Montag, 25.02.2013
Hansgrohe, Indien, Bürokratie

Quelle: Hansgrohe

Vinod Shankar ist National Sales Manager bei Hansgrohe in Indien.

Zukunftsmärkte
Wachstumsmarkt Indien

"Die Bürokratie in Indien ist ein echtes Hemmnis"

Die Bürokratie in Indien gilt als Hemmnis für eine Expansion. Wer die Regeln kennt, dem fällt der Markteinstieg leichter.

Versteckte und undurchsichtige Regelungen machen Unternehmen, die den Markteintritt in Indien vorbereiten, das tägliche Leben schwer. Die Bürokratie trifft in- und ausländische Unternehmen gleichermaßen. Eine scheinbar reine Formalie führt oftmals bereits zu Beanstandungen. Dies wiederum kann zu einer enormen Zeitverzögerung führen. Bei der Gesellschaftsgründung gibt es etwa Probleme mit der Bank of India, wenn die Einlagen mit einem falschen Verwendungszweck überwiesen werden und dann nicht zuzuordnen sind. Die Konsequenz ist, dass die Bank das Geld sperrt und oftmals erst wieder nach Monaten freigibt. Dabei geht die Gründung selbst relativ einfach vonstatten. 100.000 Rupien beträgt das Mindestkapital, was weniger als 1.500 Euro entspricht. Nach Abschluss des Genehmigungsverfahrens ist die Gesellschaft in ein bis zwei Monaten eingetragen.

Steuern beeinflussen Markteintritt

Welche Form des Markteintritts gewählt wird, hängt oftmals an der Steuerlast. Es können sowohl die Zentralregierung als auch die einzelnen Bundesstaaten Steuern erheben und einziehen. Bei der Zentralregierung sind die Einkommen- und Körperschaftsteuer, Zoll und Verbrauchssteuern angesiedelt. Die Bundesstaaten erheben Mehrwertsteuer, Grundsteuer und Stempelsteuer. Über das indische Steuerrecht informiert German Trade and Invest (GTAI).

Der erste Schritt für ein Unternehmen ist oft der reine Export. Später entscheiden sich Unternehmen dann häufig zur Gründung einer Tochtergesellschaft. Daneben gibt es allerdings noch weitere Formen, die Unternehmen in Betracht ziehen sollten. Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über verschiedene Markteintrittsformen.

Indien, Markteintritt

Unterschiedliche Formen des Markteintritts in Indien.

Schiedsgericht vereinbaren

Einer Studie der Weltbank zufolge, liegt Indien bei der Rechtsdurchsetzung auf Platz 182 – von insgesamt 183 Staaten. Um Rechtsstreitigkeiten vor indischen Gerichten erst gar nicht aufkommen zu lassen, sollte eine Schiedsgerichtsklausel in Verträge aufgenommen werden. Mit einer solchen Klausel legen die Vertragsparteien fest, dass bei Streitigkeiten
das Schiedsgericht und nicht ein ordentliches nationales Gericht zu entscheiden hat. Schiedsgerichte sind auch in Indien eine etablierte Form der Streitbeilegung. Diese Schiedsgerichte sitzen häufig in Drittländern. Beliebte Schiedsgerichte haben ihren Sitz etwa in Singapur, Hongkong oder auch in Paris,wo sich das Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer befindet. Die Schiedsgerichtsklausel hat den Vorteil, dass ein Verfahren vor einem Schiedsgericht schon in etwa zwei bis drei Jahren abgeschlossen sein kann und Urteile auch vollstreckbar sind. Nicht selten befindet sich der Sitz des Schiedsgerichtes in einem Drittland.

Dr. Jörg Podehl, Rechtsanwalt bei Peters Rechtsanwälte, gibt im Interview mit uns einen Überblick über die Besonderheiten des indischen Markts.

Dr. Jörg Podehl ist Rechtsanwalt bei Peters Rechtsanwälte.

