Mittwoch, 22.11.2017
Gefährliches Pflaster: Damit sich Geschäftsreisende in Ländern, in denen andere Spielregeln gelten, gar nicht erst in brenzlige Situationen begeben, kann ein Sicherheitstraining helfen.

Foto: Thinkstock/GettyImages/passionng

Gefährliches Pflaster: Damit sich Geschäftsreisende in Ländern, in denen andere Spielregeln gelten, gar nicht erst in brenzlige Situationen begeben, kann ein Sicherheitstraining helfen.

Zukunftsmärkte
Sicherheitstrainings für Geschäftsreisende

Die Fürsorgepflicht gegenüber Angestellten endet nicht am Werkstor

Unwetter, Unruhen, Unfälle – viele Unternehmen unterschätzen das Thema „Sicherheit“ auf Geschäftsreisen immer noch. Damit Businesstrips in Risikoländer nicht in eine Katastrophe münden, kann ein Sicherheitstraining für die Mitarbeiter helfen.

Der Monsun hat erbarmungslos zugeschlagen: Die Gruppe Geschäftsreisender steht bereits knöcheltief im Wasser in einer indischen Hotellobby. Und der Pegel steigt weiter … Ortswechsel: Zigtausende demonstrieren in der nordafrikanischen Metropole gegen das Regime. Die Machthaber reagieren brutal und schießen in die Menge. Im Businesshotel im Zentrum bangt die Delegation des Mittelständlers aus Olpe um ihr Leben.

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Gefahren und Risiken wie diese lauern rund um den Globus.Wenn es um Leib und Leben geht, sorgen Unternehmen wie der Reisesicherheitsberater Smart Risk Solutions aus Grünwald dafür, dass im Notfall alle Mitarbeiter sicher wieder nach Hause kommen.Und sie bereiten Firmen und deren Angestellte in speziellen Sicherheitstrainings auf den Ernstfall vor.

Längst machen die Terroranschläge nicht mehr Halt vor den europäischen Metropolen. Das hat das Thema „Sicherheit auf Geschäftsreisen“ in das Bewusstsein der Firmenchefs gerückt. Und dennoch: „Es gibt immer noch viele Mittelständler, bei denen die Geschäftsleitung die Dringlichkeit nicht begriffen hat“, sagt Brigitte Lehle, Leiterin des Fachausschusses für Sicherheit beim Geschäftsreiseverband VDR. Unternehmen,die ihre Mitarbeiter auf Geschäftsreisen schicken, empfiehlt sie vorzubeugen: „Die Vorbereitung der Mitarbeiter auf das Zielland und ein Dienstleister im Hintergrund, der im Notfall mit Experten helfen kann, sind das A und O.“

Bei Anruf Notfall

Die Realität in vielen Unternehmen sieht immer noch anders aus: Jeder zweite Geschäftsreisende weiß etwa nicht, an wen er sich im Notfall wenden kann. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Concur, einem Anbieter von Lösungen für Reisemanagement und Reisekostenabrechnung.

Darin heißt es weiter: Mehr als die Hälfte der kleinen und mittleren Unternehmen habe keine klaren Prozesse definiert, was im Krisenfall zu tun ist. Noch erschreckender: Ein Viertel der Befragten traut dem Unternehmen nicht zu, im Notfall eingreifen zu können. Das beobachtet auch Pascal Michel, Geschäftsführer von Smart Risk Solutions: „Viele Mittelständler haben keinen Notfallplan. Ist dann etwas passiert, fangen die erst mal an zu googeln.“

Unternehmen unterschätzen Risikopotential

Auch Veit Voßberg, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Rudolf & Vossberg, plädiert für mehr Vorsicht und Vorbereitung. Wenn es darum gehe, einen Mitarbeiter längerfristig ins Ausland zu entsenden, bereiteten sich die meisten Unternehmen akkurat vor und träfen oft sogar mehr Vorsorgemaßnahmen, als vom Gesetzgeber gefordert.

Anders sehe es hingegen bei simplen Geschäftsreisen aus. Deren Risikopotential werde häufig unterschätzt. Dabei gelten bei Geschäftsreisen ins Ausland, selbst wenn ein Monteur nur für zwei Wochen nach China geschickt wird, dieselben Fürsorgepflichten wie bei monatelangen Auslandsentsendungen. Der Grund für diese Nachlässigkeit: Anders als bei den großen Konzernen, die oftmals eine eigene Reiseabteilung oder einen Travelmanager haben, ist bei kleinen und mittleren Unternehmen die Personalabteilung mit der Vorbereitung von Geschäftsreisen betraut – und die weiß häufig gar nicht, dass die Sicherheitsplanung ebenfalls Teil ihrer Aufgaben ist.

