Freitag, 04.01.2019

Foto: KfW-Bildarchiv/auslöser-photographie

Maßarbeit: Zwei Bauarbeiter vermessen mit einem optischen Nivelliergerät eine Baugrube.

Zukunftsmärkte
Belieferung von Hilfsprojekten

Das müssen mittelständische Zulieferer von NGOs beachten

Internationale Nichtregierungsorganisationen setzen auf technisches Equipment von deutschen Mittelständlern. Dabei müssen die Unternehmen oft rigide Vergaberichtlinien erfüllen. Rentiert sich der Aufwand?

Internationale Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind weltweit im Einsatz. Bei der Finanzierung ihrer Hilfsprojekte verlassen sie sich auf Spendengelder – vor allem aus den Industriestaaten. Und sie brauchen regelmäßig das technische Know-how und Equipment von deutschen Mittelständlern, wenn es etwa um Maschinen zum Brunnenbohren, Sanitärinstallationen oder Fahrzeuge für den Transport von Hilfsgütern geht.

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Als Spendengeldempfänger sind NGOs zu einer transparenten Verwendung ihrer Mittel verpflichtet. Dieser Grundsatz steht ebenso in ihren internen Compliance-Richtlinien wie die Absichtserklärung, kostenbewusst zu arbeiten und nach Möglichkeit lokale Strukturen in den Einsatzgebieten zu nutzen und zu fördern. Nicht zuletzt ist die lokale Beschaffung oft wesentlich günstiger und reduziert die Ausgabe von Spendengeldern. „Alles, was vor Ort angeboten wird, kaufen wir auch dort“, berichtet etwa Kirsten Müller, Compliance-Beauftragte von Greenpeace. „Zugleich ist es eine Art der Entwicklungshilfe“, fügt Rudi Tarneden hinzu, Sprecher von Unicef Deutschland. „Ziel ist es, Kompetenzen vor Ort aufzubauen, damit unsere Hilfe immer weniger notwendig wird.“ Auch Oxfam und Ärzte ohne Grenzen (MSF) verfahren so. Zu den Waren, die nach Möglichkeit (und Verfügbarkeit) typischerweise vor Ort gekauft werden, zählen etwa Nahrungsmittel und Kleidung, je nach Einsatzgebiet auch Medikamente. Dabei wird der Einkauf dezentral über die jeweiligen Länderbüros gemanagt, berichtet Tarneden. Eine zentrale Steuerung, etwa von Deutschland aus, wäre zu aufwendig.

Wie Mittelständler im Ausland erfolgreich werden, erfahren Sie in unserem Schwerpunkt „Internationalisierung“.

„Manche technischen Produkte gibt es aber im Ausland nicht“, gibt Jürgen Lüdemann zu bedenken, Leiter der siebenköpfigen Fachgruppe Einkauf bei der Welthungerhilfe in Bonn. Er zählt dazu vor allem Funkgeräte, Baumaschinen für den Straßenbau, Geräte für die Wettervorhersage und gebrauchte Lkw. „Wenn unsere Kollegen im Einsatz einen entsprechenden Bedarf melden, koordinieren wir den Einkauf dieser Hilfsmittel von der Zentrale aus.“ Häufig kämen dann europäische Industrieunternehmen zum Zug.

Sozial und ökologisch nachhaltig

Voraussetzung dafür ist, dass diese Unternehmen und ihre Produkte aus Sicht der NGOs Compliance-konform sind. Denn NGOs möchten Material nicht von Herstellern beziehen, die gegen ihre sozialen und ökologischen Grundsätze verstoßen. „Wir bevorzugen zum Beispiel Geräte, die wenig Energie verbrauchen, langlebig sind und für unterschiedliche Einsätze auf- und umgerüstet werden können“, erklärt Müller von Greenpeace. Außerdem sollten die Lieferanten die Grundprinzipien der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) einhalten. Unicef schließt in seinen Lieferantenvoraussetzungen die Zusammenarbeit mit Unternehmen aus, die Kinderarbeit praktizieren oder dulden oder an der Produktion von Landminen oder deren Komponenten beteiligt sind. Auch „unethische, unprofessionelle und betrügerische Aktivitäten“ sind Ausschlusskriterien, einen Auftrag von Unicef zu erhalten.

Info

Das Magazin „ExportManager“, das wie „Markt und Mittelstand“ im FAZ-Fachverlag Frankfurt Business Media erscheint, veranstaltet am 22. Oktober in Mannheim den „Tag der Exportweltmeister“. Zugelassen sind nur Vertreter exportierender Unternehmen – das garantiert effizientes Networking und praxisnahe Diskussion. Weitere Infos und Anmeldung auf der Veranstaltungswebseite.

Amazon beispielsweise fällt regelmäßig durchs Raster der NGOs, viele internationale Industriekonzerne mit Produktionsstätten in Schwellenländern auch. Deutsche Mittelständler haben oft bessere Karten: Sie produzieren häufig in Deutschland und agieren, weil familiengeführt, sozial und kommunalverträglich. Insofern erfüllen sie die Kriterien, um Geschäftsbeziehungen mit NGOs aufzunehmen. Nur: Häufig erfahren sie nicht von deren Bedarfen.

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Wer braucht was wo

 

Auf diesen Ausschreibungsportalen veröffentlichen auch NGOs hin und wieder ihre Bedarfe:

 

„Die Mehrheit der NGOs fällt formal nicht unter das gesetzliche Vergaberecht“, erklärt Annette Rosenkötter, Fachanwältin für Vergaberecht bei der Kanzlei FPS in Berlin und Frankfurt am Main. Das heißt: Sie müssen ihre Anschaffungen nicht öffentlich ausschreiben. Nur wenn sich staatliche Stellen – wie das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) oder die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – finanziell an Projekten beteiligten, müssen die Bedarfe für diese Vorhaben vergaberechtskonform ausgeschrieben werden. Eine Missachtung des gesetzlichen Prozedere könnte weitreichende Folgen haben, warnt Helena Gerhardt, Geschäftsführerin der Beschaffungsprozessberatung AI-Institut für Anwenderorientierte Leistungsverzeichnisse im Einkauf: „Im schlimmsten Fall können Fördergelder gestrichen oder zurückgefordert werden.“

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Das Magazin „ExportManager“, das wie „Markt und Mittelstand“ im FAZ-Fachverlag Frankfurt Business Media erscheint, veranstaltet am 22. Oktober in Mannheim den „Tag der Exportweltmeister“. Zugelassen sind nur Vertreter exportierender Unternehmen – das garantiert effizientes Networking und praxisnahe Diskussion. Weitere Infos und Anmeldung auf der Veranstaltungswebseite.

Immerhin: Einige Projekte von NGOs finden sich auf den üblichen Ausschreibungsplattformen. „Unternehmen, die an NGOs liefern möchten,können Suchprofile auf diesen Portalen anlegen und werden automatisch informiert, sobald eine neue Ausschreibung eingestellt wird“, erklärt Gerhardt. Beim Klick auf die Ausschreibung werden sie dann direkt zur Angebotsabgabe weitergeleitet, können alle notwendigen Unterlagen herunterladen und bei Interesse ausfüllen.

Lösung Zulieferpool

Eine andere Möglichkeit, von aktuellen Bedarfen der NGOs zu erfahren, ist,Teil ihres internen Zulieferpools zu werden. Gehört ein Unternehmen zu diesem Kreis der Vorausgewählten, rufen NGOs von sich aus an, wenn sie wieder einmal Technik, Werkzeug oder Maschinen brauchen – und beauftragen anschließend in „freihändischer“ Vergabe. Üblicherweise werden mehrere Vergleichsangebote eingeholt, bevor die Entscheidung fällt. Dann entscheidet meist der Preis – um so wenig Spendengelder wie nötig ausgeben zu müssen. Daher bevorzugt etwa die Welthungerhilfe den direkten Kontakt zu Herstellern, damit keine Händlermarge anfällt.

Um in diesen Pool potentieller Zulieferer der NGOs zu gelangen, können sich Unternehmen initiativ bewerben. Viele Organisationen haben online Fragebögen zu sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, die interessierte Unternehmen bei der Kontaktaufnahme ausfüllen sollten. „Wir haben auf diesem Weg eine Reihe von Lieferanten kennengelernt“, berichtet Lüdemann von der Welthungerhilfe. „Wenn das Unternehmen unseren Compliance-Vorschriften entspricht, rufen wir beim nächsten Bedarf an.“


Der Artikel gehört zu einem Thema aus der „Markt und Mittelstand“-Ausgabe Oktober 2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.