China dominiert, die USA taktieren – und Europa?
| Midia Nuri | Lesezeit: 2 Min.
Europa verliert geopolitische Souveränität, weil Kapitalmärkte, Innovation und Risikobereitschaft im Vergleich zu China und den USA zurückfallen.
von Midia Nuri für Markt und Mittelstand / Frankfurt Finance & Future Summit
Geopolitisch hängt viel von Rohstoffen ab. Das zeigt sich gerade in diesen Tagen verschärft, weil China die Ausfuhr von Seltenen Erden einschränkt, die etwa in der Automobil-Halbleiterindustrie dringend benötigt werden. „Bei den Seltenen Erden ist das Problem nicht, dass wir nicht drüber verfügen“, sagt Ex-Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping auf dem Frankfurt Finance & Future Summit der WEIMER MEDIA GROUP. „Die Verfahrenstechnologien fehlen“, stellt er fest.
„China denkt in integrierten Wertschöpfungsketten.“ Das Land kopiere mit „Made in China“ sogar „Made in Germany“, stellt Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt, fest. „Bekannt ist das seit einer ersten Veröffentlichung 2013“, erinnert Scharping. „Da stand alles drin – Technologieführerschaft, Resilienz – das wird kommen und ich rate, das alles sehr ernst zu nehmen.“
Doch bislang ignorierten es die meisten, beobachtet Ansgar Baums, Senior Advisor bei der Beratungsgesellschaft Sinolytics. Er nennt das ein graues Nashorn in Anlehnung an den schwarzen Schwan – ein Ereignis, das niemand habe kommen sehen. „Ein graues Nashorn ist vorher zu sehen und trotzdem wird es ignoriert“, sagt Baums.
China sei derzeit für Unternehmen berechenbarer als die USA, ist der Berater überzeugt. Und Firmen müssen seiner Ansicht nach dort präsent sein. „Unternehmen sollten in China bleiben, um Teil von Chinas Technologieentwicklung zu sein – Automatisierung, Internet of things, alles Made in China“, hält der Geopolitik-Risikoberater fest.
Nicht nur in der Technologie bleibe China wichtig, sagt Peter Naumann, Mitglied der Geschäftsführung von Sanofi-Aventis Deutschland. Ein Großteil der pharmazeutischen Wirkstoffe komme aus dem Land. Mit den entsprechenden Abhängigkeiten, was sich während der Corona-Zeit bemerkbar machte.
Trotz der Veränderungen in den USA „bleiben sie als Absatzmarkt interessant. Die zahlen den zwei- bis vierfachen Preis für Medikamente“, sagt Naumann. „Ein Viertel des deutschen Exports geht in die USA.“ Grundsätzlich gilt für ihn: „Wir müssen in alle Teile der Welt schauen.“ Geopolitisch aus seiner Sicht am wichtigsten ist, in Szenarien zu denken.
Bei den USA und deren machiavellistischer Politik falle das vor allem der EU schwer, stellt Baums fest. „Die kann nur technokratisches Policymaking.“ Aber gerade das posttechnokratische mache die Lage so ungewöhnlich. „Und auch für Unternehmen praktisch unmöglich mitzuarbeiten.“
Dass sich Investition auch und gerade in schwieriger Lage besonders auszahlen kann, erfährt Messe-Frankfurt-Geschäftsführer Braun gerade. Noch zu Zeiten von US-Präsident Joe Biden hat sein Unternehmen das bislang größte Investitionsprogramm für die USA aufgelegt und bietet nun Plattformen in und um die USA herum für die Textilbranche an. „Hätten wir das nicht getan, hätten wir Zölle von 100 Prozent auf Textilien“, sagt er. „Die Profite wären über Nacht verloren gewesen.“
Nach Zahlen des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Paul Krugman sind wir bei Zölle auf dem weltweiten Niveau von 1934 angekommen, Scharping bemerkt. „Wir sind gerade Zeitzeugen und Betroffene eines fundamentalen Wandels.“ Die Zahl sei eine Botschaft und „hoffentlich keine Prognose“, sagt er. Die Frage sei, ob wir mehr als Zeitzeugen sein wollten. „Gestalter etwa?“ fragt der ehemalige Verteidigungsminister. „Menschen und Nationen, die ihr Schicksal stärker in die Hand nehmen, als es scheint.“
Dabei sei auch entscheidend, wer von oben aufs Geschehen schaue, ist Scharping überzeugt. Während Russland pro Jahr 35 Raketen mit Satelliten in den Weltraum gebracht habe, seien es in den USA 29 gewesen. „2025 dann allein 72 Raketen von SpaceX“, sagt Scharping. Das kostet.
Souveränität hat mit Geld zu tun. „Wir haben kein Problem mit Regulierung und Bürokratie“, ist Baums überzeugt. „Wir haben ein Shareholder-Capitalism-Problem in Europa.“ Um das zu verdeutlichen, richtet er den Blick nach außen. „In China kümmern sich Investoren die ersten fünf Jahre lang nicht um Zahlen“, sagt Baums. In den USA sei es ähnlich.
„Mit den Kapitalgesellschaften haben sie eine Lösung gefunden, wie Venture Capital-Gesellschaften fünf Jahre lang Kapital rausballern können“, während Unternehmen hier jedes Quartal auf die Zahlen guckten und durch Anteilseigner abgestraft würden. „Da fällt es schwer, in mehr als nur inkrementelle Innovationen zu investieren.“ Bahnbrechend Neues könne dabei kaum herauskommen. Solange da nicht die Wende komme, „können wir soviel Bürokratie und Regulierung abbauen, wie wir wollen. Wir werden nicht mehr Innovation schaffen“, ist Baums überzeugt und erwähnt noch: „Auch die USA und China sind bürokratische Systeme.“
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