Made in Germany 2.0: KI und der Neustart für den Mittelstand
| Thorsten Giersch | Lesezeit: 7 Min.
Vier von fünf Unternehmen sehen die Probleme Deutschlands in der verschleppten Digitalisierung. Dabei stehen die Chancen für „Made in Germany 2.0“ gut.
Von Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand
„Auf der Bremse stehen“ ist eine Redewendung der Old Economy. Die Sanduhr wurde zum Bild für langsames Internet in dessen Anfängen, aber seitdem Microsoft diese abgeschafft hat, fehlt es an einer guten Metapher, um zu beschreiben, was in vielen deutschen Unternehmen los ist. Aber vielleicht sagen Zahlen auch mehr als Bilder und Vergleiche: 82 Prozent der Unternehmen sehen die zögerliche Digitalisierung als zentrales Element in der Krise der deutschen Wirtschaft, wie eine Studie des Branchenverbands Bitkom ergab. Drei von vier Unternehmen gestehen, dass die deutsche Volkswirtschaft Marktanteile verloren hat, weil digitale Technologien und Geschäftsmodelle zu langsam umgesetzt worden sind. Und 78 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass Deutschland ohne eine zügige Digitalisierung wirtschaftlich absteigen wird.
Drei Zahlen, die Probleme offenlegen. Die vierte zeigt, dass die Wende zum Besseren schwierig ist. Erstmals seit Start dieser jährlichen Befragung gibt mit 53 Prozent mehr als die Hälfte der Unternehmen an, Probleme zu haben, die Digitalisierung zu bewältigen – digitale Prozesse zu planen, einzuführen, groß auszurollen. Der Wert ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Als größte Bremsklötze nennen Unternehmen vor allem Datenschutzanforderungen und Fachkräftemangel. Außerdem fehlen Geld und Kapazität. Viele Unternehmen erkennen zwar, wie wichtig digitale Technologien sind, setzen sie aber nicht konsequent um. So halten fast alle Befragten etwa Big Data oder Künstliche Intelligenz für wichtig, doch nur ein Bruchteil nutzt sie aktiv – etwa 44 Prozent bei Big Data und 17 Prozent bei KI. Auch das Selbstbild vieler Firmen hat sich verändert: Nur noch 32 Prozent betrachten sich als digitale Vorreiter, 64 Prozent sehen sich als Nachzügler. Doch es muss nicht so sein und schon gar nicht so bleiben.
Der Wanderer
Manchmal helfen Wanderer zwischen den Welten, dass Unternehmen sich nachhaltig erfolgreich wandeln. Philipp Depiereux zum Beispiel. Er war sechs Jahre Geschäftsführer im Mittelstand, bevor er 2010 die Digitalberatung Etventure gründete und später verkaufte. Heute unterstützt er als Gründer und Chef der Scaled Innovation Group Start-ups und Unternehmen dabei, digitale Geschäftsmodelle auszubauen. Mehr als 100 Digitalisierungsprojekte hat er bereits mit Mittelständlern umgesetzt. In Kürze erscheint sein neues Buch „Mut zur KI: Wie wir mit neuem Mindset Unternehmen erfolgreich in die Dekade der KI führen“. Aus seiner Sicht machen wir uns Deutschland oft kleiner, als es ist. „Ich bin jetzt im vierten Jahr in Amerika und ich muss sagen: In Deutschland ist eigentlich alles besser außer das Mindset.“
Deshalb sei die Digitalisierung in den USA auch weiter fortgeschritten, glaubt Depiereux. „Wenn Dinge nicht funktionieren, dann lamentieren die Amerikaner nicht herum, dann zeigen die nicht mit dem Finger auf andere, dann geben die Gas.“ Es gehöre im KI-Zeitalter eben dazu, Dinge auszuprobieren, abzubrechen und dann besser zu machen. „Die Deutschen sind da oft im Lamentier-Modus.“ Auch die öffentliche Verwaltung sei in den USA durchdigitalisiert, und dieser digitale Bürgerservice nutze nicht nur den Bürgern, sondern auch den Unternehmen enorm. In Deutschland seien gerade KI-Tools noch Stückwerk, sagt der Berater.
