Montag, 02.05.2022
Top 100

Die besten Mittelständler. Eine Liebeserklärung

Warum wir dieses Ranking machen, warum es sich lohnt, dabei zu sein, und was es über den Mittelstand aussagt.

Unternehmer einmal anders: Michael Otto, Aufsichtsratschef der Otto Group, steht lässig am Elbstrand. Bildquelle: Otto Group

 

Dies ist eine Liebeserklärung in Zeiten des Krieges. Eine Liebeserklärung an Menschen, denen Nachhaltigkeit nicht verordnet werden muss, weil sie schon immer in Generationen gedacht haben. Die Veränderung nie als Bedrohung wahrgenommen haben, sondern sich ihr mit einer einmaligen Kombination aus der Biegsamkeit eines Schilfrohrs und dem Beharrungsvermögen einer knorrigen Eiche stellen. Die nicht nach der Politik rufen, wenn es mal nicht so läuft, sondern selber Hand anlegen, damit es läuft. Und die Verantwortung für mehr Menschen tragen als nur für sich und den Kreis der engen Familie. Es ist eine Liebeserklärung an den Mittelstand.

 

Als dieses Ranking der besten Mittelständler entstand, steuerte der russische Machthaber Wladimir Putin sein Land in einen Krieg, der fast alles verändert hat. Das menschliche Leid ist bedrückend, die wirtschaftlichen Aussichten sind düster, die Zukunft liegt mit einem Mal hinter einer Nebelwolke aus Pulverdampf und Asche. Was er aber nicht verändert hat, ist die Haltung der Unternehmen in dieser hereingebrochenen Krise. Sie übernehmen Verantwortung für das, was jetzt zu tun ist. Ihre Schlussfolgerungen sind unterschiedlich, aber ihr Antrieb ist der gleiche: Sie denken an morgen, und sie denken nachhaltig. Und weil sie sich lieber kümmern, anstatt darüber zu reden, haben das Aufschreiben wir von Markt und Mittelstand übernommen.

 

Da gibt es die, die dem Ruf der Öffentlichkeit und damit der Politik folgen und die Zelte in Russland, die längst feste Häuser waren, abbrechen. Beispielhaft steht dafür einer wie Veit Wagner, Familienunternehmer in zweiter Generation und Präsident der Rehau-Gruppe, eines weltweit führenden Kunststoffspezialisten aus Oberfranken: „Wir verurteilen den Angriff auf die Ukraine und ihre Bevölkerung aufs Schärfste. Es ist ein Krieg gegen die Menschlichkeit, unser aller Freiheit und den Frieden in Europa. Und damit gegen die Werte, für die wir als Rehau-Gruppe stehen.“ Eine klare Haltung, die nur eine klare Konsequenz zulässt: Wagner bricht die Zelte ab.

 

Genauso gibt es die, die nicht den Rückzug antreten wollen. Die versuchen zu retten, was zu retten ist. Henkel ist so ein Fall, kein Mittelstand, aber noch immer kontrolliert von der Gründerfamilie. Der Waschmittelfabrikant aus Düsseldorf liefert weiter nach Russland, nur geplante Investitionen werden gestoppt. Auch das ist eine Haltung. Sie ist gekennzeichnet davon, keine Brücke abzureißen, die vielleicht irgendwann wieder begehbar sein sollte. Und sie ist auch dadurch motiviert, die Kolleginnen und Kollegen in Russland nicht einfach vor die Tür zu setzen.

 

Nicht wegzudenken

Klar wird: Die Familienunternehmer reden nicht mit einer Stimme, sondern sie sind am Ende so vielfältig, wie es der deutsche Mittelstand eben ist: nicht in Zahlen zu fassen, aber eine verlässliche Größe, nicht immer mit den Händen zu greifen, aber überall zu finden, in den seltensten Fällen prominent, aber aus dem täglichen Leben nicht wegzudenken. Und oft als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet, von dem alle erstaunt sind, wenn es dann mal „Rücken hat“. Wenn es drückt und irgendetwas nicht funktioniert.

 

Und davon gibt es gerade jede Menge. Es ist nicht nur das von den Mittelständlern selbst so oft beschworene Thema der überbordenden Bürokratie, das auch immer wieder deswegen hochkommt, weil Mittelständler von Herzen freiheitsliebend sind. Es sind Unternehmerinnen und Unternehmer, die jede Regel als Einschränkung begreifen und aus dem eigenen Betrieb wissen, dass Bürokratie die Neigung hat, sich selbst zu vermehren. Nein, diesmal ist es mehr als bloß Bürokratie, was da auf den Mittelstand einprasselt.