Markt und Mittelstand: Was ist das besondere am indischen Markt?
Dr. Jörg Podehl: Der indische Markt ist von großer Heterogenität geprägt. 25 offizielle Landessprachen, verschiedene Ethnien. Das Land ist ein Subkontinent mit einer vergleichbaren Ausdehnung etwa von Irland bis zur Ukraine und von Skandinavien bis Sizilien. Dieses riesige Land kann man nicht mal so einfach mit einem Handelsvertreter abgrasen, in der Hoffnung, so den Markt erschließen zu können. Für den Aufbau von Geschäftsbeziehungen braucht man Zeit.


MuM: Was sind momentan die größten Schwierigkeiten für deutsche Mittelständler in Indien Fuß zu fassen?
Podehl: Das Hauptproblem der Mittelständler ist, dass sie den Markt nicht konsequent genug bearbeiten. Oft müssen Vertriebsmitarbeiter neben dem indischen Markt vielleicht auch noch China und Afrika mit bearbeiten. Das funktioniert nicht. Aus rechtlicher Sicht gibt es immer wieder Probleme mit Marken- und Patentschutz. Und wenn ein Unternehmer hier den Rechtsweg beschreiten möchte, ziehen gut und gern schon mal 10-14 Jahre ins Land, bis ein Urteil in erster Instanz ergeht. Die Bürokratie in Indien ist ein echtes Hemmnis, die Behörden sind extrem überlastet. Die Rechtsdurchsetzung dauert, wie gesagt, sehr lang. Das heißt: Wer sich gut absichern möchte, braucht sehr gute Verträge, in denen bei Streitigkeiten auch entsprechend die Anwendung eines Schiedsgerichts bestimmt wird.


MuM: Was sollten die ersten Schritte für einen Mittelständler sein, der auf dem indischen Markt Fuß fassen möchte?
Podehl: Die unterscheiden sich eigentlich gar nicht großartig zu jenen Schritten, die ein Mittelständler machen muss, wenn er auf einen anderen neuen Markt gehen möchte. Markt sondieren, viele Gespräche mit Kammern, Verbänden und Beratern führen und schließlich – was ich für besonders wichtig erachte, gerade aber von Mittelständlern oft vergessen wird – ist die Überprüfung der Kreditwürdigkeit des lokalen Partners. Viele Inder sind gute Selbstdarsteller, sie stehen in einem großen Konkurrenzkampf. Wenn man hier auf den falschen Partner setzt, kann dies böse Folgen haben.


MuM: Wie beurteilen Sie generell die Rechtssicherheit, auch im Hinblick auf Korruption?
Podehl: Rechtssicherheit ist in Indien wirklich gegeben, das materielle indische Recht ist gut. Nur ist die Umsetzung aufgrund der Überlastung der Gerichte problematisch. Was die Korruption betrifft, so ist uns – entgegen anderen Meldungen – vom High Court aufwärts keine Korruption bekannt. Kritisch ist allerdings, dass die indische Regierung diese Situation zuletzt geschwächt hat, indem sie im Fall Vodafone rückwirkend ein Steuer-Gesetz geändert hat, mit dem ein höchstgerichtliches Urteil praktisch rückgängig gemacht werden sollte - ein Verstoß gegen das Rückwirkungsverbot.


MuM: Was sind die aktuellsten Entwicklungen und die Herausforderungen für die nahe Zukunft?
Podehl: Indien ist eine Gesellschaft im Umbruch, das Durchschnittsalter liegt bei 26 Jahren, in Deutschland bei 46 Jahren. Sehr viele junge, teils gut, aber teils auch schlecht ausgebildete Menschen drängen auf den Markt. Diese gilt es vernünftig zu integrieren und weiterzubilden. Darin steckt auch ein enormes Potential für Mittelständler, die Arbeitskräfte vor Ort benötigen. Wirtschaftlich liegt der deutsche Außenhandel mit Indien in etwa auf dem Niveau desjenigen mit der Slowakei – daran sieht man welch enormes Potential hier noch schlummert.

2020 © Markt und Mittelstand · Alle Rechte vorbehalten.

Der Newsletter für Unternehmer – jeden Donnerstag in Ihr Postfach

NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN