Freitag, 02.05.2014
Zukunftsmärkte
BRICS und andere Schwellenländer schwächeln

Der Mittelstand kehrt nach Europa zurück

Das Wirtschaftswachstum wichtiger Schwellenländer ist ins Stocken geraten. Zeit für Mittelständler, sich wieder verstärkt Europa zuzuwenden, das die Wachstumslücke schließt.


Für manche Betriebe hat sich das Unternehmenswachstum in den BRICS-Staaten und anderen Schwellenländern so wie das Wirtschaftswachstum dieser Länder vielfach auch in der jüngsten Vergangenheit deutlich verlangsamt. Die hohen Wachstumsraten vergangener Jahre können außer in China momentan nirgendwo mehr erreicht werden. Infrastrukturdefizite, sowie abgewertete Währungen und Wechselkursschwankungen, aber auch die Bürokratie machen den Unternehmen das Leben schwer. Politische Krisen wie aktuell in Russland tun ihr Übriges zur Unsicherheit. „Wenn diese Märkte schwächeln, dann hat Europa das Zeug dazu, einzuspringen“, sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC.

Erholung in der Eurozone

Tatsächlich ist Europa, genauer gesagt die EU-15, laut der aktuellen DIHK-Frühjahrsumfrage 2014 wieder zur Investitionsregion Nummer 1 für deutsche Unternehmen geworden (siehe Grafik unten). Der Anteil dieser Länder an den Gesamtinvestitionen steigt in diesem Jahr von 40 auf 46 Prozent – einen solch hohen Wert hat bisher noch nie eine Region erreicht. Die langsame Erholung der Eurozone ist somit in den Investitionsplänen deutscher Betriebe angekommen. „Es ist so, dass Westeuropa unverändert die Hauptexportregion für den deutschen Mittelstand ist“, sagt Peter Englisch, Partner und Leiter Mittelstand bei der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Auch die jüngsten Zahlen zum Ifo-Exportklima deuten auf einen moderaten Anstieg der Exporte im ersten Quartal des Jahres 2014 hin.

Investitionen Ausland Zielregionen

Die Zielregionen von Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen: Europa liegt an der Spitze.

Auf Europa setzt auch Unternehmer Gunther Wobser. Der Geschäftsführer des Temperiergeräteherstellers Lauda Dr. R. Wobser hat erst 2012 eine neue Tochtergesellschaft in England gegründet. Germany Trade and Invest zählt Großbritannien zu den Top-Exportmärkten für 2014. „Damit können wir den lokalen Markt besser betreuen. Unsere Kunden fordern Projektbetreuung vor Ort“, erklärt der Unternehmer seine Investitionsstrategie. Drei Viertel seines Umsatzes erwirtschaftet der Unternehmer in Westeuropa. Die letzten Jahre während der Wirtschaftskrise hat Wobser vor allem dazu genutzt, sich im Stammmarkt noch stärker zu positionieren. „Ich war immer schon ein Verfechter Europas“, sagt er. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen konnte das Unternehmen etwa auch in Frankreich den Umsatz aufrechterhalten. Profitieren konnte der Mittelständler dabei in erster Linie von Aufträgen der Luft- und Raumfahrtindustrie.

Kundennähe spricht für Europa

Noch näher beim Kunden zu sein ist laut DIHK-Umfrage auch das wichtigste Motiv für Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen. 2008 in der Wichtigkeit noch knapp hinter dem zu jener Zeit wichtigsten Faktor „Kostenersparnis“, ist die Schere seitdem immer weiter aufgegangen – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen (siehe Grafik unten).

Vor allem in Fernost haben Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre viele Mittelständler wegen günstigerer Produktionskosten neue Werke eröffnet. Da die Kostenvorteile aufgrund immer höher werdender Qualitätsanforderungen allerdings zunehmend schwinden, holen viele ihre Produktion wieder nach Europa zurück. Das Motiv „Kostenersparnis“ für eine Investition etwa China spielt eine immer geringere Rolle. Peter Greiser, Geschäftsführer des Medizintechnikunternehmens Atmos kennt die Rückkehrtendenz einiger Mittelständler nach Europa: „Viele blicken, wenn sie nach Fernost gehen, lediglich auf die Herstellungskosten. Dabei vergessen sie, dass Transport- und Zollkosten auch die Margen kaputt machen“, sagt er. Er selbst schließt eine Rückkehr nach Europa für sein Unternehmen allerdings nicht, denn „wir waren nie weg“. Der Heimatmarkt finanziert die Wachstumsstrategie in den Zukunftsmärkten, die für Atmos hauptsächlich in Asien und den USA liegen.

Motive Auslandsinvestitionen Unternehmen

"Vertrieb und Kundendienst" entwickelte sich seit 2008 zum stärksten Motiv einer Auslandsinvestition für deutsche Unternehmen.

Die Rückkehrtendenzen vieler Mittelständler nach Europa bei ihren Expansionsplänen aufgrund von Kostenersparnis in der Produktion belegt auch die Studie des DIHK. Mit 18 Prozent bei der Zielregion „EU-15“ nennen den Faktor „Kostenersparnis“ 4 Prozent mehr Unternehmen als bei der Zielregion „China“. In Spanien etwa sind die Lohnstückkosten gesunken, Arbeitsmarktreformen, die im Zuge der Finanzmarktkrise eingeleitet wurden, greifen. „Die Gehaltskosten sind hier um die Hälfte bis zu zwei Drittel niedriger als in Deutschland“, sagt Unternehmer Gunther Wobser, der 2011 ein Kühltechnikunternehmen in der Nähe von Barcelona gekauft hat.

Größte Kostenersparnis in Mittel- und Osteuropa

Die größte Kostenersparnis können der Umfrage zufolge Mittelständler allerdings in den neuen EU-Mitgliedsländern seit 2004 erzielen. 32 Prozent der Unternehmen wollen in diesem Jahr alleine aus diesem Grund in Polen, Tschechien oder Rumänien investieren. Viele Unternehmen bedienen von dort aus ihre Kunden in Mittel- und Osteuropa. Der von vielen deutschen Firmen im Zuge der EU-Osterweiterung befürchtete erhöhte Wettbewerbs- und Rationalisierungsdruck durch Konkurrenten aus den neuen Mitgliedsstaaten ist zum Großteil nicht eingetreten. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Ging bei der Befragung 2004 noch gut ein Drittel davon aus, dass die Importe aus den acht (später 11) neuen Mitgliedsländern aus Mittel- und Osteuropa zunehmen würden und dies starke Auswirkungen auf ihre Geschäfte hätte, hat sich diese Einschätzung zehn Jahr später deutlich relativiert. Nur noch jedes Zehnte der befragten Unternehmen sieht sich einem erhöhten Konkurrenz- bzw. Rationalisierungsdruck durch die neuen EU-Mitglieder ausgesetzt.

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