Dienstag, 12.12.2017

Foto:monkeybusinessimages/Thinkstock/GettyImages

Gelernt ist gelernt: Gut ausgebildete Fachkräfte sind rar in Südafrika. Viele Unternehmen bilden ihr Personal daher immer öfter selbst aus.

Zukunftsmärkte
Turbulente Zeiten

Deutsche Mittelständler trotzen der Krise in Südafrika

Korrupter Präsident, stagnierende Wirtschaft, dramatisch hohe Arbeitslosigkeit: Deutschlands wichtigster Handelspartner auf dem afrikanischen Kontinent strauchelt. Der Mittelstand bleibt Südafrika dennoch treu.

Südafrika hat in den vergangenen Jahrzehnten viel durchlebt: Bis in die frühen 1990er Jahre beherrschte die Rassentrennung die Republik. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebte unterhalb der Armutsgrenze, insbesondere den Schwarzen ging es schlecht.

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Dann kam der Volksheld Nelson Mandela frei, und seine Präsidentschaft gab der Republik neuen Mut. Mit einer rosigen Zukunft vor Augen versuchte die Regierung unter Mandela, Missstände zu beseitigen, und stieß Reformen an, die weit über die reine Aufhebung der Apartheid hinausgingen.

Dramatisch hohe Arbeitslosigkeit

Im Zuge der Reformen wuchs die Wirtschaft. Vor allem Baufirmen profitierten, denn die Regierung investierte verstärkt in Infrastrukturprojekte wie Straßen und Wohnungen. Mit dem Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2010 nahm diese Entwicklung noch einmal zusätzlich an Fahrt auf. Zwischen 1994 und 2011 stieg das Bruttoinlandsprodukt von umgerechnet 140 Milliarden US-Dollar auf 417 Milliarden US-Dollar. 

Doch danach endete der Aufschwung. Zahlreiche Projekte, die der Baubranche Auftrieb gegeben hatten, waren fertiggestellt. Umso deutlicher zeigten sich die Auswirkungen der Finanzkrise, die vor allem die Ausfuhren stark belastete. Exportierte Südafrika im Jahr 2011 noch Waren im Wert von 109 Milliarden Euro, lag der Wert fünf Jahre später bei nur noch 75 Milliarden Euro. Hinzu kommt die unverändert dramatisch hohe Arbeitslosigkeit: Nach offiziellen Angaben sind 28 Prozent der Südafrikaner arbeitslos, de facto dürfte die Quote sogar bei rund 40 Prozent liegen.

Altbekannte Probleme bremsen

Das schwache Wachstum hat sich zu einem Dauerproblem verfestigt. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um lediglich 0,3 Prozent. Im ersten Quartal 2017 schrumpfte die Wirtschaftsleistung überraschend stark um 0,7 Prozent. Südafrika leidet unter altbekannten Strukturproblemen wie einem maroden Straßennetz, Energieknappheit und fehlendem Wohnraum.

Ratingagenturen zeigen sich seit längerem nicht nur wegen der Wirtschaftsschwäche besorgt, sondern stellen auch ein deutlich gestiegenes politisches Risiko fest. Im April stuften zwei Ratingagenturen das Land auf Ramschniveau herab.

600 deutsche Unternehmen vor Ort

Trotz aller Widrigkeiten: Südafrika ist weiterhin eine der stabilsten Volkswirtschaften auf dem afrikanischen Kontinent. Auch für Deutschland ist die Kap-Republik ein wichtiger Partner. Im vergangenen Jahr lag das bilaterale Handelsvolumen bei rund 15 Milliarden Euro, damit lag Südafrika auf Rang 30 der wichtigsten Handelspartner. Im vergangenen Jahr ging mehr als ein Drittel aller deutschen Afrika-Exporte nach Südafrika.

Autos und Maschinen dominieren sowohl das Import- als auch das Exportgeschäft. Mittlerweile sind Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer für das südliche Afrika zufolge 600 deutsche Unternehmen mit eigenen Niederlassungen vor Ort präsent.


Einfuhren und Ausfuhren zwischen Deutschland und Südafrika (in Tsd. Euro)

Quelle: Destatis

Deutsche Autohersteller produzieren hier – auch für den deutschen Markt. Die Geschäftsbeziehungen sind historisch gewachsen. Daimler zum Beispiel ist seit über 60 Jahren am Kap aktiv. In East London am Ostkap fertigt der Autobauer seit dem Jahr 2000 sein Modell C-Klasse, das dann nach Australien, in die USA, aber auch nach Deutschland verschifft wird.

