Samstag, 05.11.2022
Zukunftsmärkte
Interview

Die Bank als Ausfallrisiko

Stehen die Finanzinstitute in der Not an der Seite ihrer Firmenkunden?
Der Winter wird’s zeigen. Es sieht nicht gut aus.

Hohe Kosten: Der Händler Görtz versuchte es auch mit luxuriösen Schuhen. Es half nicht, er meldete Insolvenz an.

© picture alliance / dpa | Maja Hitij

Es müsste gut laufen für Deutschlands Kreditinstitute. Unternehmen brauchen Geld – das bedeutet neue Kunden oder mehr Geschäft. Doch im Herbst 2022 sieht es anders aus: „In vielen Banken ist das Neugeschäft bei Krediten geradezu unerwünscht“, sagt Axel Stauffenberg, KMU-Fachberater und Spezialist für Unternehmensnachfolge. Denn in der Krise steigen die Risiken der Unternehmen. Gleichzeitig stehen auch die Kreditinstitute unter Druck. Eine geradezu toxische Mischung.

Auf der einen Seite also die Unternehmen – angeschlagen von Corona, gebrochenen Lieferketten und hohen Energiepreisen. Sie fürchten um ihre Liquidität. Manche um ihre Existenz. So wie die Schuhkette Görtz: Das Hamburger Familienunternehmen meldete im September Insolvenz in Eigenverwaltung an. Andere Firmen stornieren jetzt sinnvolle Investitionen, verschieben Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsprojekte auf „nach der Krise“. Kapitalpuffer sind verschwunden.

Auf der anderen Seite die Hausbanken, Kreditvermittler und Direktbanken – in der Not sind sie bei Unternehmen gefragt, aber auch sie kämpfen. Das Einlagengeschäft lässt nach. Das Immobiliengeschäft ist wegen steigender Zinsen eingebrochen und weil die Menschen das Geld mehr zusammenhalten. Die Inflation schmälert die Kreditnachfrage. Die Bewertung der bankeigenen Geldanlagen sinkt. Das Ausfallrisiko der Darlehen steigt. Und während sie noch lang laufende, niedrig verzinste Kredite im Portfolio haben, müssen sie sich teurer am Kapitalmarkt refinanzieren.

Die Folge: „Wer Kredit bnötigt, muss deutlich mehr Eigenkapital nachweisen, gestiegenen Zins und eine höhere Tilgung akzeptieren“, sagt Fachberater Stauffenberg. Er stammt aus Bottrop und ist ruhrgebietstypisch direkt. Wer jetzt ein Darlehen brauche, müsse „seine Bank mehr denn je als Partner auf Augenhöhe sehen und sich finanziell und strategisch ehrlich bis auf die Knochen machen“. Immerhin: „Von dieser Transparenz profitieren aber auch die Unternehmen selbst.“

Kleine und mittlere Firmen können alles richtig gemacht haben. Interessantes Geschäftsmodell bei niedrigen Kosten, solider Kundenstamm, alles so schön grün hier – und nachhaltig. Trotzdem interessieren sich die Firmenkundenbetreuer der Banken plötzlich für den Energiekostenmix, um das Ausfallrisiko realistisch einschätzen zu können. Und im Zweifel gibt es dann kein Geld.


Mehr Insolvenzen erwartet

Zu Recht: Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform meldete Anfang Oktober, das Ausfallrisiko von Unternehmen steige derzeit fast wöchentlich. Rechnung würden, egal ob von Selbstständigen oder Konzernen, immer öfter erst nach dem Zahlungsziel beglichen. Im ersten Quartal 2023 rechnet Creditreform mit einem starken Anstieg der Insolvenzen und die Landesbank Hessen-­Thüringen für 2023 und 2024 mit einem Höhepunkt der Kreditausfälle.

Wollen die Banken also den Unternehmen nicht helfen und verzichten auf Geschäft oder können sie nicht? Die Antwort lautet: Viele sollen nicht. Joachim Wuermeling, im Vorstand der Bundesbank unter anderem für die Bankenaufsicht zuständig, appellierte soeben mit Blick auf den kommenden Herbst und Winter eindringlich: „Banken müssen alles tun, um ihre Kapitalbasis zu erhalten, auch wenn das schmerzhafte Entscheidungen erfordern mag. Gleichzeitig sollten sie jegliche Verschlechterung der Kreditqualität so rasch wie möglich anerkennen und bilanziell abbilden. Hier gilt es, Charakter zu zeigen.“

Deutschlands Banken sollten für eine Rezession gerüstet sein. Dem Stresstest im September zufolge verfügen auch kleine und mittelgroße Geldinstitute über reichlich Kapital. Ihr Gewinn vor Steuern lag 2021 erstmals seit 2017 wieder deutlich über dem langfristigen Mittelwert, wie die Bundesbank berichtet. Der Provisionsüberschuss stieg um rund 18 Prozent. Aber: Die ebenfalls steigenden Verwaltungskosten haben die Wirtschaftlichkeit der deutschen Banken auch im europäischen Vergleich verschlechtert.

Raimund Röseler, oberster Bankenaufseher der Bundesfinanzaufsicht BaFin, mahnt: „Eine niedrige zweistellige Anzahl von Instituten wird im Fall eines deutlichen wirtschaftlichen Abschwungs zu kämpfen haben.“ Ende 2021 gab es 1445 Kreditinstitute in Deutschland. Die BaFin hat bereits angeordnet, dass alle ab 2023 zusätzliches Eigenkapital für Immobilienkredite halten müssen.

Der zur Europäischen Zentralbank gehörende Systemrisikorat drückt es klarer aus: Zum ersten Mal seit der Finanzkrise gab er eine „allgemeine Warnung“ heraus – wegen „einer Reihe schwerwiegender Risiken für die Finanzstabilität“.


Zwei Wochen später drängte der Ausschuss für Finanzstabilität (AFS), deutsche Finanzinstitute sollten sich auf eine signifikant veränderte Risikolage einstellen, um die Widerstandsfähigkeit des deutschen Finanzsektors zu erhalten. Das alles bedeutet: Die Kreditvergabe wird schwieriger. Aber womöglich nicht für alle.

Aus Sicht von Nadine Methner, Chefin des Bereichs Business Banking bei der ING Deutschland, kommt es auch auf den digitale Affinität und verfügbare Daten an. „Für unsere Risikobewertung sind nicht mehr Zahlen aus der Unternehmensvergangenheit entscheidend. Wir brauchen transparente Daten, wie das Unternehmen jetzt performt und was es in Zukunft plant. Unsere Experten setzen das dann in den Kontext des jeweiligen Sektors.“

Methner ist zuständig für Kredite bis 750.000 Euro an kleine und mittlere Unternehmen. Ihre Erfahrung: Für fortschrittliche Betriebe sei die entsprechende Aufbereitung ihrer Daten längst Standard. Die ING könne diese schneller verarbeiten und der Kunde bekomme in maximal zwei Tagen eine Entscheidung. Win-win, wenn es gut läuft. Methner sieht trotz der Krise konkrete Chancen für Unternehmen: „Die grüne Transformation, regionale Lieferketten und Onlinehandel werden immer wichtiger.“ Das erkenne sie schon in vielen Portfolios, vor allem im Handwerk. „Ich bin immer wieder beeindruckt, wie wandlungsfähig Unternehmen sein können.“


Hohe Ablehnungsquote

Auf der Suche nach einem Darlehen können unabhängige Kreditvermittler mit einem fairen Honorarmodell jetzt mehr denn je punkten. Sie bemühen sich im Auftrag ihres Kunden um Angebote bei Dutzenden Banken. Das kann helfen. Denn Paul Weber, Geschäftsführer von Deutsche Firmenkredit Partner, berichtet: „Die Zahl der Abschlüsse im Neukundengeschäft über unsere Plattform ist derzeit zwei bis vier Mal höher als die direkt bei einer Bank. Die Ablehnungsquote im Neugeschäft liegt aber immer noch bei mehr als 90 Prozent.“ Direkt bei Banken ist sie sogar noch höher.

Besser sieht es aus für Bestandskunden. Weil den Kreditinstituten das Immobiliengeschäft wegbricht, wird das Firmenkundengeschäft als Ertragsquelle noch wichtiger. Es gilt aber auch: Je kleiner der Kredit, desto schwieriger ist er zu bekommen. Weber rechnet vor, warum: „Der Kostenaufwand für den internen Prozess ist für die Bank gleich hoch, egal ob für 200.000 Euro oder für zwei Millionen Euro. Bei letzterem ist ihr anteiliger Ertrag aber höher.“

Von einem höherem Ertrag kann bei Unternehmensverkäufen keine Rede mehr sein. KMU-Berater Stauffenberg warnt: „Weil sich auch die Kredite für Unternehmensübernahmen verteuern, müssen sich Verkäufer und Interessenten auf Veränderungen einstellen.“ Solche Konzepte werden bei der Bank noch härter geprüft. „Immer schon überschätzen viele Eigentümer den Wert ihres Unternehmens, aber jetzt noch mehr. Insbesondere der Kaufpreis wird heute hart nach unten verhandelt.“ Womit der künftige Ex-Chef einmal für seine Altersvorsorge kalkuliert hat, spielt dann keine Rolle mehr.

Käufer müssen den Banken für einen Kredit Stauffenberg zufolge statt 15 Prozent jetzt doppelt so viel Eigenkapital nachweisen und schneller tilgen. „Nun kommt es auf Kompromisse an“, sagt er. „Etwa indem Teile des Kaufpreises langfristig in Raten abgezahlt werden. Auch so kann man einem Nachfolger aufs Pferd helfen, das Lebenswerk und die Arbeitsplätze erhalten.“ 

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