Donnerstag, 11.01.2018

Foto: jasminam/Thinkstock/GettyImages

Scharfer Zündstoff: Die Regierung in Teheran hat die Preise für Lebensmittel erhöht. Betroffen sind vor allem Grundnahrungsmittel. Die Preiserhöhungen sorgen für Unmut bei der Bevölkerung.

Zukunftsmärkte
Unruhen gegen das Mullah-Regime

„Die Proteste im Iran vergrößern Furcht vor neuen Sanktionen“

Tausende Menschen gehen im Iran auf die Straße, um gegen das Mullah-Regime zu demonstrieren. Auch deutsche Mittelständler betrachten die Proteste mit Sorge, sagt Michael Tockuss von der Deutsch-Iranischen Handelskammer Hamburg.

Herr Tockuss, wie ist die aktuelle Stimmung unter deutschen Mittelständlern?
Die deutschen Unternehmen betrachten die politische Lage mit Sorge. Vereinzelt haben uns Unternehmen angerufen und sich danach erkundigt, inwieweit Mitarbeiter noch sicher reisen können. Es gab Nachfragen dazu, welche Risiken es gibt, wenn das Personal jetzt nach Teheran fliegt oder Monteure runter an den Persischen Golf müssen, wo die großen petrochemische Anlagen des Iran stehen.

Aktuelles aus dem Mittelstand: Folgen Sie uns auf Zum Linkedin Profil von Markt und Mittelstand und Zum Linkedin Profil von Markt und Mittelstand


Der Westen hat die Sanktionen gegen den Iran teilweise aufgehoben. Nach der Isolation öffnet sich das Land. Mit Hassan Rohani ist zudem ein Mann an der Macht, der eine liberalere Politik verspricht. Was treibt die iranischen Menschen trotzdem auf die Straßen?
Die Ursachen für den Beginn der Proteste liegen ganz klar im wirtschaftlichen Bereich. Für Unmut sorgte die Ankündigung der Regierung, die Preise für Grundnahrungsmittel zu erhöhen. Zum persischen Neujahrsfest am 21. März will sie zusätzlich die Preise für Benzin anheben. Die Befürchtung ist groß, dass Teile der Bevölkerung durch diese Reformen unter das Existenzminimum fallen könnten. Die Proteste sind also nicht politisch, sondern zunächst nur aus Sorge vor der wirtschaftlichen Entwicklung initiiert worden. Erst später entwickelten sich auch politische Forderungen. 

Wie wirken sich die Demonstrationen bislang auf die deutsche Wirtschaft, die Investitionen und die Produktion vor Ort aus?
Aktuell spüren wir keinerlei Auswirkungen. Wir stehen in ständigem Austausch mit Unternehmen, die vor Ort tätig sind, auch aus dem Banken- und Logistiksektor. Insbesondere bei diesen Branchen würden wir relativ schnell merken, ob die Proteste einen negativen Einfluss auf das Geschäftsleben haben. Momentan spüren wir davon aber nichts. Auch die Zollabfertigung und Warenlieferungen laufen reibungslos. Aber natürlich sorgen solche Proteste dafür, dass der Iran als Investitionsstandort in keinem positiven Licht erscheint.

Welche Befürchtungen lösen die Proteste bei deutschen Unternehmen aus?
Die Unternehmen, die Mitglied unseres Verbands sind, verfügen bereits über eine lange Erfahrung im Iran-Geschäft. Sie wissen, dass es im Land immer mal wieder Phasen gab, in denen es zu politischen Auseinandersetzungen kam. Die aktuellen Proteste stufen sie daher nicht als bedrohlich ein, zumal sie regional begrenzt sind. Im Gegensatz zu früher fehlen auch zentrale Wortführer, die politische Forderungen aufstellen und an die Regierung adressieren.

Könnte es denn zu einer Wiedereinführung der Sanktionen kommen?
Ganz klar, die Proteste haben diese Furcht noch einmal vergrößert. Wir alle blicken mit Sorge in die USA und verfolgen, was dort passiert. Im Augenblick gibt es offenbar einen intensiven Dialog zwischen Präsident Donald Trump und einzelnen Kongressmitgliedern. Der Kongress will am Atomabkommen festhalten, der Präsident hingegen würde gerne wieder Sanktionen einführen. Viel interessanter ist in diesem Zusammenhang jedoch die Haltung Europas. Früher sind die Europäer mehr oder weniger der Politik der Amerikaner gefolgt. Das hat sich jetzt geändert. Sowohl das Auswärtige Amt als auch das Bundeswirtschaftsministerium äußern sich relativ eindeutig: Europa soll sich nicht an neuen Sanktionen beteiligen. Eine ähnliche Haltung ist noch viel deutlicher aus Peking und Moskau zu hören. Für den Fall neuer Sanktionen stünden die USA also ziemlich allein.

Immerhin hat die Bundesregierung für das Iran-Geschäft wieder Hermesbürgschaften zugesichert.
Das ist richtig. Und auch das ist eine positive Entscheidung. Aber: Die absolute Anzahl an Hermesdeckungen ist im Augenblick relativ gering. Der Iran zählte über viele Jahre zu den drei wichtigsten Ländern für Hermesdeckungen weltweit. Aktuell ist er nicht einmal unter den Top Ten. Hinzu kommt: Da es keine Finanzierung für Geschäfte mit dem Iran gibt, haben Unternehmen eben auch keine Möglichkeiten, Hermesdeckungen tatsächlich in Anspruch zu nehmen. Was die Wirtschaft dringend braucht, ist eine staatliche Bank wie beispielsweise die KfW, die dem Iran eine Finanzierung von einer Milliarde Euro zusichert. Das wäre ein Eisbrecher und ein starkes Signal an andere Banken.

Sie sprachen es gerade selbst an: Die Finanzierung ist nach wie vor das größte Hindernis im Iran-Handel: Könnten die politischen Unruhen dafür sorgen, dass sich dieses Problem verschärft?
Die aktuelle politische Lage kann dieses Problem gar nicht weiter verschärfen – ganz einfach deshalb, weil es in Deutschland keinerlei größere Bankenfinanzierungen für Geschäfte im zweistelligen Millionenbereich gibt. Mit dem Abschluss des Atomabkommens im Januar 2016 haben sich Politikerdelegationen von Bund und Ländern quasi die Flugzeugklinke in die Hand gegeben. Alles reiste so schnell wie möglich in den Iran. Bei der Frage nach der längerfristigen Finanzierung fehlt es hingegen weiterhin an politischer Unterstützung. Das ist ärgerlich. Denn: Norwegen und Österreich zeigen, dass es auch anders geht. In Norwegen stellt der Ölfonds Finanzierungen zur Verfügung, bei unseren österreichischen Nachbarn ist es die Oberbank. Nur in Deutschland kommen wir nicht richtig voran. Das schadet unserer Wirtschaft.

Wie geht es mit den deutsch-iranischen Handelsbeziehungen angesichts der politischen Lage weiter?
Ich gehe davon aus, dass wir weiter deutlich zweistellige Zuwächse im Iran-Handel haben werden. In diesem Jahr dürfte der Handel um 20 Prozent zunehmen. Für 2019 erwarte ich ähnliche Wachstumsraten. Trotz dieser Zuwächse muss Deutschland aber aufpassen, dass es als internationales Lieferland für den Iran nicht weiter abrutscht. Deutschland liegt bei den Lieferungen in den Iran momentan auf Platz 5, weit hinter dem Hauptlieferanten China, aber auch Ländern wie Südkorea.

Was raten Sie deutschen Mittelständlern angesichts der aktuellen Situation?
Ich rate mittelständischen Unternehmen, ihre Möglichkeiten im Iran sehr genau zu prüfen. Der Iran ist, was Investitionen und eigene Niederlassungen angeht, kein Land für Anfänger. Wer sich mit dem Gedanken trägt, dort eine größere Investition zu tätigen, sollte zunächst engere Lieferbeziehungen mit einem iranischen Partner aufbauen. Mittelfristig halte ich das Land weiter für einen sehr interessanten Standort für deutsche Mittelständler.

Info

Michael Tockuss ist der Geschäftsführer der Deutsch-Iranischen Handelskammer Hamburg.