Der Startpunkt jeder Transformation besteht für Depiereux darin, Mut zu zeigen oder anzuerkennen, dass er fehlt: „Ich stelle in Deutschland fest, dass wir in der Breite wirklich satt sind. Wir sind oft nicht mutig, weil wir es ganz gemütlich haben auf dem Sofa.“ Paradebeispiel ist für ihn die Autoindustrie, die sich jahrelang weigerte, ihre Flotten zu elektrifizieren und radikal auf den Nutzer bezogen neu zu denken.
Neben Mut gehört für Depiereux noch etwas anderes dazu, wenn das Unternehmen sich wandeln soll: Der Chef muss das jeweilige Thema verstehen und vorantreiben. „Es braucht einen CEO, der ein guter Kommunikator ist, der Ängste der Mitarbeitenden empathisch aufnimmt und mit gutem Beispiel vorangeht.“ Wenn sich Arbeitsweisen ändern und die KI viele Aufgaben übernimmt, „dann kommen Widerstände automatisch hoch“. Was hilft, sei, gewisse Dinge erst einmal nur im geschützten Raum umzusetzen, wo Testen und Fehlermachen akzeptiert sind.
Der dritte Punkt sei, Entwicklungszyklen zu verkürzen, sagt der Experte. Das falle den Deutschen besonders schwer. „Es ist ein ingenieurgetriebenes Land voller Perfektionisten und Pflichtenlastenheften. Aber wir müssen umschalten von Dreijahresplänen zu Wochensprints und hin zu radikaler Nutzerzentrierung.“ Was den Deutschen auch manchmal schwerfalle, sei das, was funktioniere, richtig zu feiern, selbst wenn es nur ein interner Prozess sein sollte, der effektiver läuft. Die Mitarbeiter und ihre Leistungen müssten gezeigt werden, alle müssten fühlen, dass anerkannt wird, wenn sie mutig sind. „Und dann werden die Mitarbeiter natürlich zu Multiplikatoren im Unternehmen und sagen ,Hey, ich hab’s ausprobiert, das ist super!‘“
Die Wissenschaftlerin
Tina Klüwer hat sich als Wissenschaftlerin und als Gründerin mit den Themen beschäftigt – und war bis 2025 im Bundesministerium für Forschung und Bildung für bessere Innovationskultur zuständig. „Zukunft made in Germany“ heißt ihr aktuelles Buch. Aus ihrer Sicht werden die vorhandenen Stärken Deutschlands oft nicht gebührend genug betont. „Wir haben einen unglaublich guten Mittelstand, wahnsinnig tolle Exportschlager, die weltweit relevant sind.“ Dazu kommen aus ihrer Sicht sehr gute Ausbildungsangebote, weswegen kluge Menschen aus der ganzen Welt nach Deutschland kommen. Diese Talente könne man länger binden. „Mir fehlt eine positive Erzählung der deutschen Technologie. Dabei haben wir die Chancen, uns dort neu zu definieren“, sagt die KI-Expertin. „Wir könnten die neue Quanten-Nation werden oder die neue Biotechnologie-Nation. Wir haben alles, was es dafür braucht: die klugen Köpfe, die Ausbildungen, starke Unternehmen.“ Für sie geht es nur um die Frage: „Wollen wir das?“ Das setzt den Wechsel des Selbstverständnisses voraus, den die Gesellschaft zulassen, für den sie sich entscheiden muss. Aber: „Wir haben im Moment durchaus Herausforderungen, die müssen wir ernst nehmen.“ Damit meint sie unter anderem eine abfallende Innovationstätigkeit im Land.
Zu den Kernthemen von Klüwer gehört auch, Wissenschaft in Geschäft zu übersetzen, in konkrete Produkte. Hier sieht sie Defizite. „Wir sind sehr gut aufgestellt in der Forschung. Aber wir schaffen es nicht ausreichend, sie in die Anwendung zu bringen.“ Deutschland verschenke da viel Wissen und Potenzial. Im Ausland würden deutsche Ergebnisse aufgegriffen und dort vermarktet. Die Wertschöpfung entsteht also woanders. Berühmtestes Beispiel ist der MP3-Player. Dafür gebe es strukturelle Gründe, sagt Klüwer, etwa in der Art, wie Forschung mit der Wirtschaft zusammenarbeiten kann und wie eben nicht. Zum Beispiel sei es zu kompliziert für Talente, zwischen Wirtschaft und Wissenschaft hin- und herzuwechseln. „Das müssten wir Schritt für Schritt abarbeiten.“
Auf der Seite der Wissenschaft fehlen Klüwer mehr Anreize, Forschungsergebnisse zu verwerten. Die Wissenschaft ziele bisher vor allem auf wissenschaftliche Publikationen als wichtigste Kennzahl. Sie wünscht sich eine weitere Kennzahl, die messbar macht, wenn sich jemand neben seiner Forschung auch noch dafür einsetzt, dass etwas beispielsweise in einem Start-up verwendet oder ein Ergebnis an die Wirtschaft weitergegeben wird. Von Unternehmern wünscht sie sich mehr Willen, Innovation aus der Wissenschaft abzuschöpfen.
Der Investor
Achim Berg war jahrelang Bitkom-Präsident und kann heute als Multi-Aufsichtsrat, Investor und Digitalisierungsexperte offen reden. Er begleitet große und kleinere Unternehmen intensiv bei der Digitalisierung, konkret auch bei KI. Sein Fazit: „Der erste große Fehler ist, dass viele KI als ein IT-Thema behandeln. Aber das ist völlig falsch.“ Es habe nur in zweiter Hinsicht mit Technologie zu tun. „Es geht um die Menschen, die Organisation. Wie sich die innovativen Unternehmen derzeit auf das Thema vorbereiten, das ist hochinteressant“, meint Berg und betont, dass KI nicht delegierbar ist. Das Problem: 95 Prozent der Unternehmen, die aktuell mit KI experimentieren, sehen keine Effizienzsteigerung. „Alle spielen damit herum, alle freuen sich, alle schreiben Powerpoint-Folien, aber unterm Strich kommt nicht viel dabei herum.“ Weil KI eben nur als Technologie eingesetzt wurde. Mit dem Ergebnis, dass viele sehr enttäuscht sind. „Die Großunternehmen investieren mehr in KI als die kleinen Unternehmen, aber der eigentliche Punkt ist: Die wirklich innovativen Unternehmen sind in der Regel kleine.“
Der nächste Schritt ist für Berg der strukturelle Einsatz von KI-Agenten. 20 bis 30 Prozent der Jobbeschreibungen könnten sich durch sie ändern. Deshalb geht es um viel mehr, als eine Software in den Betrieb einzubauen. „Es hat nichts mit IT zu tun, sondern damit, die Organisation zu führen und die Menschen.“ Das in Einklang zu bringen, sei eines der ganz großen Probleme – von größeren Unternehmen noch mehr als von kleineren.
Berg kennt Unternehmen, die bisher aufgrund von 15 Prozent der Daten, die zur Verfügung standen, entschieden. Die große Frage laute nun, wie man an alle Daten aus den ERP-Systemen komme und sie sinnvoll zusammenbringe. In kleinen wie in großen Unternehmen hakt es offenbar an den gleichen Stellen. „Entwicklung, Produktion, Vertrieb – und die reden nicht so wirklich miteinander“, sagt Berg. „Da ist immer der andere schuld. Das ist der größte Knackpunkt.“ Berg nennt die Autobranche, wo schneller neue Modellzyklen entwickelt werden müssen. „Ein Auto von der ersten Idee bis zur Auslieferung inklusive Produktion in neun Monaten? Bisher undenkbar, aber die Chinesen sind dank Agentic AI auf dem Weg dahin“, warnt Berg. Das funktioniere aber nicht in der Firmenorganisation, wie sie heute sei. Für ihn gibt es aber durchaus deutsche Vorzeigefirmen, auch aus dem Mittelstand. Dazu gehöre Isar Aerospace, die in der Raumfahrt ähnlich rasant handelten mit ihren digitalen Zwillingen.
