Dienstag, 19.06.2012
Zukunftsmärkte
Unternehmen in Griechenland

Griechenland: Deutsche Firmen bleiben

Die deutschen Firmen haben sich noch nicht aus Griechenland zurückgezogen. Doch ohne Liquidität wird es brenzlig.

Fast kein deutsches Unternehmen hat Griechenland in den Jahren der Krise den Rücken gekehrt. Nur vereinzelt wurden Kapazitäten abgebaut wie auf der Vertriebsseite von Mercedes Benz. Doch selbst dem Rückzug von Aldi vor zwei Jahren folgte jedoch kein Exodus deutscher Unternehmen. Allerdings sind auch nur rund 200 deutsche Unternehmen vor Ort ansässig, sagt die Deutsch-Griechische Industrie- und Handelskammer. Andere Schätzungen sprechen von lediglich 140 deutschen Firmen. Die Verbindungen sind traditionell und stark. Viele Unternehmen sind schon vor Jahrzehnten nach Griechenland gegangen.
Welche Zukunft haben diese Unternehmen? „Wir möchten dieses Land nicht verlassen, sondern dem Land und seinen Bürgern beistehen“, betont Panos Koronakis-Rohlf, Geschäftsführer der griechischen Niederlassung von Hartmann Pflaster. Seit 2002 verkauft der Mittelständler dort Hygiene-Produkte rund um OPs und Wundversorgung. Seine Rechnungen werden noch bezahlt, weil der Anteil der öffentlichen Hand als Kunde nur bei 2 Prozent liegt. Früher lagen seine Zahlungsziele bei vier Monaten. „Heute liefern wir gemäß dem Motto "No pay, no get", d.h. der Kunde zahlt entweder im Voraus, direkt nach der Lieferung oder stellt eine Bankgarantie bereit.“ Trotz allem ist der Umsatz um 30 Prozent gesungen, bis Ende 2013 wird die Hälfte der Hartmann-Mitarbeiter in Griechenland abgebaut sein.

Wirtschaft wird stranguliert

Die deutschen Unternehmen spüren die Auswirkungen der Sparprogramme: „Der griechische Staat schuldet unseren Kunden und anderen Unternehmen eine Menge Geld“, klagt Koronakis-Rohlf. Durch den Schuldenschnitt müssen Unternehmen mit Außenständen von der öffentlichen Hand 53 Prozent des nominalen Werts abschreiben. Denn die Regierung hatte ihren Gläubigern angeboten statt in Bargeld in Staatsanleihen zu zahlen. Die sind nach dem Schuldenschnitt aber nicht einmal die Hälfte wert. Allein der deutsche Pharma-Konzern Merck erhielt griechische Anleihen im Nennwert von 40 Millionen Euro und muss nun Millionen abschreiben. Das ist nicht das einzige Problem: Bereits absehbar ist eine große Insolvenzwelle, die durch das Land rollt.
Infolge der Wirtschaftskrise haben 2010 nach Schätzungen der griechischen IHKs etwa 55.000 Unternehmen ihre Tätigkeiten eingestellt. Auch dieses Jahr sollen ähnlich wie im vergangenen Jahre weitere rund 65.000 griechische Unternehmen ihre Aktivitäten einstellen. „An jeder Ecke sieht man leere Geschäfte“, sagt Michaela Balis, Repräsentantin von Germany Trade and Invest in Athen. Bis auf den IT-Sektor, insbesondere Smartphones und Tablets, sei dies eine schwierige Zeit für alle Unternehmen. Gerade im Pharmaziesektor – ein wichtiges Standbein der griechischen Wirtschaft – hätten viele Unternehmen gegenwärtig nur geringe Überlebenschancen. Das größte Problem: „Es gibt keine Liquidität mehr.“

Banken sind keine Hilfe

Denn wie bei Hartmann gibt aus Angst vor Forderungsausfällen kaum noch ein Unternehmen, durch bisherige Zahlungsausfälle in der eigenen Liquidität bereits geschwächt, Waren ohne Vorauszahlung aus. Zahlungsziele in der Zukunft, die Liquidität verschaffen könnten, gibt es kaum noch.
Auch die Banken sind keine Hilfe. Die Unterstützungszahlungen der Troika werden für den Zinsdienst aufgewendet; auch im Finanzsektor ist die Sorge vor gefährlichen Forderungsausfällen groß.
Einigermaßen unbeschwert sind bislang nur die Unternehmen, deren Kunden keine Liquiditätssorgen haben. So besteht das Kundennetz der griechischen Niederlassung der deutschen Spedition Militzer & Muench vor allem aus vielen deutschen Kunden. „Unser Geschäftsniveau ist stabil“, sagt der Geschäftsführer der griechischen Niederlassung, Panagiotis Manolopoulos. Kürzlich wurde sogar ein neuer Großvertrag abgeschlossen. Auch dieser neue Kunde hat seinen Stammsitz in Deutschland. Vielleicht können sich zumindest deutsche Unternehmen ein wenig in der griechischen Krise in Griechenland behaupten. Der Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Industrie- und Handelskammer Martin Knapp versucht sich in Optimismus: „Lieferanten können wieder auf eine Hermes-Deckung auch für kurzfristige Kredite zurückgreifen.“