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Zukunftsmärkte > Landwirtschaft & Strukturwandel

Zwischen Leidenschaft und Last: Was Bauern heute wirklich tragen müssen

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 4 Min.

Die Landwirtschaft steckt im größten Umbruch seit 200 Jahren: Klimarisiken, Technik, Strukturwandel – und ein Beruf am Limit.

Kuh auf Weide
Neugieriger Blick: Kühe ­interessieren sich für alles, was sich verändert. Etwa die Kamera auf der Weide, was hervorragende Schnappschüsse ermöglicht. (Foto: shutterstock)

Landwirtschaft ist die älteste aller Branchen und wandelt sich seit 200 Jahren stetig, aber noch nie so stark wie derzeit. Wie wir morgen satt werden, ist offener denn je. 

von Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand

 

Mit großen Augen schauen die beiden vierjährigen Kinder dem Milchlaster zu, der rund 600 Liter aus dem Tank des Bio-Bauernhofes pumpt, auf dem sie zwei Wochen Urlaub machen. Die Kleinen wissen genau, wo die Milch herkommt: von den rund 60 Kühen, die sie tagtäglich auf der Weide oder im Stall sehen. Später im Supermarkt erkennen die Kleinen das Logo wieder, das sie auf dem Milchlaster gesehen haben. Eine andere Marke kommt an diesem Tag nicht in den Einkaufswagen. 

Was die Kinder nicht wissen, ist, dass der Bauer von dem, was er für die Milch bekommt, niemals leben könnte. Auch die Kälber, die er verkauft, helfen nicht entscheidend – die männlichen schon gar nicht. Die wenigen 100 Euro Verkaufserlös decken in der Regel nicht mal die Tierarztkosten. Die Kinder wissen nicht, wie groß die Sorge vieler Betriebe ist, einen Nachfolger zu finden. Und dass es nur auf den ersten Blick widersprüchlich ist, dass immer mehr Landwirte zu Managern werden – und dennoch von der Leidenschaft am Beruf getrieben werden. 

Auf der einen Seite gab es nie bessere Technologie, um den für Landwirtschaft so wichtigen Faktor Wetter berechenbar zu machen. Auf der anderen Seite waren die Begleitumstände in dieser Hinsicht aber auch noch nie so komplex – Stichwort Klimawandel. 2024 war das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und die globale Durchschnittstemperatur lag erstmals 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Die Folgen sind für die Landwirtschaft bereits heute spürbar: Hitzewellen, Trockenperioden, Starkregen, immer mehr Schädlinge und unsichere Ernten. Klimatische Extremereignisse wie Dürren, Hitzephasen und sogenannte Omega-Wetterlagen verstärken die ohnehin bestehenden Risiken in der Branche. Und die bürokratischen Auflagen sind das stille Gewitter, das von Jahr zu Jahr an Bedeutung zunimmt und Planbarkeit erschwert. 

Leidend und effizient

Selbst wer auf nüchterne Fakten blickt, sieht gleichzeitig eine leidende Branche und eine, die an Effizienz enorm zugelegt hat: Vor 75 Jahren hat ein Bauer statistisch betrachtet zehn Menschen ernährt, heute sind es rund 150. Im Jahr 2023 gab es hierzulande 255.000 landwirtschaftliche Betriebe, 2000 waren es mit 458.400 noch fast doppelt so viele, während die insgesamt genutzte landwirtschaftliche Fläche unverändert blieb. Weniger Betriebe bewirtschaften also immer größere Flächen. Wachsende Betriebe übernehmen typischerweise freigewordene Flächen und weiten ihre Produktion aus; andere Betriebe führen den Betrieb im Nebenerwerb fort oder verlagern ihren Schwerpunkt. 2023 waren in Deutschland rund 876.000 Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, 62.000 weniger als 2020. 

Größe und Spezialisierung sind eine Notwendigkeit, aber kein Patentrezept und schon gar nicht einfach. Die Risiken steigen und für so manchen Betrieb wird es dadurch schwieriger, selbstständig Kunden zu erreichen und eine gleichmäßige Versorgung sicherzustellen. Die Bedeutung von Zwischenhändlern nimmt genauso zu wie andere Abhängigkeiten. „Die moderne Landwirtschaft ist keine idyllische Vorstellung von Landleben. Sie ist eine hochkomplexe Branche mit hohem Innovationsdruck, enormen Anforderungen und einem wachsenden Maß an Bürokratie“, schreiben die Zwillingsschwestern Pia und Kim Münster in ihrem Buch „Erde, Arbeit, Leidenschaft“.  

Heute brauche es andere Fähigkeiten. „Als Betriebsleiter oder Betriebsleiterin muss man immer den Überblick bewahren, sich konzentrieren und technisch kompetent sein sowie mentale Stärke zeigen“, berichtet Agrarbiologin Pia Münster, die Dutzende Höfe besuchte und Interviews führte. Organisatorisches Wissen ist nötig und Durchhaltewillen. Technologien haben die körperliche Arbeit verringert, aber nicht ersetzt. 

Inzwischen lässt sich zum Beispiel satellitengesteuert der Düngereinsatz auf den Feldern optimieren. Im Milchbetrieb passt eine Anlage das Futter automatisch auf jede Kuh an, das Melken übernehmen Roboteranlagen. Gemüse kann in Gewächshäusern kontrolliert auf Substrat wachsen. 

 

Neue Vertriebswege

Viele Betriebe setzen darauf, ihr Geschäftsmodell zu verbreitern, etwa durch zusätzliche Produkte, neue Vertriebswege oder Dienstleistungen. Ein wichtiger Bestandteil ist die Direktvermarktung: Statt über Genossenschaften, Molker­eien oder Zwischenhändler zu gehen, verkaufen Betriebe ihre Produkte direkt an Endkundinnen und Endkunden – zum Beispiel über Hofläden, Wochenmärkte oder Automaten. Ziel ist es, die Wertschöpfung möglichst lang im Betrieb zu halten, wirtschaftliche Risiken zu streuen und sich an veränderte Markt- und Rahmenbedingungen anzupassen. 

Die Verantwortung, die heutige Landwirtinnen und Landwirte übernehmen, bleibt enorm – häufig gemeinsam mit der Familie und mit Blick auf das gesamte System. Und die Zukunft: Die Perspektiven für die Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland sind unsicher. Ein zentraler Aspekt ist der Zugang zum Betrieb für neue Akteure und die Hofnachfolge. Viele berichten, dass ohne eine Landwirtschaftsfamilie im Hintergrund der Einstieg praktisch nicht möglich ist. Wenn sich innerhalb der Familie niemand findet, wird es schwer. Es gibt kaum Quereinsteiger, allein schon, weil das benötigte Startkapital im Verhältnis riesig ist. 

Junge Nachfolgerinnen und Nachfolger müssen heute sowohl lernen, Verantwortung zu übernehmen, als auch delegieren zu können, ohne dabei den Betrieb aus dem Blick zu verlieren. Was dabei den Mut sinken lässt, ist das geringere Maß an Vertrauen und Wertschätzung, das Politik und Gesellschaft dem Berufsstand entgegenbringen. Was dagegen steht? „Es ist die Leidenschaft und die Familie. Für viele ist sie ein Motivator, in der Landwirtschaft zu arbeiten“, schreiben Pia und Kim Münster. „Familie und der Beruf sind wohl bei keinem anderen Beruf so eng verknüpft.“

Kurzer Blick in die Geschcihte: Ackerbau und Viehzucht

  • Um 8000 v. Chr.: Seit die Menschheit vor rund 10.000 Jahren ihre Zeit als Jäger und Sammler hinter sich ließ und sesshaft wurde, hat die Geschichte der Landwirtschaft die Geschichte unserer Zivilisation geprägt. 
  • 1647: Ein neues Produkt verändert den Anbau. Erstmals pflanzen Bauern Kartoffeln auf ihren Feldern bei Pilgramsreuth in Bayern. Zuvor ist die Knolle aus Südamerika nur als Zierpflanze in Klöstern und an den Höfen der Adeligen gewachsen. Den großen Schub bekommt sie, als Friedrich der Große in Preußen den Anbau im großen Stil befiehlt. 
  • 1807: Kaum ein Ereignis hat das Leben und den Status von Landwirten stärker verändert als die Bauernbefreiung 1807, als in Preußen die bäuerliche Leibeigenschaft aufgehoben wurde. Bauern können seitdem frei über ihr Leben entscheiden und eigenes Land ­erwerben. Die Bewirtschaftung wurde wenige Jahrzehnte später fundamental einfacher, als Justus von Liebig die Grundlagen für die Erfindung des Mineraldüngers legte. 
  • Um 1925: Vor 100 Jahren lebte die Mehrheit der Menschen auf dem Land und der Hof bildete das Zentrum ihres gesamten Lebens. Der Zusammenhalt der Familie und eine klare Rollenverteilung waren die Grundlage des Überlebens. So unverzichtbar die Rolle der Bauern damals war, politisch und gesellschaftlich gewürdigt wurde sie öffentlich kaum. 
  • Um 1975: Vor 50 Jahren steckte die Landwirtschaft in einem großen Umbruch bedingt durch neue Technologien wir Trecker oder Melk­maschinen. Die Frauen der Bauern begannen, zusätzlich in anderen Berufen zu arbeiten, damit der Hof über die Runden kam. Kinder profitierten von der Schulpflicht. Beides führte dazu, dass Arbeitskräfte fehlten. 
  • Die Zukunft: Zum einen bringt der Klimawandel große Probleme mit sich, zum anderen können Bauern Solar- und Windkraftanlagen auf ihren Flächen installieren und zusätzliche Erlöse erzielen. Die Aussichten, mit regionaler Erzeugung noch stärker bei Konsumenten zu punkten, sind gut. Entscheidend wird sein, wie es mit der Bürokratie weiter geht – auch bei der Umstellung zu Bio-Höfen. 

 

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