Dienstag, 08.10.2013
Zukunftsmärkte
Geplantes Freihandelsabkommen EU-USA schafft Marktchancen

Bis zu zwei Drittel mehr USA-Export durch Freihandelsabkommen

Das geplante transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) weckt Hoffnungen für deutsche Mittelständler. Über 150.000 neue Stellen sollen entstehen, der Export würde durch den Abbau der Handelsbarrieren in einigen Branchen deutlich zunehmen. Vor allem Unternehmen in Bayern, Baden-Württemberg und NRW profitieren.

Auch wenn die für diese Woche geplanten Verhandlungen zum transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) wegen des Shutdowns der US-Regierung vorerst verschoben wurden, lassen die Aussichten eines solchen Abkommens auch das Herz des deutschen Mittelstands höher schlagen. Bislang wurden ja vor allem die USA als Hauptprofiteur des Freihandelsabkommens genannt. Aber auch nahezu alle Branchen in Deutschland würden vom Abbau der Handelsbarrieren im Rahmen des TTIP profitieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine zweite Studie der Bertelsmann Stiftung zum geplanten Freihandelsabkommen.

Freihandel: Über die Hälfte mehr Exporte in der Metallbranche

Schon die erste Studie bescheinigte Deutschland ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 4,7 Prozent und 181.000 neuen Arbeitsplätze. In der zweiten Studie untersuchte sie nun die Wirkung des Freihandelsabkommens auf einzelne Branchen. Sie hebt hervor, dass nicht nur große Unternehmen in Deutschland, sondern auch der Mittelstand positive Wachstumseffekte erwarten könne.

Vor allem das deutsche Nahrungsmittelgewerbe, die Metallerzeugung und Metallbearbeitung sowie der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft können mit substanziellen Export-Zuwächsen in die USA rechnen, so die Studie. In der Nahrungsmittel- und Tabakindustrie wird ein Export-Zuwachs von 65,9 Prozent erwartet, in der Metallerzeugung und Metallbearbeitung 52,7 Prozent, und in der Land- und Forstwirtschaft inklusive Fischerei 47,4 Prozent. Die Branche der Möbelhersteller darf bei Abbau nicht tarifärer Hemmnisse mit Handelszuwächsen von 40 Prozent rechnen. Für die Chemiebranche ebenso wie für die Branche zur Herstellung von Möbeln liegen die zu erwartenden Zuwächse im Export bei 20 bis 26 Prozent.

Auch Nicht-Export-orientierte Sektoren profitieren

Die USA liegt heute schon bei Export-orientierten Unternehmen hoch im Kurs. Laut Bertelsmann Stiftung würden von einer transatlantischen Freihandelszone sowohl Export-, als auch Nicht-Export-orientierte Sektoren profitieren. Dies wird vor allem in den Beschäftigungszahlen offenbar. Die Studie rechnet mit 160.000 neu geschaffenen Stellen, gegenüber der ersten Studie also ein leicht nach unten korrigierter Wert. Davon entstehen 75.000 als indirekte Folge intersektoraler Verflechtungen im Dienstleistungssektor. Hier werden vor allem Dienstleistungen des Kraftfahrzeughandels und Reparaturdienstleistungen hinzugewinnen. Im produzierenden Gewerbe werden die höchsten Beschäftigungszuwächse im Bereich der Elektrotechnik sowie in der Metallerzeugung und -verarbeitung erwartet. Hier könnten 20.000 bis 25.000 neue Stellen entstehen.

Bayern, Baden-Württemberg und NRW Freihandel-Sieger

Der Vergleich der Handels- und Beschäftigungszuwächse der einzelnen Bundesländer zeigt, dass landesweit positive Wirtschaftsimpulse durch das Abkommen wirken können. Vor allem jedoch können Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg, die traditionell Export-starke produzierende Unternehmen beheimaten, mit einem Wertschöpfungseffekt von 4,5 Milliarden Euro rechnen. Das sind 60 Prozent der gesamtdeutsch erwarteten Wertschöpfungssteigerung. In Nordrhein-Westfalen könnten bis zu 21.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, in Baden-Württemberg 20.000 und in Bayern 19.500.

Der Vorstandschef der Bertelsmann Stiftung, Aart De Geus, weist jedoch darauf hin, dass der Schutz von Arbeitnehmern und Verbrauchern nicht unter einem Freihandelsabkommen leiden dürfe. Zudem müssten auch kleinere Betriebe und niedrigere Einkommensgruppen von dem Abkommen zwischen USA und der EU profitieren. Nur so könne Akzeptanz für eine derartige Freihandelszone erzeugt werden. Laut Studie besteht durch die Schaffung einer transatlantischen Freihandelszone jedoch nur ein geringes Risiko für eine stärkere Lohnungleichheit. Geringqualifizierte können sogar mit einem höheren Gehaltszuwachs rechnen als Mittel- und Hochqualifizierte. Das liegt vor allem an der von einem Freihandelsabkommen stärkeren Betroffenheit der Branchen, die traditionell höhere Beschäftigungsquoten für Geringqualifizierte haben. Die Reallohnsteigerung wird für Geringqualifizierte auf 0,9 Prozent geschätzt, für Mittelqualifizierte auf 0,7 und für Hochqualifizierte auf 0,6 Prozent.

Deutscher Mittelstand besser aufgestellt

Ulrich Schoof, Referent für internationale Wirtschaft bei der Bertelsmann Stiftung, betont, dass nun auch das Verhandlungsgeschick der Europäer gefragt sei. „Der Mittelstand profitiert vor allem dann, wenn auch nicht-tarifäre Hemmnisse fallen und sich das Freihandelsabkommen nicht nur als reine Zollunion gestaltet.“ Wenngleich es viele sensible Bereiche wie Lebensmittelproduktion gebe, bei denen berechtigte Zweifel an gemeinsamen Standards bestehen, so können Branchen wie der Maschinenbau davon maßgeblich profitieren. Bislang zeitaufwendige Genehmigungsverfahren könnten durch gemeinsame Standards maßgeblich verkürzt werden. Das Risiko einer verschärften Konkurrenzsituation besteht nach Einschätzung von Schoof nicht. „Der deutsche Mittelstand, vor allem im Bereich Maschinenbau, ist besser aufgestellt als mittelständische Unternehmen in den USA.“ Die deutschen Firmen würden daher vom Wegfall der Handelskosten vor allem profitieren.

Sieger Bayern, Baden-Württemberg und NRWDas Freihandelsabkommen zwischen EU und USA würde sich besonders positiv auf die industriestarken Bundesländer auswirken. Quelle: Ifo Institut / Bertelsmann StiftungIn der Metallerzeugung locken knapp 19.000 neue JobsAuch der direkte Effekt des Freihandelsabkommens auf die Beschäftigungsverhältnisse sieht die Elektrotechnik als Hauptnutznießer. Metallerzeugung und -bearbeitung liegt auf Platz zwei. Quelle: Ifo Institut / Bertelsmann StiftungFreihandels-Effekte in den BundesländernZuwachs an neuen Jobs in NRW am höchsten, bei der daraus erzielten Wertschöpfung liegt jedoch Bayern vorne. Quelle: Ifo Institut / Bertelsmann StiftungElektrotechnik Hauptprofiteur vom FreihandelsabkommenDer direkte Wertschöpfungseffekt des TTIP-Freihandelsabkommens auf die einzelnen Branchen zeigt deutliche Unterschiede. Quelle: Ifo Institut / Bertelsmann Stiftung

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