Freitag, 09.02.2018

Foto: Anup Shah/Thinkstock/Getty Images

Gemeinsam statt alleine: Zusammen können mittelständische Unternehmen Herausforderungen besser bewältigen – und sie sind innovativer.

Zukunftsmärkte
Regionale Kooperationen

Cluster-Unternehmen sind innovativer und widerstandsfähiger

In Deutschland gibt es rund 500 Cluster. Für Unternehmen, die sich in ihrer Region und Branche zusammentun, hat das viele Vorteile und es bringt Synergien – gerade für Mittelständler. Denn nicht jeder muss alles selbst machen.

Bevor sich Roland Mandler 1985 mit einem eigenen Unternehmen selbständig machte, war er Entwicklungsleiter bei Loh (später Satisloh), einem Hersteller für Optikmaschinen in der Nähe von Wetzlar. Das neue Unternehmen namens Optotech siedelte sich in Wettenberg an, nur wenige Kilometer von Mandlers alter Arbeitsstätte entfernt. Dank der Entwicklung der ersten Synchrospeed-Poliermaschinen legte das Unternehmen ein rasantes Wachstum hin.

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Der Groll des ehemaligen Arbeitgebers, dass ihm ein ehemaliger Angestellter vor der eigenen Nase die Butter vom Brot nehmen wollte, hielt sich freilich in Grenzen. Und schließlich passierte Mandler dasselbe: Einer seiner Entwickler, Gunter Schneider, kündigte gründete ebenfalls eine eigene Firma, auch für Optikmaschinen und auch ganz in der Nähe. Diese Konzentration ist extrem – sorgte aber gleichzeitig für einen sehr hohen Innovationsgrad. Denn auch auf engem Raum belebt Konkurrenz das Geschäft. Heute setzen Satisloh, Optotech und Schneider zusammen mehr als 200 Millionen Euro um und kontrollieren den globalen Markt: 90 Prozent aller verkauften Maschinen für sogenannte freeform Brillengläser aus Kunststoff und Hochtechnologiemaschinen für Präzisionsoptik kommen heute aus der Umgebung von Wetzlar.

Wolfgang Bechtold ist Geschäftsführer von Bechtold & Sohn.

Die drei Unternehmen haben sich mit rund 70 anderen Firmen aus den Branchen Optik, Feinmechanik und Mechatronik zum „Wetzlar Network“ zusammengetan. Allgemeine Themen wie Ausbildung, Forschung und Marketing, die in ihren grundsätzlichen Ausprägungen für alle relevant sind, werden gemeinsam gelöst. Neben Branchengrößen wie Leica oder Zeiss gehören vor allem Mittelständler zu dem losen Firmenverbund. Cluster heißt dieser Trend, dem immer mehr Unternehmen folgen.

Während einige wie das Luftfahrtcluster „Hamburg Aviation“, das „Silicon Saxony“ der Halbleiterindustrie rund um Dresden oder das Medizintechnik-Cluster Tuttlingen international hervorstechen, gibt es deutschlandweit auch viele kleine Netzwerke. Rund 500 solcher Branchenballungen sind in der Datenbank Clusterplattform.de genannt, die meisten davon in Süd- und Westdeutschland. Immer wieder formieren sich auch neue Cluster: Im Odenwald entsteht derzeit das „Home of Kunststoff und Kautschuk“, eine Kooperation von rund 50 Unternehmen aus der kunststoffverarbeitenden Industrie der Region.

Für die Unternehmen gibt es gute Gründe, sich einem Branchennetzwerk anzuschließen: „Wir haben festgestellt, dass Clusterunternehmen besser durch Wirtschaftskrisen kommen als andere“, sagt Christian Ketels, der an der Harvard Business School in Boston über Cluster und Innovation forscht. Eine Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie bestätigt dieses Ergebnis für Deutschland: Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen, die zu einem Cluster gehören, gab an, dass sie wirtschaftlich besser dastünden als der Durchschnitt ihrer Branche. 5 Prozent ging es sogar deutlich besser. Der Grund: „In einem Cluster sind die Unternehmen flexibler, dringen eher auf neue Märkte oder in andere Branchen vor und entwickeln schneller neue Perspektiven“, erklärt Ketels.

Odenwald weist typische Cluster-Merkmale auf

„Durch die kurzen Entfernungen kennt man sich. Das erleichtert die Lösung von Problemen. Im Odenwald helfen wir uns gegenseitig mit Material und Aufträgen oder leihen uns auch schon mal Facharbeiter untereinander aus“, sagt Wolfgang Bechtold, geschäftsführender Gesellschafter von Bechtold & Sohn. Das Unternehmen mit rund 85 Mitarbeitern stellt hochwertige Kunststoffprodukte unter anderem für die Automobil- und Medizintechnikindustrie her – und es produziert seit 1885 im Odenwald. Bisher nicht unbedingt ein idealer Standort.

