Donnerstag, 25.11.2021

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Wachstum: Deutschland vertagt die Erholung vom Corona-Schock ins kommende Jahr.

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Deutschland wächst wie China

Im kommenden Jahr soll Deutschland zum ersten Mal genauso schnell wachsen wie China. Das geht aus den Prognosen der Landesbank Baden-Württemberg hervor, die üblicherweise eher für zurückhaltende Voraussagen bekannt ist.

Ein derartiges Tempo wäre für Deutschland ein bisher nie erreichter Spitzenwert. Auch der Euroraum, wird diesen Erwartungen zufolge mit einem Plus von 5,1 Prozent deutlich zulegen. Deutsche Wachstumslokomotive ist Baden-Württemberg mit einem prognostizierten Zuwachs von 5,5 Prozent gefolgt von Bayern, das den Prognosen zufolge 5,4 Prozent zulegen wird – mehr als das Reich der Mitte in diesem Jahr.

"2022 wird ein gutes Jahr", sagt Thomas Meißner, Leiter des Bereichs Makro- und Strategy-Research. Die Auftragsbücher seien so voll, wie selbst vor der Pandemie nicht. Das hohe Tempo sei allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass durch die vierte Corona-Welle und den derzeit schlecht funktionierenden Lieferketten viel Wachstum in das kommende Jahr verlagert werde. So sei bereits eine Entspannung auf dem Markt für Halbleiter zu erwarten. Schon jetzt würden die Preise für viele Materialen zurückgehen, was für eine allmählich bessere Versorgung spricht. Deutschland vertagt also die Erholung vom Corona-Schock ins kommende Jahr und wird 2021 nur 2,4 Prozent zulegen, was aber ebenfalls schon ein überdurchschnittlicher Wert ist.

Beim Blick in ihre Glaskugel erwarten die Experten der LBBW einen Rückgang der Inflation auf 2,6 Prozent nachdem in diesem Herbst die Preise sogar um 4,5 Prozent zugelegt haben. Billiger werden die Waren aber kaum mehr, so Meißner. Als Grund nennt er unter anderem höhere Kosten für CO2-Abgaben und für die Lagerhaltung der Unternehmen, die nach den Erfahrungen lieber mehr Vorräte halten werden, für den Fall, dass eine Lieferkette wieder reißen sollte. Zudem werden die Unternehmen auch mehr für Löhne und Gehälter ausgeben, denn die LBBW-Experten gehen von einer deutlichen Tarifrunde in den verschiedenen Branchen aus. Das unterstreicht beispielsweise der jetzt erzielte Abschluss im Bereich Metallbau und Feinwerktechnik in Baden-Württemberg. Die 40.000 Beschäftigten der Branche erhalten ab Dezember 3,6 Prozent mehr Geld. Und eine Einmalzahlung von 120 Euro. Wenig Entspannung wird es nach den Prognosen der Stuttgarter Banker an den Tankstellen geben. Im Schnitt wird das Fass Öl 75 Dollar kosten, also knapp unter dem aktuell gehandelten Preis.

LBBW-Chefökonom Moritz Kraemer geht davon aus, dass die Europäische Zentralbank ihren Kurs beibehalten und die Zinsen weiter niedrig halten wird. Das ist keine gute Nachricht für die Sparer, die sich darum weiterhin nach anderen Anlagemöglichkeiten umsehen sollten. Analystin Alexandra Schadow sieht vor allem die Werte klassischer Unternehmen im Kommen, während sich die Zuwächse der so genannten Wachstumswerte weniger gut entwickeln werden: "Value vor Grow, lautet die Devise für 2022." Die Anleger werden also genauer auswählen müssen, denn die pauschal kräftigen Zuwächse wie in diesem Jahr, wird es wohl 2022 an den Aktienmärkten nicht geben. So sieht die LBBW den DAX Ende kommenden Jahres bei 16.500 Punkten. Auch bei der Entwicklung des Goldpreises werden keine großen Sprünge erwartet.

Weiterhin niedrige Zinsen sind prinzipiell eine gute Nachricht für Immobilienkäufer. Die werden allerdings nach den Erwartungen der LBBW-Analysten im kommenden Jahr noch tiefer in die Tasche greifen müssen. "Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht", so Meißner, obwohl schon in diesem Jahr die Preise um gut zehn Prozent gestiegen sind.

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