Montag, 04.05.2020
Branche in der Krise: Das Coronavirus trifft die Automobilindustrie besonders hart.

Foto: Traimak_Ivan/ iStock/ Getty Images

Branche in der Krise: Das Coronavirus trifft die Automobilindustrie besonders hart.

Zukunftsmärkte
Folgen der Pandemie

„Die Corona-Krise wird Trends beschleunigen“

Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie werden die Wirtschaft nachhaltig verändern, sagt M&A-Berater Christian Saxenhammer. Im Interview erklärt er, welche Folgen das für den Mittelstand haben wird.

Herr Saxenhammer, noch sind wir mittendrin in der Corona-Krise, doch auch diese Pandemie wird zum Glück irgendwann vorbei sein. Welche langfristigen Auswirkungen wird diese Krise haben?

Abgesehen davon, dass einige Unternehmen diese Krise nicht überstehen werden und Insolvenz anmelden müssen, wird das Coronavirus Trends in der Wirtschaft, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, beschleunigen. 

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An welche Trends denken Sie dabei?

Wir werden zum Beispiel eine weitere Zunahme des Onlinehandels erleben. Unternehmen, die in der Zeit der geschlossenen Geschäfte erfolgreich digitale Vertriebskanäle eröffnet haben, werden diese auch in Zukunft verwenden und ausbauen. Ganz allgemein wird sich die Digitalisierung in der Wirtschaft beschleunigen. Viele Betriebe wurden in den vergangenen Wochen durch das Virus dazu gezwungen, Prozesse zu digitalisieren und zudem Homeoffice anzubieten. Auch das wird nach der Krise bleiben. Unternehmen, die diesen Weg konsequent weiter gehen, können langfristig sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen. Ich habe aber auch eine schlechte Nachricht für den Mittelstand.

Christian Saxenhammer ist Geschäftsführer der Investmentbank Saxenhammer & Co.

Foto: Saxenhammer & Co.

Christian Saxenhammer ist Geschäftsführer der Investmentbank Saxenhammer & Co.

Welche ist das?

Auch der Trend zur Konsolidierung – also weg von vielen kleineren Betrieben und hin zu größeren Unternehmen, die durch Übernahmen entstehen – wird durch das Virus weiter zunehmen. Die Firmen, die nach der Krise noch ausreichend Kapital haben, werden die Gelegenheit nutzen und angeschlagene Mittelständler günstig aufkaufen. Größere Unternehmen haben durch die höhere Finanzkraft einfach mehr Marktmacht.

 

Werden bestimmte Branchen davon besonders betroffen sein?

Ich glaube, wir werden vor allem bei der Automobilindustrie eine starke Konsolidierung erleben. Schon vor dem Coronavirus befand sich die Branche in einem Umbruch. Die Konzerne versuchen durch Übernahmen von Zulieferern ihre eigene Wertschöpfungstiefe zu erhöhen. Durch die entstehenden Synergien möchten sie die unter Druck geratenen Umsätze ein Stück weit kompensieren. Außerdem wollen die Automobilkonzerne immer stärker mit Systemlieferanten zusammenarbeiten. Der Zulieferer soll zum Beispiel nicht mehr nur die Elektronik für das Lenkrad liefern, sondern das komplette Lenkrad – und das am besten auch noch jeweils lokal vor Ort produzieren, wo die großen Fabriken der Konzerne jeweils sitzen.

 

Was raten Sie Mittelständlern, wie sie mit einem solchen Konsolidierungsdruck umgehen sollen?   

Sich unabhängiger von den Automobilkonzernen zu machen, ist schwierig. Ein Unternehmen kann nicht so ohne weiteres einfach die Branche wechseln. Außerdem haben Zulieferer der Automobilindustrie die Gewissheit, dass sie große Stückzahlen ihrer Komponenten absetzen können, wenn auch inzwischen häufig zu Preisen, bei denen es keine großen Margen mehr gibt. Eine solche Planungssicherheit ist auch ein wichtiges Gut. Ich rate KMU daher dazu, sich stärker mit anderen Mittelständlern zu vernetzen und dort wo es Sinn ergibt, strategische Partnerschaften zu schließen. Wenn sie mit einer gemeinsamen Stimme sprechen, haben sie gegenüber größeren Unternehmen eine bessere Position. Das ist übrigens ebenfalls eine Entwicklung, die das Coronavirus beschleunigt. Einige Unternehmen haben sich in den vergangenen Wochen bereits vernetzt, um gemeinsam medizinische Produkte herstellen zu können. 

 

Eine andere Möglichkeit, seine Finanzkraft und damit Marktposition zu stärken, ist die Suche nach einem Investor. Dadurch können Unternehmen ihr Eigenkapital stärken und auch in einer solchen Krise investieren.

Eines hat die Corona-Krise aber doch auch gezeigt: Die jetzigen internationalen Lieferketten können schnell zusammenbrechen und die Produktion dadurch ins Stocken geraten. Ist im Hinblick darauf eine Konsolidierung in der Wirtschaft sowie der Trend zu Systemlieferanten nicht gefährlich? Dadurch sinkt die Zahl der möglichen Lieferanten.

In der Medizinbranche werden wir vielleicht durch politischen Druck und Subventionen erleben, dass sich die Zahl der Produzenten erhöht, in anderen Branchen wird das aber nicht der Fall sein. Das Virus wird die Internationalisierung der Wirtschaft nicht zurückdrehen. Wir werden nicht plötzlich anfangen alles wieder in Deutschland oder der Europäischen Union zu produzieren. Das lohnt sich aufgrund der hohen Produktionskosten bei bestimmten Waren einfach nicht und das bleibt auch in Zukunft so.

Natürlich führt eine Konsolidierung zu einer größeren Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten. Auf der anderen Seite kann dadurch aber günstiger produziert werden. Das sind die beiden Seiten der Medaille. Unternehmen müssen immer abwägen, welche davon überwiegt. Sich nur auf einen einzigen Lieferanten zu verlassen, ist zweifelsohne immer riskant. Das machen Unternehmen aber sowieso nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Daran wird auch die Corona-Krise nichts ändern.