Mittwoch, 22.01.2014
Zukunftsmärkte
Fussball-WM und Präsidentschaftswahlen

Custo Brasil: Kommen 2014 in Brasilien neue Impulse?

Brasilien steht in den kommenden Monaten im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Für die Fußball-WM glänzt Vieles neu. Zu schaffen macht den Unternehmen allerdings der alte Custo Brasil.

Wenn am 12. Juni in São Paulo das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Brasilien und Kroatien angepfiffen wird, richten sich alle – zumindest fußballinteressierten – Augen auf die sechsgrößte Volkswirtschaft der Welt. Auch wenn sich das Land dann von seiner Schokoladenseite zeigen wird – die bestehenden wirtschaftlichen Probleme bekommt Brasilien allerdings kaum in den Griff, allen voran der Custo Brasil, die hohen Kosten im Land, die sich in unterschiedlichen Facetten ausdrücken.

Custo Brasil: 50 km LKW-Stau

Carsten Voß Hansgrohe

Carsten Voß, Sales Director Lateinamerika bei Hansgrohe.

Am meisten zu schaffen macht den Unternehmen vor Ort der schlechte Zustand der Infrastruktur im Land. Zwar wurden bis 2016 Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur, namentlich in den Ausbau der Häfen, Flughäfen, Autobahnen und Eisenbahnstrecken angekündigt, doch davon merken deutsche Mittelständler vor Ort noch nichts. „Die LKWs stauen sich im Hafen von Santos manchmal über 50 Kilometer“, sagt Carsten Voß, Sales Director für Lateinamerika bei Hansgrohe. Aus diesem Grund weicht das Unternehmen bei Importen aus Europa schon gerne auf einen Hafen weiter im Norden des Landes, etwa nach Vitória, aus. „Die Regierung schafft es momentan noch nicht, die großen Infrastrukturdefizite in den Griff zu bekommen“, sagt Voß. Der Schiltacher Armaturen- und Brausenhersteller Hansgrohe betreibt seit 2010 eine eigene Niederlassung in São Paulo, von wo aus der Vertrieb im Land gesteuert wird.

Sind die Produkte dann erst einmal im Land, verteuern hohe Zölle und Abgaben den Import noch weiter. „So können Zusatzkosten in der Höhe des Warenwerts entstehen“, erklärt Jana Dotschkal, Regional Analyst Brasilien beim Lateinamerika Verein. Die Steuergesetze unterscheiden sich zudem von Bundesstaat zu Bundesstaat. Auch der Binnentransport ist nicht viel besser. Eine Fahrt von Sao Paulo nach Rio de Janeiro dauert sechs Stunden. Flughäfen sind veraltet, arbeiten ineffizient, und die Flugpreise sind hoch. Die Strecke von São Paulo nach Rio de Janeiro kostet um die 400 Euro, lokale Fluglinien befinden sich in einer Art Monopolstellung.

Hohe Inflation bremst Konsumlaune in Brasilien

Dennoch sieht Voß den Binnenmarkt Brasiliens mit knapp 200 Millionen Einwohnern als einen wichtigen Zukunftsmarkt von Hansgrohe. „Der Markt ist riesig, da nehmen wir vorübergehend höhere Kosten sowie eine noch nicht optimale Infrastruktur in Kauf. Die Brasilianer, vor allem die wachsende Mittelschicht, verfügen über eine hohe Kaufkraft und sind sehr konsumfreudige Menschen.“ Den hohen Lebenshaltungskosten stehen ebenso hohe Löhne gegenüber. Wird dieser Bogen überspannt, kann dies allerdings auch schnell zu Zahlungsausfällen in Brasilien führen. Die Konsumlaune der Brasilianer wird derzeit allerdings durch eine hohe Inflation im Land gebremst, die Ende 2013 bei 5,9 Prozent lag. Die Abwertung der Landeswährung Real zum Dollar betrug 2013 etwa 13 Prozent. Als Folge erhöhte die brasilianische Zentralbank bereits Ende 2013 den Leitzins auf 10 Prozent. Doch damit nicht genug: Bereits Mitte Januar erfolgte eine nochmalige Erhöhung um 0,5 Prozentpunkte. Der Zinssatz der brasilianischen Notenbank liegt nun bei 10,5 Prozent. Erneute Erhöhungen sind nicht ausgeschlossen. Damit soll einer weiteren Verteuerung der Importe entgegen gewirkt werden. „Es ist nicht einfach, sich gegen diese Währungsschwankungen abzusichern“, sagt Voß von Hansgrohe.

Custo Brasil erfordert langen Atem

Dass es mit dem Vertrauen in Brasilien momentan nicht zum Besten bestellt ist, zeigen auch die hohen Devisenabflüsse. Mit 12,3 Milliarden Dollar waren diese im vergangenen Jahr so hoch wie zuletzt vor über 10 Jahren, als 2002 nach der Wahl Luiz Inácio Lula da Silvas zum Präsidenten der Kapitalabfluss auf 13 Milliarden Dollar beziffert wurde. Auch im Doing Business Index 2014 stagniert Brasilien auf Rang 116. Von vorschnellen Rückziehern aus dem Markt hält Voß allerdings wenig. „Wie bei allen Investitionen in Wachstumsmärkte verfolgen wir auch in Brasilien eine langfristige Strategie.“

Messbare Fortschritte in Brasilien gefordert

Im Oktober stehen in Brasilien Präsidentschaftswahlen an. Möchte die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff wiedergewählt werden, muss sie konkrete wirtschaftliche Fortschritte ihres Landes vorweisen. Neben den Ankündigungen der Investitionen in die Infrastruktur ist Brasilien zuletzt auch wieder in Sachen Freihandel des Mercosur mit der EU vorgeprescht, um gegenüber anderen Wachstumsmärkten der Region nicht ins Hintertreffen zu geraten. Auch hier stehen konkrete Ergebnisse allerdings noch aus. Ein aktueller Bericht der Weltbank ortet in den Wahlen im Herbst allerdings eher ein Risiko für die Wirtschaft des Landes, bestünde doch die Gefahr kurzfristiger politischer Programme anstatt langfristiger Maßnahmen.

2022 © Markt und Mittelstand · Alle Rechte vorbehalten.

Der Newsletter für Unternehmer – jeden Donnerstag in Ihr Postfach

NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN