Zwischen Hopfen und Hoffnung: Deutschlands Brauereien im Überlebenskampf
| Markt und Mittelstand Redaktion
Der Bierabsatz in Deutschland ist in den ersten fünf Monaten 2025 um 6,8 Prozent gesunken. Branchenexperten sehen eine Krise historischen Ausmaßes.
Markt und Mittelstand, 22.7.2025
Die Oettinger-Brauerei schließt ihren Standort in Braunschweig – ein weiterer Rückzug in einer Branche, die zunehmend unter Druck gerät: Sinkender Bierkonsum und ein struktureller Wandel lassen die Zahl deutscher Brauereien schrumpfen.
Die Bierherstellung der Oettinger-Brauerei soll künftig auf die verbleibenden Werke in Oettingen (Bayern) und Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) konzentriert werden. Von dieser Entscheidung sind rund 150 Arbeitsplätze in den Bereichen Produktion und Abfüllung betroffen.
Als Hauptgrund für die geplante Standortschließung nennt das Unternehmen die seit Jahren sinkende Auslastung der Produktionsanlagen. Seit Jahrzehnten gehe der Bierausstoß in Deutschland zurück, bedauert Oettinger-Geschäftsführer Stefan Blaschak. Der Absatz sei mittlerweile auf das Niveau von vor über 20 Jahren gesunken.
Bierdurst lässt nach – Deutschlands Brauereien in der Krise
Markt und Mittelstand, 5.7.2025
Deutschlands Braukunst hat Weltruf – doch der heimische Bierdurst schwindet. Zwischen Januar und Mai 2025 sank der Bierabsatz um 6,8 Prozent auf nur noch 34,1 Millionen Hektoliter. So wenig wurde seit der Wiedervereinigung nicht mehr ausgeschenkt. Ein historischer Tiefstand, der die Branche alarmiert und tiefgreifende Fragen aufwirft: Ist das Bier, einst Symbol deutscher Lebensart, auf dem Rückzug?
Was lange als krisenfest galt, gerät zunehmend ins Wanken. Der demografische Wandel, ein verändertes Freizeitverhalten und die wachsende Beliebtheit alkoholfreier Alternativen setzen dem klassischen Gerstensaft zu.
Die Brauereien stehen vor einem Wendepunkt: Wie kann das Traditionsprodukt neu gedacht werden, ohne seine Seele zu verlieren? Klar ist: Einfach weiterzapfen wie bisher wird nicht reichen. Jetzt ist Kreativität gefragt – bei Sorten, Zielgruppen und Geschichten, die Bier wieder zum Erlebnis machen. Denn die größte Herausforderung ist vielleicht nicht der Absatz, sondern die Relevanz in einer sich wandelnden Gesellschaft.
Historischer Einbruch trotz günstiger Wetterbedingungen
Der Rückgang von 2,3 Millionen Hektolitern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum übertrifft die üblichen jährlichen Absatzrückgänge im schrumpfenden Biermarkt um das Doppelte. Besonders bemerkenswert ist, dass dieser Einbruch trotz biertauglichen Wetters mit viel Sonne und warmen Temperaturen stattfand. Volker Kuhl, Geschäftsführer der Brauerei Veltins, betont, dass das Wetter im ersten Halbjahr den Brauern und der Gastronomie eigentlich hätte helfen müssen. Hat es aber nicht.
Die größten deutschen Brauereien
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Platz 1: Radeberger
- Platz 2: Oettinger
- Platz 3: TCB Beteiligungsgesellschaft
- Platz 4: Krombacher
- Platz 5: Paulaner
- Platz 6: Bitburger
- Platz 7: Veltins
- Platz 8: Warsteiner
Konsumzurückhaltung als Hauptursache
Als Hauptgrund für den drastischen Absatzrückgang wird die anhaltend schwache Verbraucherstimmung genannt. Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, erklärt: "Wie bei Gastronomie und Handel schlägt die schlechte Verbraucherstimmung voll aufs Geschäft der Brauereien durch." Veltins-Vertriebschef Rainer Emig ergänzt, dass vor allem das zweite oder dritte Bier, das "variable i-Tüpfelchen", derzeit nicht getrunken wird.
