Mittwoch, 23.03.2022
zwei Kursverläufe vor einer Ukraineflagge
Zukunftsmärkte

„Der Krieg verlangsamt sich“

Geblieben, um zu helfen: Wie Gennadiy Chyzhykov, Präsident der ukrainischen Industrie- und Handelskammer, seine Heimat verloren hat und in den Westen der Ukraine fliehen musste. Er setzt auf Deutschland, denn die Deutschen wüssten, wie schnell sich ein Land wieder aufbauen lässt, wenn alle anpacken.

Gennadiy Chyzhykov hat die Welt gesehen. Der 57-Jährige Ökonom aus dem Donetsk wurde ausgebildet in der Ukraine, in England, Frankreich, den USA, Russland. Mit seiner hohen Stirn, Brille und Bart ähnelt er eher einem Gelehrten als dem „Feldherren“, der er jetzt ist. Chyzhykov ist Präsident der Industrie- und Handelskammer in Kiew. Doch geflüchtet vor russischen Bombenangriffen versucht er zu retten, was an den deutsch-ukrainischen Handelsbeziehungen noch zu retten ist. Der passionierte Fechter attackiert die russische Regierung schwer und verteidigt den abrupt beendeten wirtschaftlichen Aufschwung seiner Heimat. Es ist ein gefährlicher Ritt auf der Rasierklinge, um möglichst viele der rund 2000 deutschen Unternehmen im Land zum Bleiben oder zur Rückkehr zu bewegen.


Herr Chyzhykov, wie arbeiten Sie jetzt? Der russische Angriff auf die Ukraine wird für alle Menschen dort immer gefährlicher.
Ich bin in einer der westlichen Regionen der Ukraine, wo es gerade relativ sicher ist. Die Sicherheitslage ist sehr unbeständig, da alle Regionen bereits angegriffen wurden.


Wie viel Handlungsspielraum haben Sie mitten im Krieg noch?
Ich leite weiterhin die Industrie- und Handelskammer der Ukraine und koordiniere die ehrenamtlichen Bemühungen vor Ort. Schon in der Pandemie haben wir gelernt, online zu arbeiten. So ist es uns jetzt gelungen, uns und unsere Arbeit wieder zu organisieren, nachdem ich das Dorf in den Vororten von Kiew verlassen musste, das von den russischen Invasoren eingenommen worden war. Ich habe durch den russischen Angriff mein Zuhause verloren. Aber die Hauptsache ist, dass ich in der Ukraine bleibe. Wir sind den Unternehmern nahe. Die Kammer ist seit 50 Jahren im Geschäft und teilt all ihre Schmerzen und ihren Erfolg.


Was heißt das unter diesen Bedingungen konkret?

Das System der Kammern funktioniert derzeit in 19 Regionen der Ukraine. Wir koordinieren die Arbeit aus den westlichen Regionen, in denen die meisten deutschen Unternehmen ansässig sind. Wir erleichtern auch die Ansiedlung von Unternehmen aus Gebieten, die nahe am direkten Kontaktgebiet liegen.


Welchen Rat geben Sie jetzt deutschen kleinen und mittleren Unternehmen, die keinerlei Planungssicherheit mehr haben?

Wir sehen, dass sich der Krieg verlangsamt. Zehn Regionen befinden sich jetzt im Epizentrum der Instabilität. In 15 Regionen in der Zentral- und Westukraine, die größtenteils in der Nähe der EU liegen, wird die Geschäftstätigkeit wieder aufgenommen. Wir raten deutschen Unternehmen, die ihre Geschäfte in der Ukraine aufrechterhalten wollen, ihre Teams zu verlagern, Lieferketten aufzubauen und einige Wochen der Ungewissheit zu überstehen. Wir empfehlen, Pläne für die Verlagerung und die Wiederaufnahme von Geschäftsabläufen zu erstellen, denn wir setzen große Hoffnungen in den Verhandlungsprozess, an dem die führenden Länder der Welt beteiligt sind.


Wie wichtig ist der Handel mit Deutschland für die Zukunft Ihres Landes?

Vor dem Krieg war die Ukraine als Investitionsstandort attraktiv. Mehr als 20 Prozent der Agrarprodukte, Autoersatzteile, Halbleiter und mehr werden nach Deutschland exportiert. Die deutsche Wirtschaft genießt in der ganzen Welt den Ruf, ethisch und ehrlich zu sein. Wir sind zu nah am Weltmarkt, um abseits zu stehen. Die Deutschen haben die einzigartige Erfahrung gemacht, wie schnell ihr Land nach dem Krieg wieder aufgebaut werden konnte. Das ist für die Ukraine äußerst wichtig.


Viele Unternehmen, die sich derzeit für die Ukraine engagieren oder die russische Regierung kritisieren, fürchten aber Sanktionen von Russland.
Wir müssen uns von einem Land fernhalten, das die Wirtschaft als Druckmittel einsetzt. Russland versucht seit Jahrzehnten, die EU durch die Finanzierung von Randgruppenbewegungen zu destabilisieren. In Russland herrschen antidemokratische Gesinnung und Verachtung für westliche Werte wie Toleranz, Multikultur, Offenheit und Respekt vor Privateigentum und eine unabhängige Justiz. Ein Geschäft in einem Land zu planen, das eine ehrliche Justiz und die internationale Gemeinschaft ignoriert, ist am Ende ein großes Risiko für einen selbst.

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