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Zukunftsmärkte > Blick in die Zukunft

Welche Szenarien für 2035 wahrscheinlich sind

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 1 Min.

Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus? Ein neues Buch von drei klugen Köpfen zeigt: Die Zukunft könnte überraschend gut werden. Auch für Unternehmen.

OP-Tisch
Digitale Zwillinge verknüpfen Echtzeitdaten, Simulationen und Diagnosen – und verändern, wie Ärzte 2035 Krankheiten erkennen und behandeln. (Foto: shutterstock)

Kann man die Zukunft vorhersagen? Nein. Natürlich nicht. Aber jeder versucht genau das jeden Tag. Wir machen es uns nur nicht bewusst. Ständig entscheiden wir auf der Basis dessen, was wir für den wahrscheinlichsten Verlauf halten.

Wenn es nicht möglich ist, die Zukunft vorherzusagen, wir es jedoch ständig tun, wie hat der Homo sapiens die vergangenen 300.000 Jahre überstanden?

Die Wahrheit ist, wir sind sehr gut im Vorhersagen. Die Digitalisierung der Welt hat die Prophetie des Künftigen allerdings erschwert. Sie hat uns in eine vernetzte Gesellschaft gestoßen, in der unser Handeln mehr Folgen zeigt, die wir außerdem wesentlich intensiver sehen. Und wir bekommen mehr Kritik zu hören an dem, was wir da tun. 

 

 

 

Klimaoptimismus

Pessimismus und Angst sind überlebensnotwendige Gefühle der menschlichen Natur. Beim Klimawandel bremsen sie aber. 2035 wird sich diese Bremse gelöst haben. 

Man bucht auf der Smartwatch im Wohnzimmer eines der autonomen und elektrisch betriebenen ­Sammeltaxis und gleitet dann elegant in dem Moment aus der Tür, da es vor dem Haus hält, ohne eine Sekunde zu warten. 2035 hat sich auch das Marketing transformiert. Umweltschonung gilt als Qualitätsgewinn und Förderung des eigenen Standings. Wochenmärkte haben sich in Deutschland verändert.

Landwirte vermarkten unterschiedliche Obst- und Gemüsesorten – einerseits, um lokale Produkte hervorzuheben, andererseits, um deren saisonale Verfügbarkeit zu betonen. Derweil entsteht ein neuer Wirtschaftszweig: Damage Tech. Denn der Klimawandel lässt sich nicht mehr zurückdrehen, also braucht es Technologien, um die Folgen zu mildern.

Stück für Stück schiebt sich das Umweltthema in eine Optimismus-Phase. Fortschritte sind sichtbar. 2030 überschritt die durchschnittliche Erwärmung die 1,5-Grad-Marke und stieg noch weiter. Ab 2040 soll sie wieder sinken und sich dann um die 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit einpendeln. 

Deutschlands Comeback

Mitte der 20er-Jahre baut Deutschland unbemerkt von vielen das Fundament,  
um zehn Jahre später wieder zu den führenden Wirtschaftsnationen der Welt zu gehören. 

Deutschlands Veränderung zeigt sich am offensichtlichsten an der Börse. Der gestiegene hat die Rüstungsindustrie zu einer der wichtigsten Branchen im Land gemacht. Rheinmetall ist hoch bewertet, nur übertroffen von SAP. Radar-Hersteller Hensoldt gehört zum Deutschen Aktienindex Dax.

Panzergetriebebauer Renk ist der nächste Kandidat. Drohnenspezialist Helsing ging spektakulär an die Börse. Mehrere Rüstungstechnik-Start-ups zogen nach. Die deutsche Autoindustrie ist auch zurück in der Spur. Sie baut nicht die günstigsten, aber die besten E-Fahrzeuge der Welt. Verbrennungsmotoren laufen nur noch in sehr speziellen Einsatzgebieten.

Vollautonomes Fahren ist auf dem Weg in den Alltag, wenn auch zunächst nur in den der besonders Begüterten. Einer der größten Wandel ist 2035 noch nicht abgeschlossen: Elektroautos haben weniger Teile und diese verschleißen weniger. Viele Traditionsunternehmen werden für die Mobilität nicht mehr gebraucht. Ihr Know-how aber hilft bei einem anderen Wachstumsfeld: Roboter. 

Energie-Autarkie

Erzeugung, Verteilung und Speicherung von Strom wandeln sich. Aus einem Oligopol  wird ein Polypol, das viel Freiheit ermöglicht – von Stromerzeugern und lästigen Kabeln. 

Autos sind nicht mehr von klassischem Autolack ummantelt, sondern von einer Paste aus Nanopartikeln, die fünf Mikrometer dick auf Metall- und Plastikteile aufgetragen wird. Sie versorgt das Auto mit Strom, der Wirkungsgrad liegt bei mehr als 20 Prozent. Das reicht nicht für komplette Autarkie, liegt aber auf dem Niveau von Silizium-Panels.

In der Landwirtschaft hat der geringere Fleischkonsum die Schweinezucht in vielen Fällen unwirtschaftlich gemacht. Die gut belüfteten Ställe verwandeln sich mittels effizienter Solardächer in ökonomisch attraktive und energieautarke Indoor-Farmen. Dafür wird die Landschaft noch ein wenig verbauter. Solarflächen auf Feldern sind immer häufiger zu sehen. Auf Flachdächern und Garagen stehen kleine Windkraftwerke, die anders als riesige Windräder keine Rotoren haben. Sie erinnern an aufrecht stehende Heizungsboiler, in denen sich der Wind fängt.

Großer Vorteil: Sie erzeugen auch nachts Strom. Möbelhersteller offerieren Ladeschränke, in denen sich hinter verschlossenen Türen Akkus frischen Strom holen, der immer häufiger aus den Speichern des Hauses kommt. Untergebracht werden sie im Keller oder in größeren Garagen. Noch eine Nummer größer werden die Reservespeicher, die Staaten planen.

Könnte es passieren, dass die Stromentstehungskosten irgendwann bei null sind? Es würde eine komplette Neuordnung der Industrie bedeuten, die derzeit getrennt ist zwischen denen, die Strom produzieren, und jenen, denen die Netze gehören. Deshalb ist 2035 die Frage: Wenn Stromnetze wichtiger sind als Autobahnen, sollten sie dann nicht verstaatlicht werden? 

Die Doubles kommen

Kameras, Brillen, Sensoren, Algorithmen – alles verschmilzt zur Datentausch-Maschine.  Es beginnt mit Einblendung von Weg-Pfeilen und endet in der Vermessung der Welt. 

2035 haben die großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der 20er-Jahre – um Dateneigentum, digitale Souveränität und informationelle Selbstbestimmung – eine neue Form des gesellschaftlichen Miteinanders hervorgebracht. 2031 starteten die Vereinten Nationen die „Digital Commons Authority“.

Ihre Aufgabe: gerechte Verteilung, Nutzung und Schutz von Umgebungs- und Gesundheitsdaten. Die klobigen Brillen von 2025 sind verschwunden. Was wir 2035 tragen, sieht aus wie Brillen mit einem kleinen Loch im oberen Bereich: der Kamera. Gekoppelt sind sie mit Smartwatches, die für die Mobilfunkverbindung zuständig sind. Zwischen Firmen und Bürgern entsteht langsam eine Mikroökonomie der Datenlizenzierung. Brillenbesitzer können zum Beispiel Bilder öffentlicher Straßen an Navigationsdienste und Hersteller autonom fahrender Fahrzeuge verkaufen.

Rechenzentren pflegen automatisierte „Model Bills of Materials“, die einen lückenlosen Herkunftsnachweis aller Datensätze und Bibliotheken bieten und bei jeder Softwareabnahme routinemäßig vorgelegt werden. Auf dem Weg ist das Konzept des digitalen Zwillings. Alle persönlichen Daten werden hochverschlüsselt auf behördlich kontrollierten Daten-Trust-Servern gesichert.

Der nächste Schritt wird gerade geplant: Jeder, der möchte, kann auf seiner Patientenkarte einen „Personal Twin“ installieren – ein digitales Modell des eigenen Körpers, das Gesundheitsdaten schützt, Krankheiten frühzeitig erkennt und Behandlungen individualisiert. Dies ermöglicht den reibungslosen Austausch von Untersuchungsergebnissen, genauso aber Notfallhilfe.

Das Buch

Prognosen sind besonders schwer, wenn sie die Zukunft betreffen, sagt ein Bonmot. Und zugegeben bereut man die Lektüre vieler Trend-Bücher spätestens ein Jahr später, weil es doch ganz anders gekommen ist. Bei dem Werk von Thomas Knüwer, Richard Gutjahr und Frank Horn könnte es anders sein. Die drei Digital-Vordenker haben in ihrem Buch „20 Trends für 2035“ (im Selbstverlag) etwas geschafft, woran viele gescheitert sind: einen präzisen und nützlichen Ausblick in die Zukunft. 

Die Inhalte dieser Seite erschienen auch in unserer Print-Ausgabe Markt und Mittelstand im Dezember 2025.

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