Auswirkungen auf die Brauereien
Die Folgen des Absatzeinbruchs sind für viele Brauereien gravierend. Veltins-Chef Kuhl prognostiziert eine schmerzhafte Konsolidierung in der Branche: "Bei einem Marktminus, wie wir es aktuell haben, und zugleich zunehmenden Kosten, wird es Brauereien geben, die das nicht überleben." Er erwartet, dass einige Brauereien aufgeben oder verkauft werden müssen.
Nicht alle Unternehmen sind jedoch gleichermaßen betroffen. Die Brauerei Veltins konnte im ersten Halbjahr 2025 ein Absatzplus von 2,3 Prozent auf 1,78 Millionen Hektoliter verzeichnen. Neue Produkte und die Stammmarke Veltins Pilsener trugen zu diesem Wachstum bei, während der Fassbierabsatz um etwa fünf Prozent zurückging.
Gegentrends: Alkoholfreie Biere und Hellbier als Hoffnungsträger
Inmitten der Krise gibt es auch positive Entwicklungen. Alkoholfreie Biere verzeichnen weiterhin Zuwächse. In den ersten drei Monaten des Jahres stieg der Absatz von alkoholfreiem Pils um 9 Prozent und von alkoholfreiem Radler um 15 Prozent. Auch Hellbier erfreut sich zunehmender Beliebtheit und hat mittlerweile einen Marktanteil von 11,6 Prozent im Sortenmix erreicht.
Trotz dieser Erfolge warnt Veltins-Chef Kuhl davor, alkoholfreie Biere als Rettungsanker zu betrachten: "Alkoholfreie Biere sind aus unserer Sicht allenfalls ein Pflaster, das die Schmerzen lindert. Ein Retter in der aktuellen strukturellen Krise der Brauwirtschaft sind sie nicht."
Preisgestaltung und Wertschöpfung als Herausforderung
Ein weiteres Problem für die Branche ist die Preisgestaltung. Vier von fünf Bierkästen bekannter Markenbiere werden im Angebot zu Preisen zwischen zehn und elf Euro verkauft - ein Niveau, das kaum über dem der D-Mark-Zeiten liegt. Die Radeberger Gruppe sieht diese Entwicklung mit Sorge, weil ein Bierpreis um die zehn Euro eben nicht den Wert widerspiegele, der diesem mit viel Expertise und natürlichen Rohstoffen gebrauten Produkt gebührt.
Kurze Geschichte des Biergeschäfts
Antike: Bier als Grundnahrungsmittel
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Bier zählt zu den ältesten alkoholischen Getränken der Menschheit. Schon vor über 6.000 Jahren wurde in Mesopotamien und Ägypten Bier gebraut.
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Es war ein Alltagsgetränk – oft nahrhafter und sicherer als Wasser.
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Erste „Brauereien“ waren Tempel, in denen Bier meist von Frauen gebraut wurde.
Mittelalter: Klosterbier & Reinheitsgebot
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Im Mittelalter spielten Klöster eine zentrale Rolle. Mönche verbesserten die Braukunst und sorgten für gleichbleibende Qualität.
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1516 wurde das Reinheitsgebot in Bayern erlassen – es ist das älteste noch gültige Lebensmittelgesetz der Welt. Erlaubt waren nur Wasser, Gerste und Hopfen (Hefe wurde erst später entdeckt).
19. Jahrhundert: Industrialisierung des Biermarkts
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Die Erfindung der Dampfmaschine, neue Kühltechniken (z. B. von Carl von Linde) und die Entdeckung der Hefe durch Louis Pasteur revolutionierten das Brauwesen.
