Mittwoch, 01.10.2014
Automobil-Export

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Nach Russland werden diese Neuwagen eher nicht exportiert. Die Nachfrage schwächelt und Importbeschränkungen drohen.

Zukunftsmärkte
Import-Embargo schadet vor allem Russland selbst

Automobilmarkt Russland: Trübe Aussichten für Pkw-Hersteller

Schwacher Rubel, geringe Nachfrage und jetzt Sanktionen – das Russlandgeschäft der Automobilhersteller stockt. Mit den Importbeschränkungen schadet Russland allerdings sich selbst am meisten.


Schlecht steht es um die Nachfrage am russischen Automobilmarkt: In den ersten acht Monaten diesen Jahres ist sie um 12 Prozent zurückgegangen, allein im August um 25 Prozent. Angesichts der schwachen Nachfrage und der politischen Unsicherheiten sind die Erwartungen der deutschen Automobilhersteller getrübt. „Wir erwarten 2014 einen Rückgang um neun bis zehn Prozent auf etwa 2,5 Millionen verkaufte Fahrzeuge“, erklärte Matthias Wissmann, Präsident des Branchenverbandes VDA, kürzlich.

So hoch das mittel- und langfristige Potential des russischen Marktes auch ist, so groß ist die Enttäuschung für die westlichen Automobilhersteller. „Russland ist für den Volkswagen-Konzern der strategische Wachstumsmarkt Nummer 1 in Europa“, erklärte VW-Vorstandschef Martin Winterkorn Ende vergangenen Jahres. Russland werde Deutschland in Kürze als größten Markt in Europa einholen, wurde an anderer Stelle prognostiziert. Bislang hat sich das nicht bewahrheitet. Stattdessen legen Produzenten den Rückwärtsgang ein. Zwar mag der ein oder andere wohlhabende Russe sich angesichts des Währungsverfalls noch für ein neues Fahrzeug der Oberklasse entscheiden. Hersteller wie Mercedes, BMW oder Porsche sind daher bislang unterproportional von der Absatzschwäche betroffen. Aber auch sie liefern weniger Fahrzeuge nach Russland. Besonders groß ist die Zurückhaltung bei Neuwagenanschaffungen.

Sanktionen: Höhere Importzölle und Import-Stopp

Der wirtschaftliche Abschwung des russischen Marktes ist das eine, politische Unsicherheiten im Land sind das andere: Der Ausgang im Ukraine-Konflikt ist offen. Die USA und die EU versuchen, den Druck auf die russische Regierung zu erhöhen, was diese wiederum dazu veranlasst, mit Wirtschaftssanktionen zu drohen. Ranghohe Vertreter der Regierung haben immer wieder explizit auch die Automobilindustrie als mögliches Ziel von Sanktionen genannt und Importbeschränkungen thematisiert.

Doch mit solchen Sanktionen schadet Russland in erheblichem Maße auch sich selbst. Das zeigt die aktuelle Studie „Russian Automotiv Market Update“ von Roland Berger Strategy Consultants, in der drei verschiedene Sanktions-Szenarien analysiert werden.

Automobilmarkt Russland: Drei Szenarien

Das erste Szenario sieht eine Erhöhung der Importzölle für OEMs aus Europa und USA um 10 Prozentpunkte vor. In diesem Fall wird mit einer leichten Abnahme des für 2015 prognostizierten Marktvolumens von 2,2 Millionen Neuwagen gerechnet. „Europäische und amerikanische OEMs mit Produktionsanlagen in Russland könnten ihre lokale Produktion stärken, um die höheren Importzölle zu umgehen. Dadurch würde das Preisniveau nur geringfügig steigen“, erwartet Roland Berger-Partner Jürgen Reers. Für die westlichen Hersteller wäre in diesem Fall mit einem Minus von 100 Millionen Euro zu rechnen. In Russland würden die Mehreinnahmen aus Einfuhrzöllen die geringeren Umsatzsteuer-Einnahmen um etwa 55 Millionen Euro übersteigen.

Im zweiten Szenario wird ein Import-Stopp für Fahrzeuge aus EU und USA mit einem Verkaufspreis bis 30.000 Euro angenommen. Die fehlenden Stückzahlen könnten weitgehend auf dem russischen Markt aufgefangen werden. Entlastung brächten auch höhere Importe aus Asien und eine Erhöhung der Produktion in Werken der europäischen und amerikanischen OEMs vor Ort. Geringere Umsatzsteuer- und Zolleinnahmen würden in Russland mit 465 Millionen Euro belasten.

Besonders teuer käme Russland ein kompletter Import-Stopp auf alle Fahrzeuge aus EU und USA zu stehen – das dritte Szenario. 110.000 weniger Fahrzeuge in 2015. „Durch solche Maßnahmen wurde sich der russische Staat selbst am meisten schaden“, fasst Roland Berger-Partner Uwe Kumm zusammen. „Nach unseren Berechnungen würden Russland so im Jahr 2015 ca. 1,4 Milliarden Euro an Steuer- und Zolleinnahmen verloren gehen.“ Aber auch EU- und USA-Hersteller wären stark betroffen und müssten in nächsten 12 Monaten eine Abnahme des Gewinns aus dem Russland-Geschäft um 550 Millionen Euro verkraften. „Gewinner in diesen Sanktionsszenarien sind nur die asiatischen Autobauer aus China oder Korea, die ihre Marktanteile in kürzester Zeit stark ausbauen könnten“, ergänzt Automotive-Experte Reers.

Lediglich von einer Erhöhung der Importzölle profitiert Russland also, und das in relativ geringem Umfang. Ein Verbot von Importen schwächt zwar Automobilhersteller aus den USA und der EU deutlich, den deutlich größeren Schaden richtet Russland damit aber im eigenen Land an.

Empfehlungen für Russland

Da in den nächsten 12 bis 18 Monaten keine Verbesserung des russischen Marktes zu erwarten ist, im Gegenteil Sanktionen sogar zu einer Eskalation der Situation führen könnten, rät Jürgen Reers: „Automobilkonzerne sollten ihre Kostenbasis und ihre Kapazitäten dem schwächelnden Markt anpassen. Außerdem sollten sie investitionsschonend die Wertschöpfung im Land erhöhen und Möglichkeiten für Förderprogramme ausloten.“

Der russischen Regierung sollte vor allem an einer langfristigen Stabilisierung des Marktes und einer möglichst hohen Wettbewerbsfähigkeit der lokalen Produktion gelegen sein. „Pkw-Produktion in Russland muss auch auf langfristige Sicht wirtschaftlich sinnvoller sein als der Import von Fahrzeugen“, fasst Uwe Kumm zusammen. Ein Nutzungsverbot für alte Fahrzeuge, eine Abwrackprämie für Altautos sind denkbar, desgleichen ein Finanzierungsprogramm zur Ankurbelung des Absatzes und die Verbesserung der lokalen Kostenbasis der Hersteller.