Foto: Pneumobil

Christian Mühlhäuser ist Geschäftsführer von Pneumobil.

Die hessische Landesregierung hat die Region beim Straßenbau jahrzehntelang ignoriert. Zudem hatte der Odenwald bislang kein echtes Wirtschaftsprofil: Für die Menschen aus der Metropolregion Rhein-Main ist das Mittelgebirge vor allem ein Naherholungsgebiet. Für die meisten Unternehmen liegt der Odenwald irgendwo im Nirgendwo. In einem Prognos-Ranking der attraktivsten Wirtschaftsstandorte landete der Odenwaldkreis im letzten Viertel. Sogar aus dem nahe gelegenen Frankfurt am Main verirren sich nur wenige beruflich in diese Ecke. Nichtsdestotrotz weist die Region viele Clustermerkmale auf: „Die Hälfte aller Unternehmen im Odenwaldkreis kommt aus der Branche Maschinenbau und Technik. Und annähernd 60 Prozent aller Arbeitsplätze sind in der Industrie angesiedelt“, referiert Christian Mühlhäuser, ehrenamtlicher Vorstand der Industrievereinigung Odenwald und Geschäftsführer der Pirelli-Tochter Pneumobil.

Mit dem „Home of Kunststoff und Kautschuk“ will er eine neue Standortmarke mit überregionaler Aufmerksamkeit schaffen. Um den Ausbau der Infrastruktur und eine bessere Straßenanbindung will Mühlhäuser ebenfalls kämpfen – und natürlich um Fördergelder. Damit ein dynamischer Regionalcluster entsteht, nehme man folgende Zutaten: geographische Nähe, einen hohen Spezialisierungsgrad und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit – auch mit vermeintlichen Konkurrenten. Eine weitere Zutat ist die ausreichende Anzahl von unterschiedlich großen Unternehmen. Und um das Ganze zum Fliegen zu bringen: Forschung. „Hochschulen sind eine wichtige Keimzelle für einen Cluster“, sagt Tobias Koch, Standortexperte beim Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos.

Lieferanten ganz in der Nähe

Foto: Minox

Thorsten Kortemeier ist Geschäftsführer von Minox.

Anfang der neunziger Jahre gab es erste staatliche Förderprogramme, die Cluster unterstützten. Durch die Vernetzung von Unternehmen, Hochschulen sowie Forschungs- und Bildungseinrichtungen sollte die Wertschöpfung entlang des Produktionsprozesses steigen, und die Bündelung von Kräften sollte Synergien heben. Von dieser Grundannahme profitieren mittelständische Unternehmen besonders bei der Kundengewinnung, im Einkauf und bei der Entwicklung.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg war unser erster Kunde aus der Pharmabranche eine Firma aus Bensheim-Auerbach, rund 50 Kilometer entfernt“, erzählt Wolfgang Bechtold. Noch heute spielt der persönliche Kontakt eine wichtige Rolle beim Abschließen von Geschäften: „Bei Betriebsbesichtigungen oder Vorträgen kommt man mit anderen Unternehmern aus der Umgebung in Kontakt. Wenn dann ein konkretes Projekt ansteht, rufe ich den passenden an und frage, ob wir das zusammen machen können“, sagt der Kunststofffabrikant. Sein größter Kunde ist heute der Reifenhersteller Dunlop aus Hanau, rund eine Autostunde entfernt. Ein weiterer Vorteil der kurzen Wege: Es fallen so gut wie keine Transportkosten an.

Thorsten Kortemeier ist sogar direkt vor seiner Haustür fündig geworden. Er nutzt das „Wetzlar Network“ vor allem, wenn es um die Beschaffung geht: „Ich habe einen Zulieferer gefunden, der keine 800 Meter von uns entfernt ist. Den hatten wir bis dahin gar nicht auf dem Radar“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter von Minox. Zudem habe er eine Spezialfirma entdeckt, die über das Know-how verfüge, Linsen zu beschichten. Wie hoch die tatsächlichen Synergien und Einsparungen dank der Cluster sind, beziffern die Unternehmen nicht. Es sind vor allem gefühlte Vorteile, also weiche Standortfaktoren. Einzeln betrachtet, machen sie sich kaum bemerkbar, aber in der Summe bringen sie einiges. „Wettbewerber vor Ort sorgen für einen hohen Innovationsgrad“, weiß Prognos-Experte Tobias Koch, „und wo es Cluster gibt, siedeln sich auch oft spezialisierte Dienstleister an, die alle Unternehmen aus dem Netzwerk bedarfsorientiert unterstützen.“

Mal Konkurrent, mal Kumpel

Einen spürbaren Benefit haben Cluster bei der Bekämpfung des größten Problems im Mittelstand: dem Fachkräftemangel. Weil ein attraktives Arbeitsplatzangebot längst nicht mehr ausreicht, soll der Fachkräftenachwuchs schon möglichst früh an die Unternehmen und die Region gebunden werden. „Unser Ziel ist es, den Odenwald als Studienort für den Bereich Kunststoff und Kautschuk zu etablieren“, sagt Christian Mühlhäuser. Die Idee ist aus der Not geboren: Eine interne IWK-Studie hatte ergeben, dass es in der Region 2022 mehr offene Stellen als verfügbare Fachkräfte geben werde – der prognostizierte Mangel würde einer der höchsten in Hessen sein.

