Dienstag, 29.07.2014
Zukunftsmärkte
OEM in ASEAN noch zurückhaltend

Automobilmarkt Thailand: Deutsche Unternehmen hinken nach

Thailand ist weltweit der neuntgrößte Automobilproduzent. Doch für OEM und auch Automobilzulieferer aus Deutschland ist das ASEAN-Land bislang noch ein weißer Fleck auf der Landkarte.


Seit 2005 weist Thailand, das als Automobil-Hub in der ASEAN-Region gilt, konstante Wachstumsraten in der Automobilproduktion auf. Einbrüche gab es lediglich 2009 – das Jahr der politischen Unruhen – sowie 2011, als die schwere Flutkatastrophe das Land heimsuchte. Auf etwa 2,4 Millionen Einheiten belief sich die Produktion der Automobilhersteller in Thailand im Jahr 2013. Gegenüber 2012 ist dies eine Steigerung von etwa 10 Prozent. Auch für das laufende Jahr 2014 gehen Experten von einem Output in gleicher Höhe aus.

Automobilmarkt zu 85 Prozent japanisch

Trotz der Bedeutung des Landes für den Automobilsektor in den ASEAN-Ländern, aber auch für umliegende asiatische Länder haben deutsche OEM im Vergleich zu anderen Wachstumsmärkten das Land bislang eher vernachlässigt. Mercedes und BMW haben zwar eine eigene Montage in dem ASEAN-Land, der Stuttgarter Autobauer ist etwa mit der C, E und S-Klasse vertreten. Der Marktanteil liegt jedoch jeweils unter 1 Prozent. „Thailand ist im toten Winkel“, erklärt Uli Kaiser, Business Development Manager South East Asia beim baden-württembergischen Werkzeugmaschinenbauer Emag und gleichzeitig President der Thai-European Business Association. Emag liefert seine Maschinen unter anderem auch an die Automobilindustrie. Die Folge der schwachen Marktbearbeitung der deutschen OEM: Der Automobilmarkt Thailand ist heute fest in japanischer Hand: Neben dem Platzhirschen Toyota sind es noch Mitsubishi, Mazda, Suzuki, Isuzu, Honda und Nissan, die zusammen einen Marktanteil von etwa 85 Prozent aufweisen. Die restlichen 15 Prozent des Marktes besetzen die US-amerikanische Hersteller GM und Ford. „VW hat zwar angekündigt, sich in Thailand stärker zu engagieren, hinkt aber mit einem Marktanteil von weniger als 1 Prozent deutlich hinterher“, erklärt Uli Kaiser, der seit vielen Jahren den Automobilmarkt vor Ort in Thailand verfolgt. Neben VW hat jüngst auch BMW weitere Investitionen von 9 Millionen Euro in seine Produktionsstätte in Rayong angekündigt. Die Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, die Produktivität von Personenfahrzeugen bis 2015 auf 10.000 Fahrzeuge steigern.

Diese bisherige Zurückhaltung der deutschen OEM in Thailand führt bislang dazu, dass auch deutsche Zulieferer aus dem Mittelstand mit Investitionsaktivitäten in Thailand bis auf einige Ausnahmen sehr zögerlich sind. „Bei vielen deutschen Mittelständlern herrscht das Vorurteil, japanische Hersteller kauften doch ohnehin nur von japanischen Zulieferern“, sagt Kaiser. Dabei könnten deutsche Mittelständler auch in Thailand mit jenen Stärken punkten, die sie auch in anderen Wachstumsmärkten stark macht. Hohe Qualität, Zuverlässigkeit, Service. „Eine der größten Hürden ist sicherlich noch der notwendige Aufbau eines ordentlichen Servicebetriebs“, sagt der Automobil-Experte.

Info

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Thailand bei Nutzfahrzeugen vor Mexiko und Brasilien

Thailand ist im Bereich der Pkw-Produktion mit 1,1 Millionen Einheiten im Jahr 2013 weltweit die Nummer 9. Bei den leichten Nutzfahrzeugen liegt das Land mit knapp 410.000 produzierten Einheiten sogar auf dem 5. Platz – noch vor „Automobilhochburgen“ wie Mexiko und Brasilien aber auch vor Indien und der Türkei. Dies zeigt ebenso die Bedeutung des Landes in diesem Sektor. Deutsche Automobilzulieferer aus dem Mittelstand finden daher große Wachstumschancen im Land vor.

Eine besondere Förderung durch den Staat erfährt die Branche durch das 2010 lancierte Eco-Car-Programm, das die Schadstoffbelastung im Land verringern soll. Laut Germany Trade and Invest bewirkte das Programm eine zusätzliche Jahreskapazität von 585.000 Einheiten durch Japans fünf große Autobauer. OEM unter diesem Programm erhalten Steuervergünstigungen sowie die Möglichkeit des zollfreien Imports von Maschinen. Das Programm befindet sich aktuell in der zweiten Phase mit einem Gesamtinvestment von rund 1,3 Mrd. US-Dollar, wodurch sich die Gesamtkapazität in der Produktion bis 2018 auf 930.000 Öko-Autos erhöhen soll. Der Schwerpunkt in diesem zweiten Teil des Programms liegt auf der Reduktion der CO2-Emmissionen. „Auch VW hat angekündigt, an dieser zweiten Projektphase des Eco-Car-Projekts teilzunehmen“, sagt Uli Kaiser. Insgesamt hat Thailand das Ziel, eine jährliche Produktionskapazität von 3 Millionen Fahrzeugen zu erreichen. Die Fahrzeugdichte im Land beträgt aktuell 140 Fahrzeuge pro 1.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Russland liegt dieser Wert bei 234, in Malaysia, das unter den ASEAN-Staaten den höchsten Wert aufweist, bei 300, in den USA bei 427 und in Deutschland den aktuellsten Zahlen des Kraftfahrzeug-Bundesamts zufolge bei über 650.

Jedes zweite Automobil geht in den Export

Schon heute gehen knapp 50 Prozent der thailändischen Automobilproduktion in den Export. Und Kaiser rechnet damit, dass der Export durch die zahlreichen Freihandelsabkommen mit den ASEAN-Nachbarstaaten, aber auch mit China, Indien und Australien in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen wird. Auch wenn Thailand wie viele andere Wachstumsmärkte momentan nicht mehr diese Wachstumsraten seiner Wirtschaft erreichen kann wie noch vor wenigen Jahren, so dürfte das Land dennoch seine Funktion als Drehscheibe für den Automobilmarkt in der Region nochmals intensivieren. Dann nämlich, wenn sich wie geplant Anfang 2015 durch die ASEAN Economic Community (AEC), eine Wirtschaftsgemeinschaft, der Handel zwischen allen ASEAN-Staaten weiter erleichtern wird. Neben den Freihandelsabkommen dürfte auch das Eco-Car-Programm dazu beitragen, dass die Export-Quote weiter nach oben geht. Ziel ist, in einigen Jahren eine Export-Quote von 70 Prozent zu erreichen.

Zwischen den ASEAN-Gründungsländern Thailand, Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur und Brunei können bereits heute über 90 Prozent der Waren zollfrei gehandelt werden. Auch die momentan für Ersatzteile bestehenden Zölle in Höhe von bis zu 5 Prozent des Warenwerts sollen 2015 gänzlich verschwinden. Umso mehr wird es für die OEM, aber auch die Mittelständler der Zulieferbranche wichtig sein, auch vor Ort zu produzieren und nicht nur Export in die ASEAN-Länder zu betreiben. Bei VW hat Produktionsvorstand Michael Macht angekündigt, dass VW in den kommenden Jahren „ein aktiver Player in der Region werden wird.“

Info

In einer losen Serie informieren wir Sie über die Automobilmärkte in Schwellenländern. Im Bereich „Kunden & Märkte“ finden Sie bereits Wissenswertes zum Automobilmarkt Russland, zum Automobilmarkt China, zum Automobilmarkt Brasilien sowie zum Automobilmarkt Türkei.

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