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Große Brauereien entstanden, etwa Spaten, Beck’s, oder später auch Krombacher.
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Bier wurde zum Exportgut – die ersten internationalen Marken etablierten sich.
20. Jahrhundert: Expansion & Massenproduktion
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Nach dem Zweiten Weltkrieg boomte die Bierindustrie in Europa und den USA.
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Bier wurde über Supermärkte, Werbung und Großevents zum Konsumprodukt.
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In den 1980ern/90ern kam Gegenbewegung: kleine Craft-Brauereien (v. a. in den USA) experimentierten wieder mit Sortenvielfalt, Zutaten und alten Rezepten.
Heute: Zwischen Tradition und Transformation
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In Deutschland gibt es weltweit die größte Biervielfalt – aber sinkender Konsum, Gesundheitsbewusstsein und Klimaziele stellen die Branche vor neue Herausforderungen.
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Themen wie alkoholfreies Bier, Bio, Klimaneutralität und Regionalkultur prägen das moderne Biergeschäft.
Die Insolvenz des Brauereiausstatters Banke ist symptomatisch für die Herausforderungen der deutschen Brauereiindustrie. Sinkende Absatzzahlen, steigende Kosten und notwendige Investitionen in Klimaneutralität setzen die Branche unter Druck. Eine Konsolidierung scheint unausweichlich, wobei innovative Konzepte und Nischenprodukte Chancen für Wachstum bieten könnten. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die traditionsreiche deutsche Braukultur an die veränderten Marktbedingungen anpassen wird.
Hopfen, Malz & Tradition: Die faszinierende Welt des Bieres
Bier ist eines der ältesten alkoholischen Getränke der Menschheit, mit Ursprüngen vor über 7.000 Jahren in Mesopotamien und Ägypten. Mönche verfeinerten das Brauhandwerk im Mittelalter, insbesondere in Deutschland, wo 1516 das Reinheitsgebot erlassen wurde. Die Industrialisierung führte zu modernen Braumethoden und globaler Verbreitung.
Hier sind die wichtigsten Biersorten weltweit:
Untergärige Biere:
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Pils – Herb, hopfenbetont, klar (Deutschland, Tschechien)
- Helles – Mild, malzig, süffig (Deutschland)
- Export – Vollmundiger als Pils, aber weniger herb (Deutschland)
- Märzen – Kräftig, malzig, traditionell fürs Oktoberfest (Deutschland, Österreich)
- Dunkles Lager – Malzig-süß, karamellartig (Deutschland, Tschechien)
- Bockbier – Starkbier, süßlich, malzbetont (Deutschland)
Obergärige Biere:
- Weizenbier (Hefeweizen) – Fruchtig, spritzig, oft mit Bananenaroma (Deutschland)
- Kölsch – Leicht, fruchtig, süffig (Köln, Deutschland)
- Altbier – Dunkel, malzig, leicht herb (Düsseldorf, Deutschland)
- Belgisches Dubbel/Tripel – Stark, fruchtig, oft mit Gewürznoten (Belgien)
- Stout – Dunkel, röstig, oft mit Kaffee-/Schokoladennoten (Irland, England)
- Porter – Etwas leichter als Stout, süßlicher (England)
- IPA (India Pale Ale) – Stark hopfenbetont, fruchtig bis bitter (USA, England)
Dazu gibt es viele regionale Spezialitäten und moderne Craft-Bier-Stile.
Fazit
Die deutsche Brauwirtschaft steht vor einer tiefgreifenden Krise, die strukturelle Veränderungen in der Branche auslösen könnte. Während einige Unternehmen durch Innovationen und Diversifikation wachsen, kämpfen viele kleinere Brauereien ums Überleben. Die Branche muss sich den veränderten Konsumgewohnheiten anpassen und gleichzeitig eine angemessene Wertschöpfung sicherstellen. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Markt in den kommenden Jahren entwickeln wird und welche Strategien sich als erfolgreich erweisen.