Der Software-Spezialist
In kaum einem Bereich ist generative KI hierzulande so stark im Einsatz wie bei Kommunikation, Marketing und Vertrieb. Der Softwarekonzern Salesforce begleitet den Wandel weltweit bei Kunden. „Die Entscheidungszyklen sind klassischerweise beim Mittelstand etwas schneller. Auf der anderen Seite ist die Argumentationskette etwas härter. Im Mittelstand ist sehr oft die Hoffnung, dass man viele Herausforderungen mit einer Lösung erschlagen kann“, sagt Alexander Wallner, CEO Emea Central bei Salesforce. KI könne inzwischen dank der Agenten wie ein Mensch handeln. Sie könne sinnvoll mit Endkunden sprechen, Beschwerden annehmen und weiterleiten, Bestellungen aufnehmen, die Sales-Pipeline validieren.
„Gerade im klassischen Mittelstand ist es schon Teil der Agenda, ein attraktives Umfeld zu schaffen für neue Mitarbeiter, die erwarten, mit aktuellen Tools zu arbeiten“, sagt Wallner. KI verändere die Statik der Unternehmen. „Wir sehen faktische Effizienzgewinne, die unfassbar sind.“ Für den deutschen Mittelstand sei KI zugleich Jahrhundert-Chance und Jahrhundert-Risiko. „Unser Wettbewerb wird immer globaler. Es gibt Länder, die erheblich schneller und weniger regulativ sind in der Umsetzung von KI-Themen. Und das muss unser Mittelstand sehr genau betrachten“, meint Wallner. Er beobachtet, dass Branchen in Deutschland, die unter Druck sind, diese neuen Technologien viel schneller und viel intensiver nutzen. Denn die Firmen müssen effizienter arbeiten. Aber vielleicht gerät deutlich weniger unter Druck, wer rechtzeitig die neuen Möglichkeiten nutzt.
Infobox: Deutschlands Aufbruch in „Made in Germany 2.0“
Die Lage
- 82 % der Unternehmen sehen die verschleppte Digitalisierung als Kernproblem der Wirtschaftskrise.
- 78 % warnen: Ohne Tempo droht wirtschaftlicher Abstieg.
- 53 % haben Schwierigkeiten, Digitalprojekte konsequent umzusetzen.
- Nur 17 % nutzen KI aktiv, 44 % Big Data.
Die größten Bremsklötze
- Datenschutzanforderungen
- Fachkräftemangel
- Fehlende finanzielle und personelle Ressourcen
- Silodenken in Organisationen
- Perfektionismus statt schneller Entwicklungszyklen
Was jetzt zählt
- Mut & Mindset: Mehr Experimentieren, weniger Lamentieren.
- Führung: Digitalisierung ist Chefsache – KI ist ein Organisations-, kein IT-Thema.
- Schnelligkeit: Weg von Dreijahresplänen, hin zu Wochensprints.
- Nutzerfokus: Produkte und Prozesse radikal vom Kunden her denken.
- Wissenschaftstransfer: Forschung schneller in marktfähige Produkte überführen.
- Kulturwandel: Erfolge sichtbar machen, Mitarbeitende zu Multiplikatoren befähigen.
Die Chance
- Deutschland verfügt über starke Industrie, exzellente Forschung und hochqualifizierte Fachkräfte. Ob KI-, Quanten- oder Biotechnologie-Nation – das Potenzial ist da. Entscheidend ist die Frage: Wollen wir es nutzen?
Bleiben Sie bestens informiert
Immer auf dem neuesten Stand: Abonnieren Sie unsere kostenlosen Newsletter und bekommen Sie Top-News und Analysen direkt per E-Mail.