Mittwoch, 18.06.2014
Montage Auto Fiat Türkei

Fiat

Fiat betreibt in Bursa ein eigenes Montagewerk. Auch Opel lässt dort ein Modell fertigen.

Zukunftsmärkte
Bis 2023 soll sich die Produktion vervierfachen

Automobilmarkt Türkei: Export-Fokus als Stärke

Knapp 21 Millionen Fahrzeuge sollen 2020 in Europa, Russland, dem Mittleren Osten und Afrika verkauft werden. Die Türkei bringt sich als Produktionsstandort dafür in Position.


Aktuell sind 13 OEM mit eigenen Produktionsstandorten in der Türkei vertreten. Die meisten davon haben sich rund um Istanbul sowie die Region um Bursa angesiedelt, die im Jahr 2012 etwas mehr als 1 Million Fahrzeuge produziert haben, wie eine Studie des Beratungshauses McKinsey für die türkische Investitionsbehörde ISPAT zeigt. Zwar waren es 2011 mit 1,23 Millionen schon einmal etwas mehr, dennoch beträgt der durchschnittliche Anstieg von der Zeit nach der Finanzkrise 2009 bis 2012 8 Prozent jährlich. Zwei von drei produzierten Fahrzeugen waren 2012 für den Export bestimmt. Die Haupt-Exportländer dabei sind Frankreich, Italien und Deutschland. Knapp 80 Prozent der Exporte gehen nach Europa. 7 Prozent der Abnehmer sind in den USA beheimatet, mit 6 Prozent knapp dahinter liegt Afrika.

Türkei: Zulieferer aus dem Mittelstand gefragt

Rund um die Produktionsstätten der OEM hat sich aber eine rege Zulieferindustrie entwickelt. Die OEM kaufen immer stärker in der Türkei ihre Teile zu. Dies führt dazu, dass aktuell auch die Logistik in der Türkei ausgebaut wird. Deutschland ist der größte Export-Empfänger von Automobil-Zulieferteilen aus der Türkei: 2012 wurden Waren im Gegenwert von über 670 Millionen US-Dollar hierzulande aus der Türkei importiert. Jeder fünfte Euro des etwa 3,5 Milliarden Euro schweren Marktes für Zulieferteile geht somit in die Bundesrepublik.

Und dass deutsche Mittelständler auf diesem Markt mitmischen, zeigt das Beispiel von Gummi Welz. Ein Unternehmen, das in der Zulieferbranche vor Ort aktiv ist, ist Gummi Welz. Der Mittelständler aus Neu-Ulm erzeugt kundenspezifische Gummidichtungen, in der Türkei bedient er den Bus- und Nutzfahrzeugsektor. Kurt Sedlaczek ist Geschäftsführer der türkischen Niederlassung und seit 23 Jahren im Land. Ein Großkunde in Istanbul war seinerzeit der Grund dafür, dass sich das Unternehmen in die Türkei aufgemacht hat. Qualitative Unterschiede zwischen in der Türkei und in Deutschland produzierten Teilen sieht Sedlaczek kaum mehr: „In den vergangenen zehn Jahren wurden die Ansprüche an die Qualität kontinuierlich höher. Gleichzeitig bekommen wir als ausländische Firma aber immer wieder den Vorwurf, wir seien zu teuer“, sagt er.

Automobilmarkt: Türkei fördert Wachstum

Ein Argument, das als Produktionsstandort der Automobil- und Zulieferindustrie für das Land spricht, ist die geografische Lage im Zentrum von Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. Auch die Produktionskosten sind durch das geringere Lohnniveau in vielen Regionen deutlich niedriger als in Europa.

Verglichen mit den Automobilmärkten in anderen Wachstumsmärkten sowie in den etablierten großen Volkswirtschaften ist der Automobilmarkt Türkei allerdings noch ein kleiner. 1,1 Millionen Fahrzeuge gingen 2012 aus der Produktion von sechs großen OEM hervor. China stand 2012 an der Spitze der weltweiten Automobilproduktion mit über 19 Millionen produzierten Einheiten. Knapp 23 Prozent der globalen Produktion kommen aus dem Reich der Mitte. Deutschland liegt mit 5,7 Millionen auf dem vierten Platz. In Indien wurden im Jahr 2012 etwa 4,2 Millionen Fahrzeuge gebaut. Der Automobilmarkt Brasilien, der 3,3 Millionen hervorbrachte, kämpft aktuell mit strukturellen Problemen. Auch am russischen Automobilmarkt (2,3 Millionen Einheiten im Jahr 2012) wartet man noch auf den Aufschwung.

Doch bei dieser guten Million soll es in der Türkei nicht bleiben. Der Masterplan der Regierung sieht vor, die Produktion von Fahrzeugen bis 2023 auf vier Millionen Einheiten anwachsen zu lassen. Dafür möchte die Türkei weitere Kapazitäten ins Land holen.

Hinzu kommt, dass die Regierung Mittelständler auch mit Förderungen unterstützt. 9 von 10 Projektförderungen wurden an mittelständische Betriebe vergeben. Mit gut 275 Millionen Euro wurde der Automobil-Sektor im Zeitraum 1995 bis 2012 unterstützt. Das sind 28 Prozent der Gesamtförderungen aller Industriesektoren des Landes. Der Automobil-Bereich nimmt damit auch den größten Anteil an den Fördergeldern ein. Bei der Anzahl der genehmigten Projekte liegt der Automobil-Sektor mit knapp 1.000 auf dem vierten Platz. Damit geht jede zehnte Förderung an Unternehmen in diesem Sektor.

Türkei: Kritischer Blick auf Förderungen

Kritisch werden die Förderungen allerdings von Experten der Weltbank gesehen. Sektorspezifische Anreize würden verpuffen, solange größere strukturelle Schwächen vorherrschten, wie etwa Probleme bei der Rechtsdurchsetzung, übermäßige Regulierung oder ein Mangel an Fachkräften. Mit all dem hat auch die Türkei zu kämpfen. Allerdings sehen die Analysten der Weltbank die Türkei als Basis für Exporte dennoch in einer guten Position, weil die globalen Wertschöpfungsketten im Automobil-Sektor lang sind und das Land das Potential hat, diese durch Ansiedelungen von Zulieferern noch weiter zu verlängern. Je länger die Wertschöpfungskette, desto besser die Chancen noch weiter aufzurücken, weil F&E oder After Sales Aktivitäten noch stärker in die Region verlagert werden könnten.

Aber nicht nur die Exporte aus der Türkei, auch der lokale türkische Automobilmarkt wird sich in den kommenden Jahren verändern. In den vergangenen 5 Jahren war bereits ein Trend vom Kleinwagen stärker in Richtung Kompaktklasse festzustellen. Die Neuwagenverkäufe in dieser Klasse wiesen 2013 einen Marktanteil von 50 Prozent auf. Gleichzeitig führen jedoch Steuervorteile bei kleinen Motoren dazu, dass verstärkt Fahrzeuge mit kleinen Maschinen gekauft werden. Von den türkischen Käufern bevorzugt werden außerdem Dieselfahrzeuge, weil der Benzinpreis im Land hoch ist: Ende 2012 lag der Literpreis bei 2,50 Euro.

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