Mittwoch, 19.01.2022
Zwei Mitarbeiter geben sich die Hand

Im Laufe der nächsten Jahre werden viele Führungspositionen frei.

Zukunftsmärkte
Unternehmen halten Ausschau nach Führungskräften

190.000 Nachfolger gesucht

Bis zum Jahr 2026 stehen jährlich fast 40.000 Unternehmen bereit zur Übernahme. Rund ein Drittel sucht einen familienexternen Chef.

Wer unternehmerische Verantwortung übernehmen will, muss nicht zwingend zum Gründer werden. Die demografische Entwicklung in Deutschland sorgt dafür, dass in den kommenden fünf Jahren mehr Betriebe denn je einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin auf dem Chefsessel suchen.
Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) schätzt, dass in den Jahren 2022 bis 2026 rund 190.000 Unternehmen zur Übergabe anstehen, weil ihre Eigentümer und Eigentümerinnen aus persönlichen Gründen aus der Geschäftsführung ausscheiden.


Die Experten aus Bonn haben starke Branchen- und Länderunterschiede ermittelt. Fast die Hälfte aller Nachfolger werden demnach bei Unternehmensbezogenen Dienstleistungen gesucht. Darunter fallen beispielsweise Verkehr und Lagerei, Information und Kommunikation, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Grundstücks- und Wohnungswesen, freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen.
Ein Viertel betrifft das Produzierende Gewerbe. Weniger Wechsel erwarten die Forscher bei Personenbezogenen Dienstleistungen. Dazu zählen etwa Gastgewerbe, Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen, Kunst, Unterhaltung und Erholung.
Die Wissenschaftler haben auch die unterschiedlichen Betriebsgrößen auf ihre Attraktivität untersucht. Ihr Ergebnis: Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 100.000 Euro erwirtschaften in der Regel nicht den erforderlichen Mindestgewinn, um als übernahmewürdig zu gelten. Auch in den beiden nächsthöheren Unternehmensgrößenklassen (100.000 bis 250.000 Euro und 250.000 bis 500.000 Euro) fänden sich noch vergleichsweise wenige Firmen, die einen für eine Übernahme erforderlichen Gewinn erwirtschaften.


Die meisten Übergaben – rund 53.900 Unternehmen – seien in der Umsatzgröße 500.000 bis eine Million Euro zu erwarten, heißt es beim Institut. Von den großen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 50 Millionen Euro und mehr stünden bis 2026 rund 1200 zur Übergabe an.
Auch zwischen den Bundesländern haben die Experten deutliche Unterschiede ermittelt: In Bremen werden mit 59 Übergaben je 1000 Unternehmen die meisten Nachfolger gesucht. In Berlin ist die Nachfolger-Nachfrage am geringsten: nur 44 Übergaben je 1000 Unternehmen.
Die Corona-Pandemie hat auf die Zahl der Unternehmensübergaben mittelfristig wenig Einfluss, so das IfM. Finanzexperten aus dem Bereich Mergers & Acquisitions berichteten aber schon seit 2021 über zeitliche Verschiebungen. Viele in den kommenden Jahren ohnehin geplante Übergaben oder -verkäufe würden seit der Pandemie vorgezogen. Häufige Gründe seien, dass ältere Unternehmer die Verantwortung unter diesen Umständen nicht länger tragen wollten oder dass durch Corona nötige Digitalisierungsmaßnahmen oder Veränderungen im Geschäftsmodell von einem Nachfolger übernommen werden sollten.
Das IfM warnt aber: Ein Verkauf an Externe in einer wirtschaftlich ungünstigen Lage könne spürbare Abschläge bei Unternehmenswert und Verkaufspreises bedeuten.

Zudem könne es die Nachfolge verzögern, wenn die alten Chefs nicht zu Zugeständnissen bereit seien, weil sie etwa aus dem Erlös ihre Alterseinkünfte bestreiten wollten. Die meisten Alteigentümer, die eine zügige Nachfolgeregelung anstrebten, würden jedoch – wohl mangels Alternativen – einem Verkauf zu geringeren Verkaufspreisen zustimmen müssen.
Insgesamt verzeichnet das IfM derzeit in Deutschland einen Unternehmensbestand von 3,6 Millionen Unternehmen, davon 3,3 Millionen Familienunternehmen. Übernahmewürdige Unternehmen gibt es demnach derzeit 772.000, aber nur 190.000 Unternehmen bezeichnen sie als übergabereif.
Als übergabereif gilt ein Unternehmen, wenn dessen geschäftsführender Inhaber oder deren geschäftsführende Inhaberin sich innerhalb der nächsten fünf Jahre aus persönlichen Gründen aus der Geschäftsführung zurückziehen wird.
Als übernahmewürdig – also als besonders attraktiv aus Sicht eines Investors – gilt ein Unternehmen, wenn seine zu erwartenden Gewinne mindestens so hoch sind wie Einkünfte aus einer abhängigen Beschäftigung plus Erträge aus einer alternativen Kapitalanlage.


Die komplette Studie finden Sie unter Unternehmensnachfolge in Deutschland 2022 bis 2026.

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