittelständler können davon profitieren.

Als im Jahr 2012 erstmals ein Hieber-Supermarkt seine traditionell gelb-blaue Außengestaltung auf Schwarz umstellte, galt dies als kleine Revolution. Im Inneren verwandelte der selbständige Kaufmann Dieter Hieber seinen Lebensmittelmarkt in eine Mischung aus Delikatessenladen, Zirkus und Boutique. Damals kratzte sich so mancher Kunde und Wettbewerber am Kopf. Denn das Schmuckstück stand nicht etwa auf einer Flaniermeile in München, Berlin oder Hamburg, sondern in der beschaulichen baden-württembergischen Kreisstadt Lörrach unweit der Schweizerischen Grenze.

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Hieber war sich seiner Sache dennoch ganz und gar sicher. Seit 2009 verfügt der mittelständische Händler über einen Beirat, der die Geschäftsführung in strategischen Fragen berät. Auch die sieben Branchenkenner waren von dem neuen Imagekonzept angetan. Und sie lagen richtig damit: „Die Umstellung hatte Signalwirkung. Noch nie haben die Leute so viel über uns geredet“, erzählt Dieter Hieber. Die Umgestaltung war ein Erfolgsfaktor, der das Unternehmen zu dem gemacht hat, was es heute sehr profitables.

Foto: Hiebers Frische Center

Dieter Hieber

Ob es um eine Neuausrichtung, den Ausbau der Aktivitäten oder die digitale Transformation geht: Immer wenn Weichenstellungen mit einer hohen Tragweite für das Unternehmen anstehen, bieten sich Beiräte als Sparringspartner an. „Im eigenen Betrieb können sich die Inhaber oft mit niemand anderem über die Strategie austauschen“, erklärt Frank Löffler von Hannover Finanz und selbst Mitglied in mehreren Beiräten. „Der Beirat hinterfragt Entscheidungen kritisch und veredelt sie damit.“ Damit ein Beirat diese Aufgaben erfüllen kann, sollte zumindest ein Teil der Mitglieder von außerhalb der Firma kommen. „Wenn der Beirat ein ‚Familiy Friends Club‘ ist, verfehlt er oft das Ziel.

Das Wichtigste ist Objektivität“, sagt Lutz Meyer, Leiter des Mittelstandsprogramms bei Deloitte. Der beste Weg, Kandidaten zu finden, ist entweder der persönliche Draht zu einem anderen Unternehmer oder eine Empfehlung. Bei der Zusammensetzung des Beirats raten Experten zu einem Mix aus verschiedenen Erfahrungen und Kompetenzen.

Schneller und gangbarer

Mit zunehmender Unternehmensgröße nimmt die Notwendigkeit eines Beirats zu. Neben seiner Beraterfunktion fungiert er dann oft als Vermittler zwischen verschiedenen Zweigen, der Inhaberfamilie, zwischen Investor und Inhaber oder auch zwischen den Gesellschaftern und der Fremdgeschäftsführung. Für Aktien- und Kommanditgesellschaften auf Aktien (KGaA) ist ein Beirat, der Aufsichtsrat, Pflicht.

Im Gegensatz dazu sind Beiräte in Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern freiwillig. „Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass ein Beirat kein Kontrolleur ist, sondern ein vertrauenswürdiger Partner auf Augenhöhe, der Impulse für die Weiterentwicklung gibt“, erläutert Meyer. Ob ein solches Gremium notwendig ist, hängt davon ab, wo das Unternehmen steht – und wo es hin will. Der Medizintechnikzulieferer Frey & Winkler gab 2015 im Rahmen der Nachfolgeregelung seine Eigenständigkeit auf. Damals gab es keine klare Produktstrategie, zudem wollte das Unternehmen aus Königsbach-Stein, das rund 15 Millionen Euro im Jahr umsetzt, erstmals einen Fertigungsbetrieb in Osteuropa aufbauen.

Für die Umsetzung fehlten jedoch Erfahrungswerte. In Abstimmung mit dem auf Mittelständler spezialisierten Private-Equity-Haus Hannover Finanz bekam das Unternehmen einen Beirat. Für das vierköpfige Gremium konnte als externes Mitglied ein ehemaliger Vorstand des Brillenherstellers Eschenbach mit Erfahrung in der Handhabung von Silikon gewonnen werden. Ein Glücksfall, denn Frey & Winkler fertigt auch Silikonteile für Brillen. Löffler unterstützte das Management bei der Finanzierung und der Strategie. „In einem gut vorbereiteten zweitägigen Meeting haben wir alles festgezurrt“, so der Experte von Hannover Finanz.

Dank des Kontaktnetzwerks des Beirats fand sich auch ein Produktionsstandort in Rumänien. „Ein kompetenter Experte von außen beschleunigt die Abläufe ungemein und macht sie gangbarer“, sagt Frank Löffler. Mittlerweile ist das Produktangebot von Frey & Winkler größer und die Wettbewerbsfähigkeit gestiegen.

Der Beirat als Navi

Foto: Hannover Finanz

Frank Löffler

Wie stark der Beirat den Kurs des Unternehmens beeinflusst, lässt sich regeln. „Man kann festlegen, dass der Beirat bei wichtigen Entscheidungen informiert werden muss“, erklärt Frank Wallau, der an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach den Lehrstuhl für Mittelstand innehat. „Soll er ein stärkeres Mitspracherecht haben, muss er angehört werden. Bekommt das Gremium ein Vetorecht, kann es auch Entscheidungen verhindern“, so der Forscher.

