Mittwoch, 20.10.2021

Shutterstock / Atstock Productions

Foodsharing: In Städten funktioniert es am besten.

Zukunftsmärkte
Foodsharing

Der Apfel landet im Bauch statt in der Tonne

Die Initiative Foodsharing kämpft erfolgreich gegen Lebensmittelverschwendung in Haushalten und Betrieben

Wer kennt es nicht? Im Supermarkt war der Appetit größer als der Hunger. So landen Joghurt, Salat und Fleisch im Kühlschrank, die daheim erst einmal niemand mehr beachtet. Schneller als gedacht sind die Lebensmittel verdorben und kommen in den Abfall. Dagegen kämpft Foodsharing. Der gemeinnützige Verein rettet Essen in Haushalten und Unternehmen. Die Initiative gegen Lebensmittelverschwendung ist inzwischen zu einer internationalen Bewegung mit mehr als 340.000 Nutzern herangewachsen.

Der Erfolg ist vor allem Stefan Kreutzberger zu verdanken. Der 60-jährige Journalist und Autor hat Foodsharing mitbegründet. "Wir haben bislang geschätzt 100.000 Tonnen Lebensmittel gerettet", sagt er. Das vermittele ein Glücksgefühl für beide Seiten – für den Geber und den Nehmer. "Wir verstehen uns als Umweltschutzorganisation mit globaler Sicht", sagt der Foodsharing-Gründer aus Bonn. Kreutzbergers Mission beginnt 2010. In diesem Jahr recherchiert er mit Filmemacher Valentin Thurn zum Thema Lebensmittelverschwendung. Thurn macht einen Film: "Taste the Waste", Kreutzberger scheibt mit Thurn das Buch "Die Essensvernichter", das zum Spiegel-Bestseller wird.

"Bis zu 20 Millionen Tonnen im Jahr werden weggeworfen und der größte Teil ist vermeidbar", weiß der Journalist. "30 Prozent aller Lebensmittel landen im Müll." Allein die Hälfte des Lebensmittelmülls machen die Privathaushalte aus, vor allem Gemüse, Brot und Fleisch wandern in die Tonne. Doch schon bevor das Essen zum Endverbraucher gelangt, werfen Industrie und Handel einiges in den Müll. So werden zum Beispiel teuer eingeflogene Drachenfrüchte aus Vietnam mitunter schon auf dem Großmarkt entsorgt. Gastronomie und Kantinen werfen ebenfalls viel weg.

Hinzu kommt das Problem des Mindesthaltbarkeitsdatums in den Supermärkten. Besonders prekär ist der Vor-Ernte-Bereich. Die Krux hier: "Lebensmittel werden erst ab der Ernte als Lebensmittel definiert", erklärt Kreutzberger. Daher entsteht viel Müll schon bei der Produktion, wenn beispielsweise auf Plantagen unschöne Äpfel entsorgt werden. "Diese Vernichtung geht in keine Statistik ein, da es nicht als Lebensmittel erfasst wird", kritisiert der Journalist. Mit seinen Erkenntnissen rüttelt das Duo die Menschen wach.

Die Bundesregierung setzt sich zum Ziel, die Lebensmittelverschwendung um die Hälfte zu verringern. Dabei setzt sie stark auf die Eigenverantwortung von Industrie, Handel und Verbrauchern. Zu wenig, findet Kreutzberger. Er gründet deshalb 2012 mit weiteren Engagierten den Verein Foodsharing als Online-Plattform, um aktiv an den Verbraucher heranzutreten. "Selbst zu handeln ist unsere Intention", erklärt er. Das zehnköpfige Gründerteam sammelt bei einer Crowdfunding-Kampagne knapp 12.000 Euro Startkapital.

Im Privatbereich gibt es Essenskörbe und Fairteiler. Bei den Essenskörben bietet ein sogenannter Foodsharer überschüssige Lebensmittel über die Plattform zum Teilen an und jemand holt diese bei ihm zu Hause ab. Bei den Fairteilern handelt es sich um einen neutralen Übergabeort, einen geschützten Raum, wie ein Kühlschrank oder ein Regal, wo die Lebensmittel bereitliegen. Im Bereich gewerbliche Abholungen engagieren sich speziell geschulte sogenannte Foodsaver. Sie schließen lokale Kooperationen mit Supermärkten wie Edeka und Rewe, Kantinen oder Bäckereien ab. Insgesamt 95.000 Foodsaver holen mindestens einmal pro Monat bei 10.000 Betrieben bundesweit Essen ab und verteilen dieses an bestimmte Gruppen, zum Beispiel einen Kindergarten.

Ihre Verteilstrukturen bauen sich die Foodsaver selbst auf. Im Gegensatz zu den Tafeln richtet sich Foodsharing nicht ausschließlich an sozial Bedürftige. Das Prinzip funktioniert in Städten am besten. "In ländlichen Regionen, vor allem in Süddeutschland, ist es noch eher schwach ausgeprägt", erklärt Kreutzberger. Vorwiegend engagieren sich junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, die Mitglieder der Foodsharing-Community arbeiten ehrenamtlich und kostenlos. Außerdem versteht sich die Initiative als nicht kommerziell, unabhängig und werbefrei. Foodsharing organisiert sich regional über einzelne Bezirke, hinzu kommen Festivals und die Foodsharing-Akademie mit Seminaren. Die Pandemie bedingte auch bei Foodsharing Einbrüche, einen positiven Effekt hatte sie aber auch: "Corona hat die Einstellung verändert, wie man lebt und konsumiert." Ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg zu weniger Verschwendung.

2020 © Markt und Mittelstand · Alle Rechte vorbehalten.

Der Newsletter für Unternehmer – jeden Donnerstag in Ihr Postfach

NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN