Mittwoch, 11.05.2016
Seit Mai gilt auch für Dienstleistungen im Baugewerbe in China die Mehrwertsteuer.

Bildquelle: 06photo/Thinkstock/Getty Images

Seit Mai gilt auch für Dienstleistungen im Baugewerbe in China die Mehrwertsteuer.

Zukunftsmärkte
Weitreichende Steuerreform

China: Mehrwertsteuer vergünstigt das Geschäft

Unter der Mehrwertsteuer können Firmen in China Vorsteuern absetzen. Das dürfte dem Dienstleistungssektor neuen Schwung verleihen, birgt allerdings auch Gefahren.

Die Mehrwertsteuer in China macht für einige Dienstleistungsbranchen das Geschäft günstiger. Dadurch, dass Vorsteuer abzugsfähig ist, sparen Firmen potentiell viel Geld. „Das Problem der zuvor geltenden Geschäftssteuer war, dass Vorsteuern nicht abgezogen werden konnten. Häufig kam es daher zu Doppelbesteuerungen“, erklärt Sandra Heep, Expertin für Wirtschaftspolitik am Mercator Institute for China Studies (Merics). Seit Mai ist diese Gefahr nun für alle Branchen gebannt.

Für die steuerzahlenden Firmen ergeben sich dadurch hohe Einsparungspotentiale. Experten rechnen mit Gesamt-Einsparungen von mehreren Milliarden Renminbi im laufenden Jahr. Die chinesische Regierung hofft durch die Steuerreform andererseits, die Steuermoral zu erhöhen.

„Bis dato waren viele kleinere chinesische Firmen nicht sehr gewissenhaft beim Zahlen von Steuern“, meint Sandra Heep. „Aber wenn sie nun absetzen wollen, was sie an Vorsteuern bereits gezahlt haben, müssen sie alles angeben und viel umfangreichere Belege einreichen.“

Mehrwertsteuer gibt Dienstleistungssektor Schwung

Die Einführung der Mehrwertsteuer ist keine neue Entwicklung. Das produzierende Gewerbe zahlt in China bereits seit 1994 Mehrwertsteuer, 2012 hat Chinas Regierung begonnen, nach und nach auch Dienstleistungsbranchen in ihrer Besteuerung umzustellen.

Anfang Mai nun wurde zu guter Letzt die Mehrwertsteuer für Konsumentendienstleistungen sowie für Dienstleistungen in den Bereichen Bau, Immobilien und Finanzen eingeführt. Die Geschäftssteuer, die Business Tax, ist damit vollständig ersetzt.

Damit ist das Ungleichgewicht zwischen Industrie und dem Dienstleistungssektor aufgehoben, das in der Übergangsphase bestand. Der Ausgleich ist unter anderem Zeugnis der Verschiebung des wirtschaftspolitischen Fokus in China. Angesichts schwächerer Wachstumszahlen und hoher Überkapazitäten in der Industrie möchte die chinesische Regierung Dienstleistungsbranchen stärken. „Die Steuerreform verkauft Chinas Regierung daher als Stimulus-Maßnahme“, erläutert China-Expertin Heep.

Zentralisierung der Steuereinnahmen verändert Projektvergabe

Für das wirtschaftliche Umfeld Chinas hat die VAT jedoch auch Nachteile. Denn sie vollzieht eine weitere Zentralisierung, die zulasten der schnellen Auftragsvergabe geht. „Während die Einnahmen aus der Geschäftssteuer an die Lokalregierungen gingen, fließen die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer zu drei Vierteln in die Kassen der chinesischen Zentralregierung“, sagt Heep.

Damit einher geht auch eine Restrukturierung der Ausgabenverteilung. Lange Zeit haben die Lokalregierungen etwa Bildung und Infrastrukturbau finanziert und Projekte in diesen Bereichen vergeben. Nun zeichnet sich ab, dass diese Aufgaben immer mehr in die Hand von Chinas Zentralregierung wandern.

„Die Tendenz zur Zentralisierung unter der Führung Xi Jinpings zeichnet sich damit auch im Steuersystem deutlich ab“, meint Sandra Heep. Problematisch sei diese generelle Entwicklung, weil sie die Experimentierfreude auf lokaler Ebene untergrabe und damit die Fähigkeit zur kreativen Lösung wirtschaftspolitischer Probleme schwäche, so die Expertin. Ausländische Projektzulieferer in betroffenen Bereichen müssen sich möglicherweise neu aufstellen.