Der Standort ist für Daimler und andere Konzerne strategisch wichtig: Südafrika gilt nach wie vor als der Wirtschaftsmotor des Kontinents. Das Land ist zudem das einzige afrikanische Mitglied der G20.

Schwarze Mittelschicht wächst

Die Möglichkeiten für deutsche Mittelständler, Fuß zu fassen, sind vielfältig: In Südafrika wächst die vorwiegend schwarze Mittelschicht und gewinnt an Kaufkraft. Das Unilever-Institut für Strategisches Marketing an der Universität Kapstadt hat für sie die Bezeichnung „Black Diamonds“ erfunden.

Laut dem Institut zählen 4,2 Millionen Südafrikaner zu dieser Schicht. Vor zehn Jahren gab es schätzungsweise 1,6 Millionen „Black Diamonds“. Diese Entwicklungen machen das Land besonders für Handelsunternehmen und Konsumgüterhersteller interessant.

Industriezentren sind gut aufgestellt

Auch Michael Scheibner, CEO der Afrika-Tochter von GK Software aus Schöneck, ist vom Potential des Landes überzeugt. Das Unternehmen, das Softwaresysteme für große Einzelhändler entwickelt, hat 2015 den Markteintritt gewagt und eine Niederlassung in Johannesburg eröffnet: „In Südafrika sitzen viele große Handelsunternehmen, die wir als Kunden gewinnen möchten.“

Während eine schwache Infrastruktur – mit maroden Straßen oder fehlender Internetanbindung – den ländlichen Regionen zu schaffen mache, seien die Industriezentren gut aufgestellt, sagt Scheibner. Vor Ort arbeitet er mit einem internationalen Tech-Konzern und mit mehreren kleineren Firmen zusammen. Der Schritt, eine eigene Gesellschaft zu gründen, war zwingend nötig. Denn: Die südafrikanischen Kunden ließen sich von der deutschen Zentrale im Vogtland aus nur schwer bedienen.

Herausforderung kulturelle Kommunikation

„Die Kommunikation in einem anderem kulturellen Umfeld ist immer eine Herausforderung“, weiß der Geschäftsführer. Daher arbeiten nun zehn Einheimische in den Bereichen Projektmanagement, Vertrieb und Beratung im Johannesburger Büro.

„Wir haben nur einen einzigen deutschen Kollegen vor Ort, der unsere Prozesse seit mehr als zehn Jahren kennt und so die Kollegen in Südafrika gut mit der Zentrale vernetzen kann“, sagt Scheibner. Die Entscheidung zahlt sich aus: Seit dem Markteintritt hat GK Software seine Kundenzahl verdoppelt.

Zuma in der Kritik

Derweil versucht Präsident Zuma, die Weichen für Wachstum neu zu stellen. In letzter Zeit macht er allerdings mehr mit Korruptionsskandalen von sich reden. Im Jahr 2012 beschloss die Regierung den „National Development Plan“, der massive Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur vorsieht – in Häfen, Straßen, Eisenbahnanlagen, Kraftwerke, Krankenhäuser und Schulen. Dafür nimmt der Staat 1,3 Trillionen Rand – umgerechnet rund 85 Milliarden Euro – in die Hand.

Gut für deutsche Unternehmen: Denn sie stellen viele der Produkte her, die für die Umsetzung der Reformen benötigt werden – insbesondere Maschinen für den Straßenbau und Automatisierungstechnik. Trotz aller Bemühungen ist die gesellschaftliche und wirtschaftliche Kluft im Land nach wie vor groß: „Licht und Schatten liegen in Südafrika nahe beieinander“, betont Jürgen Friedrich, Geschäftsführer von Germany Trade & Invest. „Deutsche Unternehmen sollten sich von schlechten Nachrichten jedoch nicht abschrecken lassen. Schließlich sind die bilateralen Beziehungen über eine lange Zeit hinweg gewachsen, eng und vielfältig.“

Drehkreuz für den Export

Der Markteintritt gelingt oft mit Hilfe von Vertriebsgesellschaften. Ein Beispiel dafür ist der Mittelständler Beckhoff Automation. „Wir konnten durch den Kooperationspartner erste Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen“, berichtet Kenan Aktas, International Salesmanager. Beckhoff entwickelt Automatisierungssysteme und ist seit fast 20 Jahren im Land aktiv. Im Jahr 2006 gründete das Unternehmen dann die erste eigene Niederlassung.