Arbeitgeber haben Informationspflicht

Diese Unwissenheit kann fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Denn: Kommen Arbeitgeber ihrer Fürsorge nicht nach, können Arbeitnehmer Schadenersatzansprüche stellen. Außerdem kann das Renommee des Unternehmens darunter leiden. Wenn der Geschäftsführung die Sicherheit der eigenen Belegschaft egal sei, spreche sich das schnell in der Branche herum, gibt Voßberg zu bedenken.

Laut Paragraph 618 BGB haben Arbeitgeber die Pflicht, das Leben und die Gesundheit des Arbeitnehmers vor Gefahren zu schützen. Zwar sei im Gesetz nicht abschließend geregelt, welche konkreten Aufgaben Unternehmen hätten, die einen Mitarbeiter ins Ausland schickten, sagt Rainer Elsmann, Vertriebsdirektor bei Dr. Walter Auslandsversicherungen. Aber in der Rechtsprechung zeige sich ein eindeutiger Trend: Firmen müssten im Rahmen der Fürsorgepflicht ihre Mitarbeiter über mögliche Risiken im Reiseland informieren. 

Reiseziel bestimmt die Fürsorgepflichten

Dazu zählten neben sicherheitsrelevanten Aspekten auch rechtliche, medizinische und kulturelle Risiken. „Ein Unternehmen darf eine Mitarbeiterin nicht einfach nach Jordanien schicken, ohne sie vorher darüber aufzuklären, dass sie dort ein Kopftuch tragen muss“, sagt Elsmann. Wie weit die Fürsorgepflichten des Unternehmens gehen, hängt immer auch von der Dauer der Reise, dem Land sowie der Erfahrung des Reisenden ab.

Prinzipiell gilt: Je schlechter die Bedingungen im Reiseland sind, desto größer sind auch die Fürsorgepflichten des Unternehmens, führt der Mainzer Anwalt Voßberg aus. Allerdings genügt es nicht, dem Mitarbeiter diese Informationen nur bereitgestellt zu haben. Firmen rät der Arbeitsrechtler daher, sich vom Arbeitnehmer schriftlich bestätigen zu lassen, dass er über eventuelle Risiken aufgeklärt wurde und diese auch verstanden hat. Mitarbeiter können es allerdings dann auch ablehnen, in ein besonders gefährliches Land auf Dienstreise geschickt zu werden.

Sicherheitstraining

Lehnt der Mitarbeiter nicht ab, bietet etwa Smart Risk Solutions Sicherheitstrainings an. Geschäftsreisende, die eines durchlaufen, lernen, schon vor der Reise zu erkennen, welche Situationen gefährlich werden könnten. „In 99 Prozent der Fälle entpuppen sich diese dann als harmlos“, sagt Geschäftsführer Pascal Michel. Aber das eine Prozent seien Situationen, die sich ohne das richtige Verhalten zu einer lebensgefährlichen Bedrohung auswachsen könnten.

In einem eintägigen Sicherheitstraining erlernen und üben die Teilnehmer das richtige Verhalten bei einem Raubüberfall oder bei medizinischen Notfällen. Sie erfahren, wie sie am besten auf einen korrupten Sicherheitsbeamten reagieren, wenn sie in eine Straßenkontrolle geraten, oder warum sie immer eine Kopie des Passes und des Visums anfertigen sollten – und worauf sie beim Aussteigen aus dem Flugzeug bis zum Erreichen ihres Hotelzimmer achten sollten.

Keine leichte Beute

„Flughäfen sind ein regelrechtes Jagdrevier für Kriminelle“, sagt Michel. Damit der Geschäftsreisende nicht zur leichten Beute wird, sollte er wissen, wer ihn vom Airport abholt. Im Idealfall bekommt er vorab die Telefonnummer des Fahrers. Denn: „Wenn der Fahrer mit einem Namensschild auf den Reisenden in der Ankunftshalle wartet, hat der Reisende mancherorts nur eine fünfzigprozentige Chance, im richtigen Auto zu landen“, führt Michel aus.

In Lateinamerika und mittlerweile auch in Schanghai sei es eine beliebte Masche von Kriminellen, die Namen auf solchen Pappschildern zu kopieren. Der Geschäftsmann aus Deutschland findet sich dann unversehens in einem Auto wieder, in dem er mit vorgehaltener Waffe von Bankautomat zu Bankautomat gekarrt wird. Michel probt genau solche Szenarien. Geht es in Hochrisikoländer wie etwa Nigeria, werden in dreitägigen Sicherheitstrainings zusätzlich länderspezifische Gefahrensituationen erprobt.

Hinter Panzerglas

Wenn gewünscht, organisieren die Sicherheitsfirmen auch den Personenschutz vor Ort und gepanzerte Fahrzeuge. Je nachdem, welches Paket ein Mittelständler bucht, variiert der Preis. Während die Kosten für ein Sicherheitstraining überschaubar sind, bewegen sich die Ausgaben für Personenschutz und ein gepanzertes Fahrzeug schnell im vierstelligen Bereich.

Meist geht es im Ernstfall aber weder um das Überleben in einer Naturkatastrophe oder um eine Entführung. In mehr als 90 Prozent der Fälle, die sein Team über die Notfallhotline erreichten, handele es sich um medizinische Probleme, berichtet Michel.

Gut versichert

Mit der Aufklärung der Mitarbeiter allein ist es freilich nicht getan. Oft habe er Unternehmen am Telefon, die plötzlich Aufträge aus dem Iran oder Irak an Land gezogen hätten und sich über eine Versicherung erkundigen wollten, berichtet Versicherungsspezialist Elsmann. Frage er bei den Firmen dann nach, in welchen Ländern sie noch Geschäfte machten, stelle er immer wieder fest: Für Reisen innerhalb von Europa seien die meisten nicht versichert.

Dabei würden die gesetzlichen Krankenkassen auch in Europa nur die Kosten übernehmen, die das lokale System abdecke. Anfallende Zusatzkosten, wie beispielsweise einen Dolmetscher, der dem Arzt in Paris erkläre, das der Mitarbeiter etwas mit der Bauchspeicheldrüse habe, müsste die Firma selbst stemmen. „Während Großunternehmen im Notfall höhere Zusatzkosten selbst decken können, wäre es für ein kleines Unternehmen hingegen eine Katastrophe, wenn auf einmal eine Rechnung von 200.000 Euro auf dem Tisch liegt“, sagt Elsmann. Bei Auslandskrankenversicherungen seien Assistenzleistungen wie der Rücktransport nach Deutschland mitversichert. „So eine Police kostet 25 Cent am Tag pro Mitarbeiter“, erklärt er.

Gläserner Geschäftsreisender

Notfälle halten sich selten an Bürozeiten. 24-Stunden-Hotlines bei Versicherungsgesellschaften und Sicherheitsdienstleistern sind daher Standard. Mittlerweile werben viele Anbieter auf dem Markt auch mit Apps, die in Echtzeit anhand von Buchungsdaten über aktuelle Entwicklungen im Zielland – über Verspätungen des Flugs, Streiks, Hochwasser oder Terroranschläge – informieren. Diese Applikationen sind zumeist kostenlos und dienen nicht, wie bisweilen befürchtet, zur Dauerkontrolle des Mitarbeiters durch den Chef.

„Travel-Tracker, die auf dem Markt zur ‚Überwachung‘ eingesetzt werden, übermitteln Buchungsdaten – keine Bewegungsdaten. Das sollte dem Mitarbeiter gegenüber klar kommuniziert werden“, sagt Lehle vom VDR. Sicherheitstrainings und Apps sind jedoch nur ein kleines Puzzleteil im großen Ganzen.

Proben für den Ernstfall

Auch während der Reise sollten Unternehmen die Lage vor Ort genau im Blick behalten. Kommt es zu Zwischenfällen, können sie sich zwar von Sicherheitsdienstleistern beraten lassen, aber letztlich liegt die Verantwortung immer noch bei ihnen. „Es genügt nicht, nur einen Dienstleister zu beauftragen und dann die Hände in den Schoss zu legen“, mahnt Sicherheitsexpertin Lehle. Unternehmen sollten bereits im Vorfeld festlegen, an wen sich Mitarbeiter bei einem medizinischen oder bei einem Sicherheitsnotfall wenden können. Darüber hinaus sollten sie Notfallpläne parat haben, in denen festgelegt wird, welche Verfahren sie einleiten, wenn ein Mitarbeiter nicht erreichbar ist oder nach einem Unfall oder einer Naturkatastrophe zurück in die Heimat gebracht werden muss.

Auch das kann geprobt werden. Dann rücken Michel und sein Team auf dem Werksgelände an und spielen ganz nach Drehbuch den Ernstfall durch: Am Telefon radebrecht dann der des Englischen kaum mächtige Arzt eines Krankenhauses in Nordafrika.

Info

Safety first

Wie Unternehmen bei den Reisevorbereitungen auf Nummer Sicher gehen können

Vor der Reise 

  • Mitarbeiter über medizinische und kulturelle Risiken informieren
  • Sicherheitstraining
  • je nach Dauer der Reise und Zielland gesundheitliche Eignungsprüfung veranlassen
  • Mitarbeiter in der Sicherheitsliste des Auswärtigen Amts anmelden (https://elefand.diplo.de)
  • Reisewarnungen des Auswärtigen Amts oder anderer europäischer Botschaften beachten
  • versiegelte Akte mit der Krankengeschichte des Mitarbeiters anlegen
  • Notfallplan ausarbeiten
  • Notfall durchspielen

Während der Reise 

  • Versicherungsschutz
  • Lage vor Ort im Blick behalten
  • Notfallhilfen
  • mit dem Mitarbeiter feste Meldezeiten vereinbaren, insbesondere bei Überlandfahrten

Nach der Reise

  • medizinische Nachsorge
  • eventuelle psychologische Betreuung

Quelle: Smart Risk Solutions


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 11/2017. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.