 

Zwei Jahre Corona-Pandemie haben ihn herausgefordert und verändert. Es gibt neue Verlierer und neue Gewinner. Prosperierende Reisever­anstalter, grundsolide Hotelketten und jeder, der „Veranstaltung“ als seinen Dienstleistungsauftrag verstand, hatten es schwer. Manch einer hat den Schlüssel genommen und einfach zugesperrt. Für immer.

 

Die „Stay at home“-Werte, die „Work from home“-Unternehmen und Firmen, die im „Digital Payment“ unterwegs sind, setzten dagegen zum Höhenflug an. Gerade war alles dabei, sich wieder zu normalisieren. Mancher Hype verrauschte, mancher Substanzwert gewann wieder an Fahrt, da bricht der Krieg aus um die Ukraine. Ökonomen sprechen bei solchen plötzlichen Krisen von schwarzen Schwänen. Normalerweise kommen sie extrem selten vor. Doch diesmal geht die abflauende Corona-Pandemie ohne Unterbrechung über in den Ukraine-Krieg und das Sanktionsregime gegen Russland. Der nächste schwarze Schwan ist gelandet.

 

Das Neue daran: Der eine schwarze Schwan hat den anderen nahtlos abgelöst. Der Mittelstand hatte keine Atempause. Er muss sich jetzt mit aller Macht gegen das stemmen, was seine Existenz bedroht. Für ihn ist das Bildnis des doppelten Schwans bereits konkret geworden. Das Auf und Ab in der Pandemie hatte Produktion und weltweiten Handel aus dem Tritt gebracht: Chips für Autos wie für Waschmaschinen fehlten, auf Baustellen ging zeitweise das Holz aus. Die Geldflut, Nullzinsen und nach oben schießende Energiepreise, als die Pandemie abflaute, heizten die Inflation an. Arbeitskräfte waren Mangelware. Und bevor sich all das wieder normalisiert hat, ist jetzt der Krieg mit seinen Folgen ausgebrochen.

 

Aber der Mittelstand wird auch das schaffen. Und zwar nicht nur, weil sich ein Mittelstandsverliebter das wünscht. Nein, den wahren Grund erklärt dieses Ranking. Es wirft ein Schlaglicht auf die Macher und Macherinnen im Mittelstand und auf ihre Methoden.

 

Da sind solche wie Miele, als „Titanen“ tauchen sie im Ranking auf: Es gibt sie schon immer. Und es wird sie immer geben. Denn ihr Rezept ist die Annäherung an die Ewigkeit. Miele testet seine Waschmaschinen 10.000 Stunden und verspricht dann guten Gewissens, dass sie 20 Jahre halten werden. Eine nachhaltigere Methode als die beinahe ewige Haltbarkeit gibt es nicht.

 

Revolutionäre Ideen

Da ist die Otto Group, die irgendwann feststellte, dass nicht die Bürokratie von außen, sondern die Bürokratie von innen ihre Ergebnisse auffraß. Seitdem hat sie Hierarchieebenen durchbrochen und nebenbei das „Du“ eingeführt. Ihre Kernkompetenz heißt „Veränderungstempo“, sie ist deswegen einer unserer nominierten „Transformatoren“, und sie ist gewappnet für eine Umgebung, die sich schneller ändert, als es jede Prognose im Geschäftsbericht vorsieht.

 

Und da sind die, die in unserem Ranking „Pioniere“ heißen, und beispielsweise bei Brainlab sitzen. Sie haben nicht nur die revolutionäre Idee, wie einst Doktor Dolittle eine Reise durch den menschlichen Körper mithilfe von 3D-Software und Kernspin-Geräten zu unternehmen, sondern sie haben auch den Ehrgeiz, aus der Idee ein Geschäftsmodell zu machen und damit die Welt zu verändern.

 

Auch wenn die deutsche Wirtschaftspolitik sich oft an den Konzernen orientiert: Eigentlicher Wachstumsmotor, europäischer Patentmeister, größter Arbeitgeber und meist sehr solide finanziert, das sind die Unternehmen, die wir hier vorstellen. Für sie ist nachhaltiges Wirtschaften keine Managementmode, sondern Teil ihrer DNA: einer bewussten Orientierung an menschlichen Werten und einer langfristig orientierten Geschäftspolitik.

 

Produzieren für die Ewigkeit, Veränderungen ahnen, bevor sie geschehen, Ideen mit Umsetzungskraft verbinden – das sind Tugenden, die sich bei einem tieferen Blick hinter all denen verbergen, die es in unsere Liste der besten Mittelständler geschafft haben. Sie alle hinterlassen das beruhigende Gefühl, das Verliebte erfahren, die aus einer Liaison in eine Partnerschaft hineinwachsen: Ich kann mich auf den anderen verlassen. Übersetzt heißt das: Wir können uns auf den Mittelstand verlassen. Dieses Ranking ist der Beweis.

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