Mittlerweile betreibt es vier Büros in den Industriezentren Johannesburg, Durban, Kapstadt und Port Eli-zabeth. Die Firma nutzt die Republik am untersten Zipfel des Kontinents auch als Drehkreuz: „Von Südafrika aus exportieren wir ins Nachbarland Namibia und in die gesamte Sub-Sahara-Region“, sagt Aktas.

Binnenmarkt lohnt sich

Das sei durchaus üblich, bestätigt Frank Aletter, stellvertretender Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer für das südliche Afrika mit Sitz in Johannesburg: „Neben den klassischen Produkten im Bereich Bergbau und Energie steigt in den angrenzenden Staaten auch der Bedarf an Waren aus dem Gesundheitsbereich.“ Mit den Nachbarstaaten Botswana, Lesotho, Namibia und Swasiland bildet Südafrika eine Zollunion. Ware kann so kostenlos die Grenzen passieren. 

Aber auch der südafrikanische Binnenmarkt bietet zahlreiche Chancen für Unternehmen. Mit einer Fläche von 1,2 Millionen Quadratkilometern ist die Kap-Republik etwa 3,5-mal so groß wie Deutschland. Vor allem die Provinz Gauteng ist für deutsche Unternehmen attraktiv. Die Region mit den Großstädten Pretoria und Johannesburg beheimatet viele internationale Unternehmen, vorwiegend aus dem Finanz- und Energiesektor. In Gauteng wird rund ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes erwirtschaftet.

Kaum ausgebildete Fachkräfte

Selbst in den gut entwickelten Ballungsgebieten und Industrieregionen stehen Unternehmen jedoch vor Herausforderungen. Vor allem der Fachkräftemangel macht ihnen zu schaffen. Auch wenn laut Statistik fast jeder dritte Südafrikaner arbeitslos ist, gibt es nicht genügend qualifiziertes Personal. Laut Germany Trade & Invest haben nur rund 6 Prozent der Bevölkerung einen Hochschulabschluss.

Besonders unter der schwarzen Bevölkerung – das sind knapp 80 Prozent aller Einwohner – ist der Bildungsstand niedrig bis katastrophal. Hinzu kommt: Die soziale Schere öffnet sich immer weiter. Viele gut ausgebildete Weiße haben Südafrika verlassen. Die Unternehmen gehen daher dazu über, ihr Personal selbst auszubilden.

Unternehmen bilden aus

Auch Beckhoff musste einige Zeit suchen, um die passenden Leute zu finden. „Wir wollten ausschließlich Einheimische einstellen, das machen wir auch in anderen Ländern so“, sagt Salesmanager Aktas. Um gut ausgebildete Mitarbeiter direkt zu Beginn ihrer beruflichen Karriere auf das Unternehmen aufmerksam zu machen, arbeitet Beckhoff mit Universitäten zusammen. „Studenten können bei uns ihre Abschlussarbeiten schreiben," sagt Aktas. Klappt die Zusammenarbeit, winkt der Festvertrag.

Dabei profitiert die Firma auch von ihrem guten Ruf: „Deutsche Unternehmen sind als Arbeitgeber sehr angesehen“, beobachtet Aktas. Inzwischen hat Beckhoff 13 Mitarbeiter vor Ort.Bei der Mitarbeitersuche können auch Partnerunternehmen helfen. So geschehen bei GK Software: „Unsere strategischen Partner haben uns auch die Türen zum Arbeitsmarkt geöffnet und einige Mitarbeiter vermittelt“, berichtet Geschäftsführer Scheibner. Ein guter Start im potentialreichen Südafrika.

Info

Die wichtigsten Städte und Regionen Südafrikas

Durban
Die Stadt besitzt den größten Hafen ganz Afrikas und ist deshalb besonders interessant für Händler und Logistikunternehmen. Durban leistet den zweitgrößten Beitrag zur Volkswirtschaft, vor allem der Bereich der Zuckerverarbeitung ist stark vertreten. Mit einer halben Million Einwohnern ist Durban Südafrikas drittgrößte Stadt, in der gesamten Provinz Kwazulu-Natal leben knapp 11 Millionen Menschen.

Kapstadt
Die Hafenstadt ist Südafrikas Tourismusmagnet und auch politisch von Bedeutung: Hier sitzt das Parlament. Aber auch zahlreiche Unternehmen, vor allem aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, haben sich hier angesiedelt.

Port Elizabeth
Die Hauptstadt der Provinz Ostkap beheimatet sowohl die südafrikanische als auch die internationale Autoindustrie und wird auch das „Detroit Südafrikas“ genannt. Hier haben internationale Konzerne wie Volkswagen, Mercedes, General Motors und Ford ihre Produktionsstätten. 


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 12/2017 – 01/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.