Eine weitere Möglichkeit: Für die Abstimmung müssen bestimmte Mehrheiten erreicht werden, um Entscheidungen zu legitimieren. Die wichtigste Rolle für den Erfolg des Beirats spielt allerdings die Offenheit des Inhabers. Heißt: Dieser muss Kritik aushalten können. „Wenn es keine Reibungen gibt, ist ein Beirat überflüssig“, sagt Wallau. Der Forscher vergleicht die strategische Beratung mit dem Routenplanen: „Wenn ein Hindernis auftaucht, zeigt das Navi einen neuen Weg an.“

Die Entscheidungen des Hieber-Beirats haben oft auch indirekt Auswirkungen auf die Entwicklung des ganzen Unternehmens. Als es etwa darum ging, einen neuen Markt in Freiburg zu eröffnen, war der Beirat skeptisch. „Das war gut begründet und geprüft, deshalb habe ich letztlich die Finger von dem neuen Standort gelassen“, berichtet Dieter Hieber. Der 47-Jährige legt dennoch sehr viel Wert darauf, dass er trotzdem alle Freiheiten besitzt: „Ich kann durch die eine oder die andere Tür gehen, die mir der Beirat öffnet – aber ich muss das nicht.“

Helfer in der Not

Trotz mitunter weitreichender Kompetenzen erhalten die Beiratsmitglieder in kleinen mittelständischen Beiräten meist keine Vergütung (siehe auch Kasten unten). Die Zusammenarbeit basiert auf gegenseitiger Wertschätzung und einem hohen Maß an Vertrauen. Das hat zur Folge, dass auch Haftungsausschlüsse überflüssig sind – das Gremium ist weniger ein Risiko, als vielmehr ein Narrativ, das Probleme erkennt und löst. Cemecon, ein Beschichtungshersteller für Zerspanungswerkzeuge mit 40 Millionen Euro Jahresumsatz, geriet infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise in Schieflage. Als der Beirat 2011 gegründet wurde, zog auch ein Finanzexperte in das Gremium ein.

„Innerhalb von drei Jahren konnten wir die Finanzierung auf ein neues Fundament stellen“, heißt es bei dem Unternehmen. Heute steht Cemecon besser da denn je. Den Experten fällt es schwer, den Nutzen eines Beirats genau zu beziffern. In einer Deloitte-Studie sahen aber immer 85 Prozent der Befragten einen direkten Zusammenhang zwischen der Beiratsarbeit und einem gesteigerten Unternehmenserfolg. Manchmal reicht aber auch schon weniger. „Ein Beirat bereichert das Meinungsbild“, sagt Frank Löffler von Hannover Finanz. „Darauf kann man aufbauen und ruhiger schlafen, das ist letztendlich der Hauptwert.“

Schlaflose Nächte bereiten so manchem Unternehmer die Herausforderungen der Digitalisierung. Für Dieter Hieber dreht die sich vor allem um den E-Commerce. Wie dieser die Zukunft verändert, weiß noch keiner, aber ein Grund, unnötig lange abzuwarten ist das für den umtriebigen Kaufmann noch lange nicht. Für seine eigenen Pläne vertraut Hieber besonders auf das Know-how von David Bosshart. Der Chef des Schweizer Thinktanks GDI ist ein international vernetzter Zukunfts- und Trendforscher – er sitzt seit 2009 im Beirat und seine Expertise fruchtet: „2018 werden wir einen Drive-in-Supermarkt in Bad Krotzingen eröffnen“, erklärt er. Die Idee stammt aus Frankreich und ist dort bereits erfolgreich. In Deutschland wird Hieber damit einer der Ersten sein.

Info

Diese Punkte sollten Sie im Beirat regeln

  • Vergütung: Falls Mittelständler ihren Beiräten etwas bezahlen, beläuft sich die Vergütung in der Regel auf 1.000 bis 2.500 Euro plus Aufwandsentschädigung pro Beirat und Sitzung. Ist die Vergütung im Gesellschaftervertrag festgehalten, ist sie offiziell, und die Beiratsmitglieder müssen sich selbst um die Versteuerung kümmern.
  • Haftung: Sind Ziele und Aufgaben festgeschrieben, kann der Beirat daran gemessen werden. Dann kann eine Vermögensschaden- Haftpflichtversicherung sinnvoll sein. In kleinen Firmen stellt sich diese Frage allerdings kaum, weil alle an einem Strang ziehen. Der Beirat diskutiert Ideen des Managements vor der Umsetzung – gibt es Einwände, optimiert die Geschäftsleitung die Pläne.
  • Verschwiegenheit: Da die Beiratsmitglieder einen tiefen Einblick in das Unternehmen bekommen, sollten die Mitglieder eine Vertraulichkeitserklärung unterschreiben. Einen Vertrauensbruch nachzuweisen ist allerdings schwierig. Dafür muss ein finanzieller Schaden vorliegen.
  • Mitgliedsdauer: Sie kann indirekt geregelt werden, etwa über den Passus: „Die Beiräte müssen von der Gesellschafterversammlung alle zwei Jahre bestätigt werden.“ Eine weitere Möglichkeit ist die Festlegung einer Altersgrenze, nach der die Mitglieder automatisch ausscheiden.

Quelle: Christian-Titus Klaiber/KPMG


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 11/2017. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.