Auch das „Wetzlar Network“ treibt diese Idee voran: Noch in diesem Jahr soll der Studiengang Optik/Optisch Technologien in Kooperation mit der Technischen Hochschule Mittelhessen an den Start gehen. Zwölf Unternehmen, darunter auch Minox und Optotech, finanzieren einen Lehrstuhl in den kommenden fünf Jahren mit insgesamt 900.000 Euro. Als Stiftungsprofessor konnte Markus Degünther von Carl Zeiss in Oberkochen gewonnen werden. Vorteile bietet ein Cluster auch, wenn das eigene Unternehmen für aufwendige Forschung zu klein ist. „Das Engagement in einer gemeinsamen Initiative bietet Möglichkeiten, die für Mittelständer einzeln nicht in Frage kommen würden“, sagt Christian Ketels von der Harvard Business School.

Dazu zählt etwa die Kooperation mit einer ausländischen Forschungseinrichtung. So beteiligt sich das „Wetzlar Network“ an der Entwicklung des stärksten Lasers der Welt: Das Projekt „Extreme Light Infrastructure“ (ELI) ist eine Forschungskooperation von drei osteuropäischen Universitäten und wird von der EU und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Noch 2018 soll ELI seine Forschungsarbeit aufnehmen, dann werden auch deutsche Mittelständler in der ersten Reihe stehen. „Jedes Unternehmen, das sich beteiligt, erhält die Forschungsergebnisse und kann diese für sich weiter nutzen“, erklärt Thorsten Kortemeier, der auch Sprecher des Wetzlarer Clusters ist. Darüber, ob und was von dem gemeinsam Erarbeiteten in die eigenen Produkte oder Projekte einfließe, entscheide aber jedes Unternehmen selbst.

Stellt sich noch die Frage nach der Konkurrenz untereinander. Die Odenwälder Kunststoffverarbeiter kommen sich nur selten in die Quere, weil sie unterschiedliche Kunden bedienen – man betrachtet sich eher als Kumpel und hilft sich untereinander. In Wetzlar sieht man sich eher als Konkurrenten: „Den Wettbewerb untereinander kann ein Cluster nicht verhindern. Soll es aber auch nicht“, sagt Thorsten Kortemeier (jetzt wieder als Minox-Geschäftsführer). „Aber wissen Sie: Nur weil ich mit den anderen am Tische sitze, muss ich denen noch lange nicht verraten, an welchen Innovationen ich gerade arbeite.“

Info

Cluster finden, mitmachen, profitieren

Clustersuche:
Es gibt keinen Dachverband, in dem sich alle Cluster zusammengeschlossen haben. Einen Überblick über alle existierenden Branchenballungen bietet die Clusterplattform Deutschland (clusterplattform.de) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie sowie der Fachbehörde für Bildung und Forschung. Darüber hinaus betreibt auch jedes Bundesland seine eigene Plattform für Cluster, die Auskunft über die jeweilige Clusterpolitik, Branchen und Fördermöglichkeiten gibt. Einzelne Städte wie Darmstadt, Freiburg oder Wetzlar informieren auch auf ihren Webseiten über entsprechende Angebote.

Teilnahme und Mitgliederbeiträge:

Grundsätzlich kann sich jedes Unternehmen einem Cluster anschließen, dafür muss es in der Regel ein bestimmtes Branchenprofil aufweisen. Manche Netzwerke nehmen trotz eines regionalen Schwerpunkts auch bundesweit Mitglieder auf. Einfach anfragen! Die Mitgliederbeiträge legt jeder Cluster individuell fest; sie hängen ab von der Unternehmensgröße und der Mitgliedsart.

Veranstaltungen und Messen:
Das Angebot von Vorträgen, Betriebsbesichtigungen, Fachvorträgen oder Diskussionsrunden ist von der Größe und dem Engagement des jeweiligen Clustermanagements abhängig. Die meisten davon richten sich aber an die Mitglieder vor Ort. Viele Cluster veranstalten eigene Job- oder Ausbildungsmessen, oft in Kooperation mit Hochschulen. Bei manchen Veranstaltungen können auch externe Unternehmen einen Stand buchen und sich dort präsentieren; das ist dann natürlich gebührenpflichtig.